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Die beiden Gräben, jeder sechs Fuß breit, erstreckten sich aufwärtsführend vor den großen Rädern des Hauptfahrwerks der Düsenmaschine auf den festen Grund zu, auf den Patroni hoffte, das Flugzeug mit eigener Kraft bringen zu können. Die Sohle der Gräben war eine Masse aus schneedurchsetztem Schlamm, in dem die von der Taxibahn abgekommene Maschine steckengeblieben war. Schlamm und Schneematsch hatten sich vermischt, waren aber weniger gefährlich, je weiter die Gräben an die Oberfläche führten. Ein dritter Graben, nicht ganz so tief und weniger breit als die beiden anderen, war für das vordere Rad gegraben worden. Sobald die Maschine festeren Grund erreichte, war Startbahn Drei-Null wieder frei, über die jetzt eine ihrer Tragflächen hinausragte. Sie würde sich dann auch verhältnismäßig mühelos auf die feste Decke der angrenzenden Taxibahn manövrieren lassen.

Nachdem die Vorbereitungen jetzt nahezu abgeschlossen waren, hing der Erfolg des nächsten Schrittes von den Piloten der Maschine ab, die noch im Cockpit der Boeing 707, hoch über dem gegenwärtigen Arbeitsgebiet, warteten. Sie würden entscheiden müssen, mit wieviel Kraft sie die Motoren sicher laufen lassen konnten, um das Flugzeug vorwärts zu bewegen, ohne daß sie Gefahr liefen, die Maschine auf den Kopf zu stellen.

Während des größten Teils der Zeit hatte Patroni seit seiner Ankunft wie alle anderen Männer mit einer Schaufel gearbeitet. Er nahm manchmal ganz gern eine Chance wahr, sich in Form zu halten. Selbst jetzt, zwanzig Jahre nachdem er den Boxsport aufgegeben hatte, war er körperlich in besserer Verfassung als die meisten jüngeren Männer. Die Leute vom Bodenpersonal sahen es gern, daß der kräftige, untersetzte Patroni genauso wie sie arbeitete. Er trieb sie an und munterte sie auf: »Nur immer weiter, Junge, sonst glauben wir noch, wir wären Totengräber und du die Leiche.« — »Also, wenn man sieht, wie oft ihr zu dem Bus da rennt, könnte man meinen, ihr hättet dort ein Weib versteckt.« — »Wenn du dich noch lange auf deine Schaufel stützt, Jack, dann bist du bald so steif gefroren wie Lots Weib.« — »Mann, wir wollen das Flugzeug hier rausholen, ehe es völlig veraltet ist.«

Bisher hatte Joe Patroni noch nicht mit dem Kapitän und dem Ersten Offizier gesprochen. Er hatte das Ingram überlassen, der vor seiner Ankunft die Bergungsarbeiten leitete. Ingram hatte die Piloten telefonisch benachrichtigt und ihnen erklärt, was draußen geschah.

Jetzt richtete Patroni sich auf, drückte Ingram seine Schaufel in die Hand und sagte: »In fünf Minuten müßte es soweit sein. Wenn Sie fertig sind, schaffen Sie die Leute und die Wagen aus dem Weg.« Er deutete auf die schneebedeckte Maschine. »Wenn sie hier rauskommt, wird sie losschießen wie der Korken aus einer Sektflasche.«

Ingram, seinen Anorak fest um sich gezogen, der ihn vor dem kalten Wind kaum noch schützen konnte, nickte.

»Inzwischen werde ich mich mit diesen Flugkünstlern da oben unterhalten«, erklärte Patroni.

Die altmodische Einstiegleiter, die vor einigen Stunden vom Flughafengebäude herbeigeholt worden war, um die gestrandeten Passagiere aus der Maschine herauszuholen, stand noch an der gleichen Stelle dicht bei der Nase des Flugzeugs. Patroni kletterte über ihre tiefverschneiten Stufen und öffnete die vordere Kabinentür. Er ging zur Pilotenkanzel nach vorn und zündete sich dabei erleichtert seine unvermeidliche Zigarre an.

Im Gegensatz zu dem kalten, windigen Flugfeld war es in der Pilotenkanzel behaglich und still. Aus einem der Lautsprecher der Funkanlage ertönte gedämpft die Musik eines Rundfunksenders. Als Patroni eintrat, knipste der Erste Offizier der Aereo Mexican an einem Schalter, und die Musik brach ab.

»Die Mühe brauchen Sie sich nicht zu machen.« Der untersetzte Patroni schüttelte sich wie ein Bullterrier, daß der schmelzende Schnee in Schwaden von seiner Kleidung stob. »Warum sollten Sie es sich auch nicht bequem und angenehm machen? Wir hatten schließlich gar nicht von Ihnen erwartet, daß Sie aussteigen und mit uns schaufeln würden.«

Im Cockpit befanden sich nur der Kapitän und der Erste Offizier. Patroni erinnerte sich, daß der Flugingenieur mit den Stewardessen und den Passagieren zum Flughafengebäude gefahren war.

Der Kapitän, ein kräftiger, dunkelhäutiger Mann, der Anthony Quinn ähnelte, fuhr auf seinem Sitz links in der Kanzel herum.

Steif antwortete er: »Wir haben unsere Aufgaben, Sie die Ihren.« Sein Englisch war präzise.

»Ganz richtig«, bestätigte Patroni. »Nur wird in unsere Aufgaben hineingepfuscht und uns zusätzliche Arbeit gemacht. Von anderen.«

»Falls Sie von dem sprechen, was hier vorgefallen ist«, antwortete der Kapitän, »Madre de Dios! Sie nehmen doch wohl nicht an, ich hätte das Flugzeug absichtlich in den Matsch gefahren?«

»Nein, bestimmt nicht.« Patroni warf eine Zigarre fort, die er völlig zerkaut hatte, steckte sich eine neue in den Mund und zündete sie an. »Aber jetzt steckt es da drin, und ich will sichergehen, daß wir es bei dem nächsten Versuch herausbekommen. Wenn das nicht gelingt, sackt die Maschine bestimmt noch erheblich tiefer ein. Dann sitzen wir alle noch tiefer drin, einschließlich Ihnen.« Er deutete mit dem Kopf auf den Sitz des Kapitäns. »Wollen Sie mir nicht den Platz da einräumen und mich das Flugzeug herausrollen lassen?«

Der Kapitän errötete. Bei kaum einer Fluggesellschaft gab es jemand, der so ungeniert mit Kapitänen sprach wie Joe Patroni.

»Nein, danke«, erwiderte der Kapitän kalt. Er hätte vielleicht noch unfreundlicher reagiert, wenn es ihm nicht im höchsten Maße peinlich gewesen wäre, überhaupt in diese Notlage gekommen zu sein. Er rechnete damit, daß er morgen in Mexico City mit dem Chefpiloten seiner Fluggesellschaft eine unerfreuliche, scharfe Auseinandersetzung führen mußte. Innerlich tobte er: Jesucristo y por la amor de Dios!

»Da draußen ist ein Haufen halberfrorener Kerle, die sich krumm und lahm geschuftet haben«, erklärte Patroni hartnäckig. »Hier herauszukommen ist riskant. Ich habe das schon mal gemacht. Vielleicht sollen Sie es doch mir überlassen.«

Der Kapitän der Aereo Mexican wurde störrisch. »Ich weiß, wer Sie sind, Mr. Patroni, und mir wurde gesagt, daß Sie uns wahrscheinlich hier heraushelfen können, wenn es anderen nicht gelingt. Ich zweifle also nicht daran, daß Sie eine Lizenz besitzen, Flugzeuge auf dem Boden zu rollen. Aber lassen Sie sich daran erinnern, daß wir beide hier die Lizenz besitzen, Flugzeuge zu fliegen. Dafür werden wir bezahlt. Und deshalb bleiben wir am Steuer.«

»Ganz, wie Sie wollen.« Joe Patroni hob die Schultern. »Nur eines noch. Wenn ich Ihnen das Signal gebe, dann öffnen Sie die Treibstoffhebel ganz. Und ich meine wirklich ganz. Kneifen Sie also nicht, wenn es soweit ist.«

Er ignorierte die wütenden Blicke der beiden Piloten, als er das Cockpit verließ.

Draußen waren die Grabarbeiten beendet. Einige der Männer, die bis eben noch geschaufelt hatten, wärmten sich wieder im Bus auf. Die Busse und die anderen Fahrzeuge waren mit Ausnahme eines Kompressorfahrzeugs, das benötigt wurde, um die Motoren anzulassen, weiter von der Maschine fortgeschafft worden.

Joe Patroni schloß die vordere Kabinentür hinter sich und kletterte die Einstiegtreppe hinunter. Ingram, noch fester als vorher in seinem Anorak gehüllt, meldete: »Es ist alles bereit.«

Patroni erinnerte sich, daß seine Zigarre noch brannte, zog ein paarmal kräftig daran und ließ sie in den Schnee fallen, wo sie sofort ausging. Er deutete auf die stummen Düsenmotoren. »Also los, wir wollen alle vier anlassen.«