Danach war der Polizist gegangen, in die Richtung zurückgekehrt, aus der sie gekommen waren, und Inez tat, was sie geheißen worden war. Sie ging eine Treppe hinunter und war beinahe schon bei der großen Tür, durch die sie mußte, um zu dem Bus zu kommen, als sie einen vertrauten Anblick sah: einen Würstchenstand. In diesem Augenblick merkte sie, wie hungrig und durstig sie trotz allem war. Sie wühlte in ihrer Börse und fand 35 Cents. Sie kaufte sich eine heiße Wurst und einen Pappbecher Kaffee. Und irgendwie war der Anblick dieser beiden so gewöhnlichen Dinge aufmunternd. Nicht weit von dem Stand entfernt fand sie eine Bank und nahm auf einer Ecke Platz. Jetzt wußte sie nicht, wieviel Zeit seitdem vergangen war, aber nachdem sie den Kaffee getrunken und die Wurst gegessen hatte, ließ das eben erst einsetzende Bewußtsein für die Wirklichkeit bei ihr in für sie tröstlicher Weise wieder nach. Auch die Menschenmenge um sie herum, der Lärm und die Ankündigungen über die Lautsprecher besaßen für sie etwas Tröstendes. Zweimal glaubte Inez ihren Namen über die Lautsprecher zu hören, wußte aber, daß es Einbildung war und nicht Wirklichkeit sein konnte, weil niemand sie rufen würde oder auch nur wissen konnte, daß sie hier war.
Dunkel erkannte sie, daß sie bald weiter mußte, und spürte, daß das heute nacht für sie besonders anstrengend war. Doch ein Weilchen, dachte sie, könne sie wohl hier noch still sitzen bleiben.
8
Mit einer Ausnahme trafen alle, die in das Büro des Flughafendirektors in den Verwaltungsräumen im Zwischenstock gerufen worden waren, schnell dort ein. Die Anrufe — manche von Mel Bakersfeld, andere von Tanya Livingston — hatten auf Eile gedrängt und auf die Notwendigkeit hingewiesen, das, was sie gerade taten, stehen- und liegenzulassen.
Der Bezirksleiter der Trans America, Tanyas Chef, Bert Wea-therby, kam als erster.
Leutnant Ordway, der seine Polizisten auf die Suche nach Inez Guerrero geschickt hatte, wenn er auch noch nicht wußte warum, folgte kurz danach. Für den Augenblick hatte Ordway die beträcht-liehe Gruppe der Einwohner von Meadowood, die sich in der Haupthalle drängte und zuhörte, wie Rechtsanwalt Freemantle ihren Fall vor den Fernsehkameras erläuterte, sich selbst überlassen.
Als Weatherby durch die Tür vom Vorzimmer in Mels Büro eintrat, fragte er ungeduldig: »Um was geht es eigentlich, Mel?«
»Wir sind uns noch nicht sicher, Bert, und haben auch noch nicht sehr viel in der Hand, aber es besteht die Möglichkeit, daß sich an Bord Ihres Fluges Zwei eine Bombe befindet.«
Der Bezirksverkehrsleiter blickte Tanya forschend an, vergeudete aber keine Zeit auf die Frage, warum sie hier sei. Sein Blick ging zu Mel zurück. »Lassen Sie hören, was sie wissen.«
Mel faßte für Weatherby und Ned Ordway zusammen, was bisher bekannt war oder vermutet werden mußte: den Bericht von Zollinspektor Standish über den Passagier mit dem Aktenkoffer, den der Mann in einer Weise an sich drückte, die Standish, ein erfahrener Beobachter, für verdächtig hielt; Tanyas Ermittlung, daß der Mann mit dem Koffer ein gewisser D. O. Guerrero oder vielleicht Buerrero war; die Enthüllung des Angestellten der Fluggesellschaft in der Stadt, daß Guerrero den Flug mit keinem anderen Gepäck als nur dem bereits erwähnten Aktenkoffer angetreten hatte; Guerreros Abschluß einer Flugversicherung über dreihunderttausend Dollar auf dem Flughafen, für die zu bezahlen er kaum genug Geld besaß, so daß er eine fünftausend Meilen lange Reise nicht nur ohne Gepäck, sondern auch ohne Barmittel anzutreten schien; und schließlich — vielleicht rein zufällig, vielleicht aber auch nicht — Mrs. Inez Guerrero, die einzig Begünstigte in der Flugversicherungspolice ihres Mannes, die anscheinend im Zustand größter Verzweiflung durch das Flughafengebäude geirrt war.
Während Mel sprach, kam Zollinspektor Harry Standish, noch in Uniform, gefolgt von Bunnie Vorobioff, herein. Bunnie trat unsicher in das Büro und sah die ihr unbekannten Menschen und die ihr fremde Umgebung forschend an. Als sie die Bedeutung dessen, was Mel sagte, erfaßte, wurde sie blaß und schien verstört zu sein.
Der einzige, der nicht kam, war der Angestellte der Trans America, der an Ausgang siebenundvierzig Dienst gehabt hatte, als Flug Zwei abgefertigt worden war. Ein Inspektor, mit dem Tanya vor wenigen Minuten gesprochen hatte, hatte ihr mitgeteilt, daß der Betreffende jetzt dienstfrei sei und sich auf dem Weg nach Hause befinde. Sie gab Anweisungen, den Angestellten zu Hause zu benachrichtigen, daß er sich sofort telefonisch melden solle, wenn er nach Hause käme. Tanya bezweifelte, daß es etwas nützen könne, ihn noch heute nacht zum Flughafen zurückzuholen. Einmal wußte sie bereits, daß er sich nicht daran erinnerte, ob Guerrero an Bord gegangen war, aber vielleicht wollte ihn jemand anderes telefonisch befragen.
»Ich habe jeden angerufen, der bisher mit der Sache etwas zu tun hatte«, informierte Mel den Bezirksverkehrsleiter, »falls Sie oder jemand anderes Fragen haben. Was wir entscheiden müssen, ist meiner Meinung nach — und diese Entscheidung liegt in erster Linie bei Ihnen —, ob wir genügend Gründe haben, Ihren Kapitän von Flug Zwei zu Warnen oder nicht.« Mel wurde wieder daran erinnert, was er vorübergehend aus seinen Gedanken verdrängt hatte: daß der Kommandant dieses Flugs sein Schwager Vernon Demerest war. Mel war klar, daß er später gewisse Auswirkungen neu überdenken mußte — doch nicht jetzt.
»Ich denke darüber nach.« Der Bezirksverkehrsleiter war grimmig. Er wandte sich an Tanya. »Doch, was wir auch entscheiden, ich will die Operationsabteilung dabei haben. Stellen Sie fest, ob Royce Kettering noch auf dem Flughafen ist. Wenn ja, holen Sie ihn schnell her.«
Kapitän Kettering war der Chefpilot der Trans America auf Lincoln International Airport. Er hatte an diesem Abend das Flugzeug N-731-TA erprobt, ehe die Maschine als Flug Zwei The Golden Argosy nach Rom startete.
»Ja, Sir«, antwortete Tanya.
Während sie an einem Telefon sprach, klingelte ein anderes. Mel meldete sich.
Es war der Dienstleiter im Kontrollturm. »Ich habe die Meldung über Trans America Zwei, die Sie haben wollten.« Einer der Anrufe Mels vor wenigen Minuten war an die Flugsicherung gegangen und hatte um Informationen über die Startzeit und den Verlauf des Flugs gebeten.
»Sprechen Sie.«
»Der Start erfolgte um 11.13 Uhr Ortszeit.« Mels Blick wanderte zur Wanduhr. Es war jetzt fast zehn Minuten nach Mitternacht. Die Maschine befand sich seit fast einer Stunde in der Luft.
Der Dienstleiter fuhr fort: »Chicago Center gab den Flug um 12.27 Uhr EST an Cleveland Center weiter, Cleveland um 01.03 Uhr EST an Toronto weiter. Das war vor sieben Minuten. Im Augenblick berichtet Toronto Center die Position des Flugzeugs in der Nähe von London, Ontario; wenn Sie wollen, habe ich weitere Informationen: Kurs, Höhe, Geschwindigkeit.«
»Das genügt im Augenblick«, sagte Mel. »Vielen Dank.«
»Noch etwas, Mr. Bakersfeld.« Der Dienstleiter gab eine Zusammenfassung von Joe Patronis letztem Bericht über Startbahn Drei-Null. Die Startbahn würde mindestens noch eine weitere Stunde lang nicht betriebsfähig sein. Mel hörte ungeduldig zu. Im Augenblick erschienen ihm andere Dinge wichtiger.
Nachdem er eingehängt hatte, wiederholte Mel die Informationen über die Positionen von Flug Zwei für den Bezirksverkehrsleiter.
Tanya kam von dem anderen Telefon. Sie meldete: »Die Operationsabteilung hat Kettering gefunden. Er ist auf dem Weg hierher.«
»Diese Frau — die Ehefrau des Passagiers —«, sagte der Bezirksverkehrsleiter, »wie heißt sie noch?«