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»Inez Guerrero«, antwortete Ned Ordway.

»Wo ist sie?«

»Wir wissen es nicht.« Der Polizeioffizier erklärte, daß seine Leute den Flughafen absuchten, obwohl die Frau inzwischen fort sein könne. Er fügte hinzu, daß das Polizeipräsidium in der Stadt alarmiert sei, und daß alle Busse vom Flughafen bei ihrer Ankunft in der Stadt nach ihr durchsucht würden.

»Als sie hier war, hatten wir keine Ahnung«, erklärte Mel.

Der Bezirksverkehrsleiter grunzte. »Wir waren alle langsam.« Er sah zu Tanya hinüber, dann zu Zollinspektor Standish, der bisher noch nichts gesagt hatte. Tanya wußte, daß ihr Chef jetzt seine Anweisung, es zu vergessen, bereute. Jetzt sagte er zu ihr: »Wir müssen dem Kapitän des Fluges etwas mitteilen. Er hat ein Recht darauf, alles zu erfahren, was wir wissen, selbst wenn wir bisher nur Vermutungen anstellen können.«

Tanya fragte: »Sollten wir ihm nicht eine Personenbeschreibung von Guerrero durchgeben? Vielleicht will Kapitän Demerest ihn identifizieren, ohne das der Mann es merkt.«

»Wenn Sie das tun wollen«, erklärte Mel, »können wir Ihnen helfen. Hier sind Leute anwesend, die den Mann gesehen haben.«

»Gut«, stimmte Weatherby zu. »Wir wollen das vorbereiten. Tanya, rufen Sie inzwischen unsere Nachrichtenübermittlung an. Sagen Sie, in wenigen Minuten käme eine wichtige Mitteilung, und sie sollten eine Selcal-Verbindung mit Flug Zwei herstellen. Ich wünsche die Sache vertraulich zu behandeln: keine Funksprüche, die jeder mithören kann. Vorläufig wenigstens.«

Tanya ging wieder ans Telefon.

Mel wandte sich an Bunnie. »Sie sind Miss Vorobioff?«

Sie nickte nervös, und alle Augen richteten sich auf sie. Automatisch wanderten die Blicke der Männer zu Bunnies vollem Busen. Der Bezirksverkehrsleiter schien pfeifen zu wollen, beherrschte sich aber.

Mel fragte: »Sie wissen, von welchem Mann wir sprechen?«

»Ich — ich bin mir nicht sicher.«

»Es ist ein Mann namens D. O. Guerrero. Sie haben heute abend eine Versicherungspolice für ihn ausgefertigt, oder nicht?«

Bunnie nickte wieder. »Ja.«

»Haben Sie sich ihn genau angesehen, als Sie die Police ausfüllten?«

Sie schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht.« Ihre Stimme war leise. Sie feuchtete ihre Lippen an.

Mel schien überrascht. »Am Telefon dachte ich . . .«

»Es waren so viele andere Leute da«, sagte Bunnie abweisend.

»Aber Sie haben mir doch gesagt, daß Sie sich an ihn erinnern.«

»Das war jemand anderes.«

»Und an diesen Guerrero erinnern Sie sich nicht?«

»Nein.«

Mel machte ein ratloses Gesicht.

»Lassen Sie mich mal, Mr. Bakersfeld.« Ned Ordway trat einen Schritt vor. Er schob sein Gesicht vor das des Mädchens. »Sie haben Angst vor Schwierigkeiten, oder nicht?« Ordways Stimme hatte den harten, schroffen Ton eines Polizisten, war ganz und gar nicht die sanfte Stimme, mit der er vorher zu Inez Guerrero gesprochen hatte.

Bunnie wich zurück, aber antwortete nicht.

»Also, ist es so? Antworten Sie mir«, drängte Ordway.

»Ich weiß nicht.«

»Doch. Sie wissen es. Sie fürchten sich, jemand zu helfen, aus Angst davor, was für Sie dabei herauskäme. Ich kenne Ihre Sorte.« Ordway spie die Worte verächtlich aus. Hier zeigte sich die brutale, harte Seite in der Natur des Leutnants, die Mel noch nie zu sehen bekommen hatte.

»Jetzt hören Sie mir gut zu, mein Kind. Wenn Sie Angst vor Schwierigkeiten haben: die handeln Sie sich gerade ein. Die Möglichkeit, sich Schwierigkeiten zu ersparen — falls Sie das noch können —, ist Fragen beantworten. Und schnell antworten. Unsere Zeit ist knapp.«

Bunnie zitterte. Sie hatte Polizeiverhöre in der harten Schule Osteuropas fürchten gelernt. Das war eine Lehre, die niemand völlig vergessen konnte. Ordway hatte die Anzeichen erkannt.

»Miss Vorobioff«, sagte Mel, »an Bord des Flugzeugs, um das es hier geht, sind fast zweihundert Menschen. Sie können in großer Gefahr sein. Jetzt frage ich Sie noch einmaclass="underline" Haben Sie sich diesen Guerrero genau angesehen?«

Bunnie nickte langsam. »Ja.«

»Beschreiben Sie ihn bitte.«

Das tat sie, zunächst stockend, dann mit größerer Sicherheit.

Während alle aufmerksam zuhörten, entstand ein Bild von D. O. Guerrero: hager und spindeldürr; ein blasses, ausgemergeltes Gesicht mit vorstehendem Kinn; langer, magerer Hals; dünne Lippen; ein kleiner, sandfarbener Schnurrbart; nervöse Hände mit rastlosen Fingern. Wenn man es genau betrachtete, erwies Bunnie Voro-bioff sich als eine scharfe Beobachterin.

Der Bezirksverkehrsleiter, der jetzt an Mels Schreibtisch saß, notierte die Beschreibung und arbeitete sie in die Mitteilung an Flug Zwei ein, die er schon entwarf.

Als Bunnie zu dem Teil kam, daß D. O. Guerrero kaum genug Geld hatte, vor allem gar kein italienisches Geld, seine nervöse Spannung, sein Fummeln mit Zehncent- und Eincentstücken, seine Aufregung bei der Entdeckung einer Fünfdollarnote in einer Innentasche, blickte Weatherby mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen auf. »Mein Gott! Und trotzdem haben Sie ihm eine Police ausgestellt? Sind Sie denn wahnsinnig?«

»Ich dachte . . .«, begann Bunnie.

»Sie dachten! Aber getan haben Sie nichts?«

Mit blassem verstörtem Gesicht schüttelte Bunnie Vorobioff den Kopf.

»Bert, wir vergeuden Zeit«, mahnte Mel den Bezirksverkehrsleiter.

»Ich weiß, ich weiß. Trotzdem . . .«

Weatherby hielt den Bleistift gepackt, mit dem er geschrieben hatte. Er murmelte: »Sie ist es ja nicht allein, und nicht einmal die Leute, die sie beschäftigen. Wir sind es, die Fluggesellschaften. Wir verdienen die gleichen Vorwürfe. Wir sind mit den Piloten über den Abschluß von Flugversicherungen auf den Flughäfen einer Meinung, aber wir haben nicht den Mut, es zu sagen. Wir lassen sie unsere schmutzige Arbeit . . .«

Mel wandte sich kurz an Zollinspektor Standish: »Harry, haben Sie zu der Beschreibung von Guerrero noch etwas hinzuzufügen?«

»Nein«, antwortete Standish. »Ich war nicht so nahe bei ihm wie diese junge Dame, und sie bemerkte Dinge, die ich nicht gesehen habe. Aber wie Sie wissen, habe ich die Art und Weise beobachtet, wie er den Koffer behandelte, und ich würde folgendes sagen: Wenn dort wirklich das drin ist, was Sie glauben, dann darf niemand versuchen, ihm den Koffer zu entreißen.«

»Was schlagen Sie also vor?«

Der Zollbeamte schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Fachmann, folglich kann ich Ihnen nichts sagen, höchstens, daß man zu irgendeinem Trick greifen muß. Doch wenn es eine Bombe ist, muß sie sich geschlossen in dem Koffer befinden, und das bedeutet, daß ein Auslöser für sie da sein muß. Und vermutlich ist es ein Auslöser, an den er leicht herankommt. Er wacht jetzt scharf über den Koffer. Falls jemand versucht, ihm den Koffer wegzunehmen, wird er befürchten, daß er durchschaut wurde, und glauben, daß er nichts zu verlieren hat.« Grimmig fügte Standish hinzu: »Ein Finger am Abzug kann gefährlich jucken.«

»Selbstverständlich wissen wir noch nicht«, sagte Mel, »ob der Mann nicht ein gewöhnlicher Exzentriker ist, der nur seinen Schlafanzug im Koffer hat.«

»Wenn Sie meine Meinung wissen wollen«, entgegnete der Zollinspektor, »das glaube ich nicht. Ich wünschte, ich könnte es, denn eine Nichte von mir befindet sich in dem Flugzeug.«

Standish hatte bedrückende Überlegungen angestellt. Wie sollte er, um Gottes willen, die Nachricht seiner Schwester in Denver überbringen, wenn irgend etwas schiefging? Er erinnerte sich des letzten Anblicks von Judy: dieses reizende junge Mädchen, das mit dem Baby auf dem Nachbarsitz gespielt hatte. Zum Abschied hatte sie ihn geküßt. Auf Wiedersehen, Onkel Harry. Jetzt wünschte er sich verzweifelt, entschiedener gewesen zu sein, dem Mann mit dem Aktenkoffer gegenüber verantwortungsbewußter gehandelt zu haben.