Der Bezirksverkehrsleiter zeigte weiter seine Ungeduld, schwieg aber.
»Inez«, sagte Ordway, ». . . ich darf Sie doch Inez nennen?«
Sie nickte.
»Inez, wollen Sie meine Fragen beantworten?«
»Ja — wenn ich kann.«
»Warum fliegt Ihr Mann nach Rom?«
Ihre Stimme war gepreßt, kaum mehr als ein Flüstern. »Ich weiß es nicht.«
»Haben Sie dort Freunde, Verwandte?«
»Nein ... Da ist ein entfernter Vetter in Mailand, aber wir haben ihn nie gesehen.«
»Hat Ihr Mann mit dem Vetter korrespondiert?«
»Nein.«
»Wissen Sie einen Grund, weshalb Ihr Mann diesen Vetter besuchen sollte — ganz plötzlich?« »Dafür gibt es keinen Grund.«
Tanya warf dazwischen: »Auf jeden Fall würde niemand, der nach Mailand will, unseren Romflug nehmen, Leutnant. Er würde mit der Alitalia fliegen, die eine direkte Verbindung hat und billiger ist. Und die Alitalia hat heute abend auch einen Flug.«
Ordway nickte. »Den Vetter können wir wahrscheinlich ausschalten.« Er fragte Inez: »Hat Ihr Mann in Italien Geschäfte?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Was ist Ihr Mann von Beruf?«
»Er ist — war — Unternehmer.«
»Was für ein Unternehmer?«
Langsam, aber sicher fand Inez in die Wirklichkeit zurück. »Er hat Gebäude errichtet. Häuser. Wohnsiedlungen.«
»Sie sagten >war<. Warum ist er kein Unternehmer mehr?«
»Es — ging alles schief.«
»Sie meinen finanziell?«
»Ja, aber warum fragen Sie danach?«
»Bitte, glauben Sie mir, Inez«, antwortete Ordway, »dazu habe ich einen guten Grund. Es geht um die Sicherheit Ihres Mannes. Aber auch die Sicherheit anderer. Wollen Sie mir glauben?«
Sie blickte auf. Ihre Augen begegneten seinen. »Ja.«
»Befindet sich Ihr Mann jetzt in finanziellen Schwierigkeiten?«
Sie zögerte nur kurz. »Ja.«
»Großen Schwierigkeiten?«
Inez nickte langsam.
»Ist er bankrott? Verschuldet?«
Wieder ein Flüstern. »Ja.«
»Woher hat er dann das Geld für den Flug nach Rom?«
»Ich glaube . . .« Inez wollte etwas von ihrem Ring sagen, den O. D. verpfändet hatte, erinnerte sich dann aber an den Ratenzahlungsvertrag mit Trans America Airlines. Sie nahm das jetzt zerknitterte gelbe Blatt aus ihrer Handtasche und reichte es Ordway, der es überflog. Der Bezirksverkehrsleiter trat neben ihn.
»Es ist auf den Namen Buerrero ausgestellt«, sagte Weatherby, »obwohl die Unterschrift alles mögliche sein kann.«
Tanya erläuterte: »Buerrero ist der Name, der zuerst auf der Passagierliste stand.«
Ned Ordway schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt nicht wichtig. Es ist aber ein alter Trick, wenn jemand nicht kreditwürdig ist: Der Betreffende verändert den Anfangsbuchstaben, damit bei Nachforschungen die mangelnde Kreditwürdigkeit nicht herauskommt. Jedenfalls nicht so schnell. Wenn es später entdeckt wird, kann die Schuld dem zugeschoben werden, der das Formular ausgefüllt hat.«
Ordway wandte sich wieder streng an Inez. Er hielt das gelbe Formular in der Hand. »Warum haben Sie Ihre Zustimmung dazu gegeben, da Sie doch wußten, daß Ihr Mann betrog?«
»Davon habe ich nichts gewußt«, protestierte sie.
»Wie kommen Sie dann in den Besitz dieses Papiers?«
Stockend schilderte sie, wie sie es am Abend gefunden hatte und zum Flughafen gekommen war, um ihren Mann vor dem Abflug abzufangen.
»Sie hatten also bis heute abend keine Ahnung, daß er fliegen wollte?«
»Nein, Sir.«
»Daß er überhaupt fort wollte?«
Inez schüttelte den Kopf.
»Und selbst jetzt können Sie keinen Grund angeben, weshalb er ging?«
Sie sah ihn ratlos an. »Nein.«
»Hat Ihr Mann jemals unerklärliche Dinge getan?«
Inez zögerte.
»Nun«, drängte Ordway, »hat er oder nicht?«
»In letzter Zeit manchmal . . .«
»War er unberechenbar?«
Ein Flüstern. »Ja.«
»Gewalttätig?«
Widerstrebend nickte Inez.
»Ihr Mann hatte heute abend eine Tasche bei sich«, sagte Ord-way ruhig. »Einen kleinen Aktenkoffer. Und er scheint ihn besonders vorsichtig behandelt zu haben. Haben Sie eine Ahnung, was drin sein kann?«
»Nein, Sir.«
»Inez, Sie haben gesagt, daß Ihr Mann Unternehmer war — Bauunternehmer. Hat Ihr Mann bei seiner Arbeit jemals Sprengstoff verwendet?«
Die Frage wurde so beiläufig und ohne jede Vorbereitung gestellt, daß die Zuhörenden kaum zu bemerken schienen, daß sie gestellt worden war. Doch als ihre Bedeutung begriffen wurde, herrschte plötzlich Spannung im Raum.
»O ja«, antwortete Inez. »Oft.«
Ordway ließ eine merkliche Pause eintreten, ehe er fragte: »Versteht Ihr Mann viel von Sprengstoff?«
»Ich glaube ja. Er hat immer gern damit gearbeitet. Aber . . .« Unvermittelt brach sie ab.
»Was aber, Inez?«
Plötzlich sprach Inez Guerrero mit einer Nervosität, die sie vorher nicht gezeigt hatte. »Aber — er geht sehr vorsichtig damit um.« Ihre Augen wanderten durch den Raum. »Bitte — was soll das bedeuten?«
Ordway sagte leise: »Sie haben eine Vermutung, Inez, oder nicht?«
Als sie nicht antwortete, fragte er fast gleichgültig: »Wo wohnen Sie?«
Sie nannte die Adresse ihrer Wohnung, und er schrieb sie auf.
»War Ihr Mann dort heute nachmittag; am frühen Abend?«
Sie war jetzt völlig verstört. Sie nickte.
Ordway wandte sich an Tanya. Ohne die Stimme zu heben, bat er: »Stellen Sie mir bitte eine Verbindung mit dem Polizeipräsidium in der Stadt her, mit diesem Nebenanschluß.« Er kritzelte eine Nummer auf einen Block. »Ich komme gleich an den Apparat.«
Tanya trat schnell an Mels Schreibtisch.
Ordway fragte Inez: »Bewahrte Ihr Mann noch Sprengstoff in der Wohnung auf?« Als sie zögerte, fuhr er sie plötzlich mit überraschender Schärfe an: »Bisher haben Sie die Wahrheit gesagt. Fangen Sie jetzt nicht an, mich anzulügen! Also?«
»Ja.«
»Was war das für Sprengstoff?«
»Dynamit — und Zündkapseln . . . Sie waren übriggeblieben.«
»Von seiner Arbeit als Bauunternehmer?«
»Ja.«
»Hat er zu Ihnen je etwas darüber gesagt? Hat er einen Grund genannt, warum er es aufbewahrte?«
Inez schüttelte den Kopf. »Nur, daß — wenn man wüßte, wie man damit umgehen muß — es sei dann ungefährlich.«
»Wo wurde der Sprengstoff aufbewahrt?«
»Einfach in einer Schublade.«
»In einer Schublade, wo?«
»Im Schlafzimmer.« Inez' Gesichtsausdruck verriet plötzlich einen tiefen Schock. Ordway bemerkte es.
»Sie haben gerade an etwas gedacht. An was?«
»Es ist nichts!« Ihre Augen und ihre Stimme verrieten Panik.
»Doch, es ist etwas!« Ned Ordway beugte sich vor, neigte sich dicht zu Inez hinab; sein Ausdruck war aggressiv. Zum zweitenmal an diesem Abend zeigte er hier in dem Raum nichts von seiner Freundlichkeit; nur die rauhe, harte Brutalität eines Polizisten, der eine Antwort braucht und weiß, wie er sie bekommt. Er schrie sie an: »Versuchen Sie nicht, etwas zu verschweigen oder zu lügen! Das gelingt Ihnen nicht. Sagen Sie mir jetzt, woran Sie gedacht haben?« Als Inez wimmerte: »Sparen Sie sich das! Reden Sie!«
»Heute abend . . . Bisher hatte ich nicht daran gedacht . . . Diese Sachen . . .«
»Das Dynamit und die Zündkapseln?«
»Ja.«
»Sie vergeuden Zeit! Was ist damit?«
Inez flüsterte: »Sie waren fort.«
Tanya sagte ruhig: »Ich habe Ihre Verbindung, Leutnant. Sie warten auf Sie.«
Keiner sagte etwas.
Ordway nickte, sein Blick war unentwegt scharf auf Inez gerichtet. »Haben Sie gewußt, daß sich Ihr Mann heute abend, ehe er das Flugzeug bestieg, hoch versichert hat? Sehr hoch versichert hat? Und Sie als Begünstigte angab?«