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Jede von der Flugsicherung erbetene Hilfe wurde jedenfalls widerspruchslos und so schnell wie möglich gegeben.

Auch jetzt begann auf dem Boden das Räderwerk der Maßnahmen anzulaufen. Sobald der Kontroller in der Flugsicherung Toronto — die in einem hübschen modernen Gebäude etwa vierzehn Meilen jenseits der Stadtgrenze untergebracht war — den Funkspruch von Flug Zwei empfangen hatte, rief er einen Inspektor. Der Inspektor setzte sich mit anderen Sektoren in Verbindung und machte eine Schneise vor Flug Zwei und in den Höhen unmittelbar unter dem Kurs der Maschine frei — letzteres war eine Vorsichtsmaßnahme. Cleveland Center, das früher den Flug an Toronto Center weitergegeben hatte und ihn nun zurückbekommen würde, war bereits benachrichtigt worden, und Chicago Center, das ihn von Cleveland übernehmen würde, wurde jetzt schon verständigt.

Im Cockpit von Flug Zwei traf soeben eine neue Meldung der Flugsicherung ein. »Tiefer gehen auf Höhe zwei acht null. Meldet Verlassen von Flughöhe drei drei null.«

Anson Harris bestätigte. »Toronto Center, hier Trans America Zwei. Wir gehen jetzt tiefer.«

Auf Harris' Anordnung meldete der Zweite Offizier Jordan an die Vermittlung der Trans America über den Funk der Fluggesellschaft den Entschluß umzukehren.

Die Türe zur vorderen Kabine öffnete sich. Gwen Meighen kam herein.

»Also, wenn es um eine zweite Portion Vorspeisen geht«, sagte sie, »tut es mir leid, aber es ist nichts mehr da. Falls Sie es noch nicht wissen sollten: Wir haben nämlich ein paar Passagiere an Bord.«

»Auf die Insubordination komme ich später zurück«, sagte Demerest. »Im Augenblick« — hier ahmte er Gwens englischen Akzent nach — »haben wir etwas Wichtigeres zu tun.«

Äußerlich hatte sich in der Pilotenkanzel nichts verändert, seit vor ein paar Minuten die Nachricht des Bezirksverkehrsleiters eingegangen war. Die entspannte Stimmung, die vorher geherrscht hatte, war jedoch verschwunden. Unter ihrer gespielten Gelassenheit war die Drei-Mann-Besatzung ganz sachlich und angespannt, der Verstand bis zum äußersten geschärft, und jeder spürte das auch bei den anderen beiden. Es ging darum, verantwortungsvoll und schnell solche Augenblicke zu meistern, wie jahrelanges Training und Erfahrung auf dem langen Weg zum Flugkapitän es forderten. Das Fliegen selbst — ein Flugzeug beherrschen — war keine so schwierige Aufgabe; ihre hohen Gehälter bekamen die Piloten für ihre Reserven an Geistesgegenwart, Hingabe an ihren Beruf, ihr allgemeines fliegerisches Wissen. Demerest, Harris und — in geringerem Maße — Cy Jordan mobilisierten nun ihre Reserven. Die Lage an Bord von Flug Zwei war noch nicht kritisch; mit etwas Glück würde sie vielleicht überhaupt nicht kritisch werden. Wenn aber eine Krise kommen sollte, war die Besatzung dafür gerüstet.

»Ich möchte, daß Sie einen Passagier identifizieren«, sagte Deme-rest zu Gwen. »Er darf aber nicht merken, daß er gesucht wird. Hier haben wir eine Beschreibung. Am besten, Sie lesen das Ganze selbst.«

Er reichte Gwen den Block mit der Meldung. Sie trat näher und hielt ihn unter das abgeschirmte Licht neben ihm.

Da das Flugzeug ein wenig rollte, streifte Gwens Hand Deme-rests Schulter. Er spürte ihre Nähe und den Duft ihres ihm wohlbekannten Parfüms. Zur Seite blickend, konnte er Gwens Profil in dem Halbdunkel sehen. Ihr Ausdruck beim Lesen war ernst, aber nicht bestürzt; es erinnerte ihn an das, was er heute abend schon einmal an ihr bewundert hatte — ihre Stärke, die keineswegs ihre Weiblichkeit schmälerte. Eine flüchtige Sekunde lang erinnerte er sich, daß Gwen zweimal heute abend erklärt hatte, sie liebe ihn. Er fragte sich, ob er selbst je ernsthaft geliebt habe. Wenn man seinen Gefühlen einen straffen Zügel anlegte, wußte man das selbst nicht genau. Doch nie war er der Liebe näher gewesen als in diesem Augenblick in seinen Gefühlen für Gwen.

Gwen las die Meldung noch einmal langsamer durch.

Einen Augenblick nur verspürte er heftigen Zorn über diesen neuen Zwischenfall, der sie zwang, ihre Pläne — seine und Gwens — für Neapel aufzuschieben. Dann besann er sich aber. Die augenblickliche Situation duldete nur berufliche Sachlichkeit. Außerdem bedeutete das, was jetzt geschah, lediglich einen Aufschub von vielleicht vollen vierundzwanzig Stunden nach ihrer Rückkehr auf Lincoln; irgendwann würde der Flug ja stattfinden. Er kam nicht auf den Gedanken, daß die Bombendrohung vielleicht nicht so schnell beseitigt werden oder nicht so friedlich ausgehen könnte wie die meisten anderen.

Anson Harris auf dem Platz neben Demerest hielt das Flugzeug weiter in einer weitausholenden Wendung und legte es nur ganz flach in die Kurve. Es war eine perfekte Wendung, exakt durchgeführt, wie es der Nadelkompaß vor jedem der Piloten anzeigte. Er war der Großvater unter den Fluginstrumenten, der auch in modernen Düsenmaschinen benutzt wurde, so, wie er schon in viel früheren Flugzeugen in Gebrauch gewesen war. Die Nadel war gekippt, die Kugel mitten im Zentrum. Aber nur Nadelkompaß und Kreiselkompaß verrieten das Ausmaß der Schwenkung — daß Flug Zwei den Kurs um hundertachtzig Grad änderte. Harris hatte erklärt, die Passagiere würden die Kursveränderung nicht bemerken, und er würde recht behalten — wenn nicht irgend jemand aus einem Kabinenfenster blickte, der zufällig mit den Bahnen von Mond und Sternen und ihren Stellungen am westlichen und östlichen Himmel vertraut war. Dann konnte man die Änderung bemerken. Doch das war ein Risiko, das eingegangen werden mußte. Glücklicherweise sorgte die Verdunklung des Bodens durch Wolken dafür, daß niemand Städte wahrnehmen und erkennen konnte. Nun begann Harris vorsichtig tieferzugehen, und die Nase des Flugzeugs senkte sich leicht. Mit äußerster Behutsamkeit drosselte er die Motoren, damit ihre Geräusche sich nicht stärker änderten, als üblich ist. Harris war konzentriert, er flog mit Lehrbuchexaktheit und kümmerte sich nicht um Gwen und Demerest. Gwen gab die Mitteilung zurück.

»Ich möchte folgendes«, erklärte ihr Demerest: »Gehen Sie nach hinten, und machen Sie diesen Mann ausfindig. Stellen Sie fest, ob der Koffer irgendwo zu sehen ist und ob eine Möglichkeit besteht, ihn ihm wegzunehmen. Sie verstehen, daß von uns keiner nach hinten gehen kann — wenigstens vorläufig nicht —, weil er sonst mißtrauisch werden könne.«

»Gewiß«, sagte Gwen, »das verstehe ich. Aber ich brauche gar nicht erst zu gehen.«

»Warum nicht?«

Ganz ruhig sagte sie: »Ich weiß schon, wo er sitzt. Auf Platz 14-A.«

Demerest sah sie scharf an. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es von größter Wichtigkeit ist. Wenn Sie irgendwelche Zweifel haben, gehen Sie besser zurück und vergewissern Sie sich.«

»Ich habe keine Zweifel.«

Vor einer Stunde sei sie, erklärte Gwen, nachdem sie das Essen für die Erste Klasse serviert habe, in die Touristenklasse gegangen, um dort zu helfen. Einer der Passagiere — auf einem Fensterplatz links — sei im Halbschlaf gewesen. Als Gwen ihn angesprochen habe, sei er sofort wach geworden. Er habe ein Köfferchen auf den Knien gehalten, und Gwen habe ihm angeboten, ihn davon zu befreien oder es auf den Boden zu stellen, während er esse. Der Passagier habe das abgelehnt und das Köfferchen weiter auf den Knien gehalten. Ihr sei aufgefallen, daß er es festhielt, als ob etwas besonders Wichtiges darin wäre. Und später, statt es abzusetzen und die Tischplatte hinter dem vorderen Sitz herunterzuklappen, habe er es als Unterlage für sein Tablett benutzt. Gwen war an die Eigenheiten der Fluggäste gewöhnt und beachtete es nicht weiter. Aber jetzt entsann sie sich des Mannes genau.

»Ein anderer Grund, weshalb ich mich genau erinnere, ist der, daß er neben der schwarzfliegenden alten Dame sitzt.«

»Er hat einen Fensterplatz, sagen Sie?«