»Ja.«
»Das erschwert es, hinüberzugreifen und zuzupacken.« Demerest dachte an den Passus in der Mitteilung des Bezirksverkehrsleiters: »Falls Vermutung zutrifft, befindet sich der Abzug für Explosivstoff wahrscheinlich außen am Koffer, leicht erreichbar. Daher äußerste Vorsicht bei Versuch, Koffer gewaltsam wegzunehmen.« Er erriet, daß Gwen ebenfalls an diese Warnung dachte.
Zum ersten Male beeinträchtigte ein Gefühl, nicht der Angst, aber der Unsicherheit seine Überlegungen. Angst kam vielleicht später, aber jetzt noch nicht. Bestand die Möglichkeit, daß diese Bombendrohung sich als mehr als eine bloße Drohung herausstellen konnte? Vernon Demerest hatte über solche Situationen oft nachgedacht und gesprochen, aber niemals hatte er geglaubt, sie könnten einmal für ihn selbst wahr werden. Anson Harris war dabei, aus dem Kreisbogen ebenso sanft wieder herauszugleiten, wie er hineingegangen war. Sie flogen jetzt genau in entgegengesetzter Richtung.
Wieder erklang das Glockensignal. Demerest nickte zu Cy Jordan hinüber, der das Funkgerät einschaltete, sich meldete und dann eine Nachricht zu notieren begann. Anson Harris sprach wieder mit der Flugsicherung Toronto.
»Ich möchte wissen«, sagte Demerest zu Gwen, »ob irgendeine Möglichkeit besteht, die beiden anderen Personen neben Guerrero von ihren Plätzen wegzukriegen, so daß er in dem dreisitzigen Abschnitt allein wäre. Dann könnte vielleicht einer von uns von hinten kommen, sich vorbeugen und zupacken.«
»Das würde er bestimmt bemerken«, sagte Gwen nachdrücklich. »Da bin ich ganz sicher. Er ist sehr auf der Hut. Wenn wir die beiden anderen Leute von ihren Plätzen holen, gleichgültig unter welchem Vorwand, würde er merken, daß etwas im Gange ist, und wäre darauf gefaßt.«
Der Zweite Offizier reichte die Selcal-Mitteilung herüber, die er aufgenommen hatte. Sie kam vom F. V. L. Lincoln. Unter dem abgeschirmten Licht lasen Gwen und Demerest zusammen:
NEUE INFORMATION BESTÄTIGT FRÜHEREN VERDACHT, DASS SPRENGKÖRPER IM BESITZ VON PASSAGIER GUERRERO ALS HÖCHSTWAHRSCHEINLICH, WIEDERHOLE, HÖCHSTWAHRSCHEINLICH. PASSAGIER WOHL GEISTESGESTÖRT VERZWEIFELT. WIEDERHOLE FRÜHERE WARNUNG, MIT ÄUSSERSTER VORSICHT VORGEHEN! VIEL GLÜCK.
»Das hab ich gern«, sagte Cy Jordan. »Ist doch nett, daß sie uns das wünschen.«
Demerest sagte scharf: »Ruhe!« Sekundenlang herrschte — von den üblichen Geräuschen eines Cockpits abgesehen — Stille.
»Wenn es eine Möglichkeit gäbe«, sagte Demerest langsam, ». . . irgendeine Möglichkeit, ihn zu verleiten, den Koffer loszulassen, dann brauchten wir bloß ein paar Sekunden, um ihn in die Hände zu bekommen und wegzuschaffen. Wenn wir schnell wären, genügten zwei Sekunden.«
Gwen meinte: »Er wird ihn aber nie aus der Hand geben . . .«
»Ich weiß! Ich weiß! Ich denke ja nur nach.« Er machte eine Pause. »Wir wollen es noch einmal durchgehen. Da sitzen zwei Leute neben Guerrero, und dann kommt der Gang. Einer von ihnen . . .«
»Einer ist ein Mann, der auf dem äußeren Platz. In der Mitte sitzt die alte Dame, Mrs. Quonsett. Dann kommt innen Guerrero.«
»Oma sitzt also direkt neben Guerrero, direkt neben dem Koffer?« »Ja, aber was soll das nützen? Selbst wenn wir ihr etwas sagen, könnte sie unmöglich . . .«
Demerest fragte scharf: »Sie haben ihr doch noch nichts gesagt? Sie ahnt doch noch nicht, daß wir Bescheid wissen über sie?«
»Nein. Das sollte ich doch nicht.«
»Ich wollte nur sicher sein.«
Wieder herrschte Stille. Vernon Demerest konzentrierte sich, dachte nach, erwog Möglichkeiten. Schließlich sagte er zögernd: »Ich habe eine Idee. Vielleicht geht es nicht, aber im Augenblick haben wir wohl nichts Besseres. Also hören Sie mir zu, ich will Ihnen genau erklären, was zu tun ist.«
In der Touristenklasse von Flug Zwei hatten die meisten Passagiere ihr Essen beendet, und die Stewardessen räumten geschäftig die Tabletts ab. Die Abfütterung war heute abend schneller als sonst vonstatten gegangen. Das war auch darauf zurückzuführen, daß manche Passagiere infolge des verspäteten Starts im Flughafen gegessen und nun zu so fortgeschrittener Stunde das Essen abgelehnt oder nur daran genippt hatten.
Neben der Reihe mit den drei Plätzen, wo Mrs. Ada Quonsett immer noch mit ihrem neuen Freund, dem Oboisten, plauderte, fragte eine der Stewardessen, eine schnippische Blondine: »Darf ich ihr Tablett schon mitnehmen?«
»Ja bitte, Miss«, sagte der Oboist.
Mrs. Quonsett lächelte freundlich. »Ich danke Ihnen, meine Liebe, nehmen Sie meins auch. Es war sehr gut.«
Der finstere Mann neben Mrs. Quonsett trennte sich von seinem Tablett ohne Kommentar.
Da erst sah die kleine alte Dame die andere Stewardess im Gang stehen.
Mrs. Quonsett hatte sie schon ein paarmal vorher bemerkt und den Eindruck gehabt, sie sei wohl die Vorgesetzte der anderen Mädchen. Sie hatte tiefschwarzes Haar, ein anziehendes Gesicht mit hohen Backenknochen und sehr dunklen Augen, die im Augenblick fest und kühl auf Ada Quonsett gerichtet waren.
»Entschuldigen Sie, Madam. Darf ich einmal Ihren Flugschein sehen?«
»Meinen Flugschein? Nun, natürlich.« Mrs. Quonsett tat überrascht, obwohl sie sofort erriet, was hinter dem Ersuchen steckte. Offenbar wurde ihr Status als blinder Passagier entweder vermutet oder er war bekannt. Aber sie hatte nie schnell beigegeben, und auch jetzt war ihr Verstand an der Arbeit. Die Frage war nur: Wieviel wußte diese Person, Mrs. Quonsett öffnete ihre Handtasche und tat, als suche sie zwischen ihren Papieren. »Ich weiß, daß ich ihn eben noch hatte, meine Liebe. Er muß irgendwo hier stecken.« Mit dem unschuldigsten Ausdruck schaute sie auf. »Das heißt, wenn ihn der Mann an der Sperre, als ich an Bord ging, nicht noch hat. Vielleicht hat er ihn behalten, und ich habe es nicht bemerkt.«
»Nein«, sagte Gwen Meighen, »das tut er nie. Wenn es ein Schein für Hin und Zurück war, müßten Sie ja den Rückflugabschnitt haben.«
»Das ist aber wirklich sonderbar . . .« Mrs. Quonsett fummelte weiter in ihrer Handtasche herum.
Gwen fragte eisig: »Soll ich einmal nachsehen?« Von Beginn ihres Wortwechsels an hatte sie nichts von ihrer gewohnten Freundlichkeit gezeigt. Sie setzte hinzu: »Wenn in ihrer Tasche ein Flugschein ist, finde ich ihn. Wenn keiner drin ist, erspart das uns beiden Zeit.«
»Auf keinen Fall«, entgegnete Mrs. Quonsett schroff. Dann lenkte sie ein: »Ich weiß ja, Sie meinen es gut, meine Liebe, aber da drin sind persönliche Papiere. Als Engländerin sollten Sie die Privatsphäre achten. Sie sind doch Engländerin, nicht wahr?«
»Das spielt hier keine Rolle. Im Augenblick sprechen wir über Ihren Flugschein. Das heißt: darüber, ob Sie einen haben.« Gwens Stimme, etwas schärfer als üblich, war mehrere Reihen weit gut vernehmbar. Einige Passagiere wandten die Köpfe.
»Aber ich habe ja einen Flugschein. Fragt sich nur, wo er steckt.« Mrs. Quonsett lächelte verbindlich. »Aber daß Sie Engländerin sind, habe ich vom ersten Moment an gemerkt, als Sie zu sprechen anfingen. Bei so vielen Engländern — Menschen wie Ihnen, meine Liebe — klingt unsere Sprache wundervoll. Es ist ein Jammer, daß so wenige von uns Amerikanern das können. Mein verstorbener Mann sagte immer . . .«
»Das gehört nicht hierher. Wie ist es mit Ihrem Flugschein?«
Es fiel Gwen schwer, so grob und unfreundlich zu sein, wie sie es jetzt war. Unter anderen Umständen hätte sie mit der alten Frau klar und fest verhandelt, wäre dabei aber freundlich geblieben. Es widerstrebte Gwen auch, jemanden zu drangsalieren, der mehr als doppelt so alt war wie sie. Doch als sie das Cockpit verließ, hatte ihr Vernon Demerest klare und deutliche Anweisungen gegeben.
Mrs. Quonsett zeigte eine gewisse Empörung. »Ich habe viel Geduld mit Ihnen, junge Dame. Aber wenn ich meinen Schein finde, werde ich bestimmt etwas über Ihr Benehmen zu sagen haben . . .«
»Wirklich, Mrs. Quonsett?« Gwen sah, wie die alte Dame stutzte, als ihr Name fiel, und zum erstenmal zeigte sich etwas wie ein Erwachen hinter der sicheren Fassade. Gwen ließ nicht nach: »Sie sind doch Ada Quonsett, oder etwa nicht?«