Die kleine alte Dame betupfte ihre Lippen mit dem Spitzentuch, seufzte auf und sagte: »Da Sie es ja wissen, hat es keinen Sinn, es zu leugnen, oder?«
»Nein, denn wir wissen alles über Sie. Sie füllen ja eine ganze Akte bei uns, Mrs. Quonsett.«
Noch mehr Passagiere beobachteten jetzt die Szene und hörten zu. Zwei oder drei hatten die Plätze verlassen und waren näher getreten. Ihre Mienen drückten Sympathie für die alte Dame und Mißbilligung für Gwen aus. Der Mann auf dem Eckplatz, mit dem sich Mrs. Quonsett unterhalten hatte, als Gwen kam, schaltete sich verlegen ein: »Wenn da ein Mißverständnis vorliegt, kann ich vielleicht helfen . . .«
»Nein, da ist kein Mißverständnis«, sagte Gwen. »Reisen Sie mit der Dame zusammen?«
»Nein.«
»Dann besteht für Sie kein Grund, sich einzumischen, Sir.«
Bis jetzt hatte Gwen vermieden, den hinten am Fenster sitzenden Mann, von dem sie wußte, daß es Guerrero war, direkt anzusehen. Auch er hatte nicht zu ihr aufgesehen, obwohl sie an seiner Kopfhaltung bemerkte, daß er alles, was gesagt wurde, aufmerksam verfolgte. Doch stellte sie unauffällig fest, daß er immer noch das Köfferchen auf seinen Knien umklammert hielt. Bei dem Gedanken an den vermutlichen Inhalt des Koffers überkam sie plötzlich eine eiskalte Angst. Sie fühlte, daß sie im Vorgefühl von etwas Schrecklichem, das kommen würde, zitterte. Sie wollte fortlaufen, zurück ins Cockpit und Vernon sagen, er solle das selbst zu Ende bringen. Aber sie tat es nicht, und der Augenblick der Schwäche ging vorüber. »Ich sagte, wir wüßten alles über Sie, und das tun wir tatsächlich«, versicherte Gwen Mrs. Quonsett. »Sie sind heute abend als blinder Passagier auf einem unserer Flüge aus Los Angeles entdeckt worden. Sie waren unter Aufsicht genommen worden, aber es geläng Ihnen, zu entwischen. Dann haben Sie sich durch Lügereien an Bord dieses Flugs geschmuggelt.«
Die kleine alte Dame aus San Diego erwiderte heiter: »Wenn Sie schon so viel wissen oder zu wissen glauben, hat es keinen Zweck, darüber zu streiten.« Jetzt hatte es keinen Sinn mehr, sich Sorgen zu machen, fand sie. Schließlich hatte sie damit gerechnet, geschnappt zu werden; nun war es wenigstens erst dazu gekommen, nachdem sie ein Abenteuer und ein feines Abendessen hinter sich hatte. Außerdem, was schadet es schon? Wie die rothaarige Frau in Lincoln zugegeben hatte, zeigten die Fluggesellschaften blinde Passagiere nie an. Sie war aber doch neugierig, was nun kommen würde. »Kehren wir nun um?«
»Nein, so wichtig sind Sie nicht. Wenn wir in Italien landen, werden Sie dort den Behörden übergeben.« Vernon Demerest hatte Gwen instruiert, alle im Glauben zu lassen, Flug Zwei ginge weiter nach Rom, und ja nicht zu verraten, daß sie bereits eine Kehrtwendung gemacht hatten. Vor allem hatte er ihr auf die Seele gebunden, recht grob mit der alten Dame umzugehen, was Gwen gar nicht behagt hatte. Aber es war nötig gewesen, um auf den Passagier Guerrero Eindruck zu machen, damit Demerest seinen nächsten Schritt unternehmen konnte.
Obwohl Guerrero nichts davon ahnte — und falls es klappte, es erst erfahren würde, wenn es zu spät war, um etwas zu ändern —, fand diese Vorstellung allein seinetwegen statt.
»Sie müssen sofort mit mir kommen«, befahl Gwen Mrs. Quon-sett. »Der Kapitän hat einen Funkspruch über Sie bekommen und muß Bericht erstatten. Vorher aber will er mit Ihnen sprechen.«
Sie bat den Mann auf dem Eckplatz: »Würden Sie bitte diese Dame vorbeilassen?«
Zum ersten Male sah die alte Dame nervös aus. »Ich soll zum Kapitän kommen?«
»Ja, und er hat es nicht gern, wenn man ihn warten läßt.«
Zögernd schnallte Mrs. Quonsett ihren Sicherheitsgurt ab. Als der Oboist sich erhob und von seinem Platz trat, um sie vorbeizulassen, schritt sie unsicher in den Gang hinaus. Gwen packte sie beim Arm, schob sie vor sich her. Sie spürte geradezu alle die auf sie gerichteten feindlichen Blicke.
Sie widerstand dem Impuls, sich umzudrehen und nachzusehen, ob der Mann mit dem Koffer auch zusah.
»Ich bin Kapitän Demerest«, sagte Vernon Demerest. »Bitte kommen Sie herein — so weit vor wie möglich. Schließen Sie die Tür, Gwen. Wir wollen versuchen, ob wir uns alle hereinquetschen können.« Er lächelte Mrs. Quonsett an. »Leider entwerfen sie Pilotenkanzeln noch immer nicht groß genug, um Gäste dort zu empfangen.«
Die alte Dame aus San Diego blickte zu ihm ihn. Nach dem hellen Licht in der Passagierkabine, aus dem sie kam, waren ihre Augen noch nicht auf das Halbdunkel im Cockpit eingestellt. Das einzige, was sie ausmachen konnte, waren schattenhafte sitzende Gestalten, von Dutzenden rötlich glühender Zifferblätter umgeben. Aber die Freundlichkeit in der Stimme konnte nicht mißverstanden werden; ihr Ausdruck war so ganz anders, als das, was sie erwartet und wogegen sie sich gewappnet hatte.
Cy Jordan klappte die Armlehne seines Sitzes hinter Anson Harris in die Höhe. Ganz im Gegensatz zu ihrem Verhalten vor ein paar Minuten geleitete Gwen die alte Dame sanft zu diesem Sitz. Draußen war es immer noch ruhig, was die Kehrtwendung erleichterte. Obwohl sie an Höhe verloren hatten, waren sie doch noch weit über dem Sturm, und trotz der Geschwindigkeit von über fünfhundert Meilen je Stunde zog das Flugzeug leicht seine Bahn wie auf stiller, unbewegter See.
»Mrs. Quonsett«, begann Vernon Demerest, »was da draußen auch vor sich gegangen sein mag — denken Sie nicht mehr daran. Das ist auch nicht der Grund, weshalb wir Sie hierhergeholt haben.«
Er fragte Gwen: »Waren Sie auch richtig grob mit ihr?«
»Ja, leider.«
»Miss Meighen tat das auf meinen Befehl. Ich hatte es ihr genauso aufgetragen. Wir wußten, daß ein bestimmter Passagier aufmerksam werden und zuhören würde. Es sollte echt aussehen, damit es allen plausibel erschien, daß wir Sie herholten.«
Die große schattenhafte Gestalt, die von dem rechten Sitz sprach, wurde für Ada Quonsett allmählich deutlicher. Seinem Gesicht nach, soweit sie es sehen konnte, schien er ein netter Mann zu sein. Im Augenblick hatte sie noch keine Ahnung, wovon er da sprach. Sie sah sich um. In einem Cockpit war sie noch nie gewesen. Es war weit enger und kleiner, als sie angenommen hatte. Sehr warm war es auch, und die drei Männer, die sie nun sehen konnte, waren in Hemdsärmeln. Das war wieder einmal etwas, wovon sie in New York erzählen konnte — wenn sie hinkäme.
»Oma«, sagte der Mann, der sich als Kapitän vorgestellt hatte, »sind Sie sehr schreckhaft?«
Das war eine komische Frage, und sie dachte darüber nach, ehe sie antwortete. »Nicht so sehr, glaube ich. Ich werde ja manchmal nervös, aber nicht mehr so oft wie früher. Wenn man älter wird, gibt es nicht mehr so viel, worüber man erschrickt.«
Die Augen des Kapitäns sahen sie forschend an. »Ich habe beschlossen, Ihnen etwas zu erzählen und Sie um Ihre Hilfe zu bitten. Wir haben nicht viel Zeit, deshalb werde ich mich kurz fassen. Ich nehme an, Sie haben den Mann bemerkt, der in der Kabine neben Ihnen sitzt — auf dem Fensterplatz?«
»Den Dünnen mit dem kleinen Schnurrbart?«
»Ja«, sagte Gwen, »den meinen wir.«
Mrs. Quonsett nickte. »Das ist ein komischer Heiliger. Er will mit keinem reden, und er hat so einen kleinen Koffer bei sich, den er nicht aus der Hand gibt. Ich glaube, er hat irgendwelche Sorgen.«
»Wir haben auch Sorgen«, sagte Vernon Demerest in aller Ruhe. »Wir haben Grund zu der Annahme, daß er eine Bombe in dem Koffer hat. Wir wollen sie ihm wegnehmen, und dabei brauchen wir Ihre Hilfe.«
Hier vorn bei den Piloten zu sein, dachte Ada Quonsett, war ja schon eine Überraschung, aber das Überraschendste war doch wohl diese Bitte. Während des Schweigens, das auf Demerests Eröffnung folgte, hörte sie in einem über ihrem Platz angebrachten Lautsprecher eine Meldung ankommen.