»Trans America Zwei, hier Toronto Center. Ihre Position ist fünfzehn Meilen östlich von Kleinburg Leuchtfeuer. Melden Sie Flughöhe und Absichten.«
Der Mann auf dem anderen Vordersitz, auf der linken Seite, dessen Gesicht sie noch nicht gesehen hatte, antwortete: »An Toronto von America Zwei. Verlasse Flughöhe zwei neun null. Ersuchen weiter langsames Sinken, bis wir uns melden. Keine Änderung in Absicht zur Landung nach Lincoln zurückzukehren.«
»Verstanden, Trans America. Wir klaren Verkehr vor Ihnen. Sie können langsames Sinken fortsetzen.«
Ein dritter Mann an einem kleinen Tisch mit noch mehr Zifferblättern beugte sich zu dem, der geredet hatte, hinüber: »Nach meiner Berechnung in einer Stunde und siebzehn Minuten. Das heißt, auf Grund der angesagten Winde. Wenn die Front aber schneller als erwartet weitergekommen ist, kann es auch früher sein.«
»Wir fliegen also zurück, nicht wahr?« Mrs. Quonsett fiel es schwer, die Aufregung in ihrer Stimme zu verbergen.
Demerest nickte. »Sie sind der einzige an Bord, der das weiß, außer uns selbst, und Sie müssen es streng geheimhalten. Vor allem darf Guerrero — das ist der Mann mit dem Koffer — es nicht merken.«
Ada Quonsett verschlug es die Rede. Erlebte sie das wirklich? Es war alles so aufregend, richtig wie im Fernsehen. Man konnte geradezu Angst kriegen, aber sie beschloß, nicht weiter daran zu denken. Hauptsache war: sie war hier, gehörte dazu, stand mit dem Kapitän auf Gleich und Gleich, teilte Geheimnisse. Was würde ihre Tochter wohl dazu sagen?
»Also, wollen Sie uns helfen?«
»Aber natürlich. Sie erwarten doch von mir, daß ich versuchen soll, ihm den Koffer wegzunehmen . . .«
»Nein!« Nachdrücklich beugte Demerest sich über die Rücklehne seines Sitzes und sagte betont: »Sie dürfen den Koffer nicht einmal berühren oder ihm auch nur zu nahe kommen.«
»Wenn Sie es sagen, werde ich es auch nicht tun.«
»Ja, ich sage es. Und denken Sie daran, wie wichtig es ist, daß Guerrero keinen Verdacht schöpft, daß wir etwas von seinem Koffer oder dem, was darin ist, wissen. Und jetzt will ich, wie ich es vorhin auch bei Miss Meighen getan habe, Ihnen genau sagen, was Sie zu tun haben, wenn Sie wieder in der Kabine sind. Bitte passen Sie genau auf.« Als er zu Ende war, erlaubte sich die alte Dame aus San Diego ein leichtes, kurzes Lächeln. »Ja, gut. Ja, ich glaube, das werde ich schaffen.«
Sie stand von ihrem Platz auf, und Gwen öffnete bereits die Tür des Cockpits, als Demerest fragte: »Dieser Flug von Los Angeles, auf dem Sie sich versteckt hatten — man hat mir gesagt, Sie hätten versucht, nach New York zu kommen. Warum?«
Sie erzählte ihm, daß sie sich manchmal an der Westküste einsam fühle und dann ihre verheiratete Tochter im Osten besuchen wolle.
»Oma«, sagte Vernon Demerest, »wenn Sie diese Geschichte schaffen, garantiere ich Ihnen persönlich, daß nicht nur jede Schwierigkeit behoben wird, in der Sie gerade stecken, sondern daß unsere Fluggesellschaft Ihnen einen Freiflugschein Erster Klasse nach New York und zurück gibt.«
Mrs. Quonsett war so gerührt, daß sie beinahe weinte.
»Oh, vielen Dank! Vielen Dank!« Zum ersten Male fiel es ihr schwer zu sprechen. Was für ein bemerkenswerter Mann, dachte sie, so ein freundlicher, lieber Mann.
Ihre echte Bewegtheit half Mrs. Quonsett, nachdem sie die Pilotenkanzel verlassen hatte und den Weg durch die Kabine Erster Klasse zurück in die Touristenklassekabine wankte. Gwen Meighen hatte sie fest am Arm gepackt und schob sie vor sich her, wobei die alte Dame sich mit ihrem Spitzentüchlein die Augen betupfte und eine tränenreiche, glaubwürdige Darstellung absoluter Verzweiflung bot. Unter ihren Tränen fast schmunzelnd, dachte sie, daß dies heute abend ihre zweite Vorstellung war. Die erste hatte sie im Flughafen für den jungen Passagierbetreuer Feter Coackley gegeben, als sie ihm gegenüber so tat, als ob sie krank wäre. Dabei war sie überzeugend gewesen — warum sollte sie es diesmal nicht auch sein?
Die Vorstellung war so überzeugend, daß ein Passagier Gwen erregt fragte: »Miss, gleichgültig, was die alte Dame getan hat — ist das ein Grund, so grob zu ihr zu sein?«
Gwen erwiderte im Bewußtsein, daß sie bereits in Hörweite dieses Guerrero war, abweisend: »Mischen Sie sich bitte nicht ein, Sir!«
Als sie in die Touristenkabine traten, schloß Gwen den Vorhang zu dem Durchgang zwischen der Kabine Erster Klasse und der Touristenkabine. Das war ein Teil von Vernons Plan. Sie blickte durch das Flugzeug zurück nach vorn und erkannte, daß die Tür der Pilotenkanzel nur angelehnt war. Sie wußte, daß Vernon dahinter wartete und sie beobachtete. Sobald der Vorhang zwischen den beiden Abteilungen geschlossen war, würde Vernon nach hinten kommen und hinter dem Vorhang stehen bleiben, um durch einen Spalt, den Gwen absichtlich offen gelassen hatte, weiterzubeobachten. Wenn der geeignete Augenblick gekommen war, würde er den Vorhang beiseite reißen und vorstürzen.
Bei dem Gedanken, was in den nächsten paar Minuten geschehen würde — wie es auch immer ausgehen mochte —, überfiel Gwen wieder eine kalte Angst, eine schreckliche Vorahnung. Und wieder konnte sie sie überwinden. Sie hielt sich ihre Verantwortung für die Besatzung und die anderen Passagiere — die von dem Drama, das sich in ihrer Mitte abspielte, keine Ahnung hatten —, vor Augen und begleitete Mrs. Quonsett das letzte Stück bis zu ihrem Platz.
Der Passagier Guerrero blickte kurz auf und sah dann wieder weg. Gwen sah den kleinen Aktenkoffer noch an der gleichen Stelle auf seinen Knien, wo seine Hände ihn festhielten. Der Mann auf dem Außenplatz neben Mrs. Quonsett, der Oboist, stand auf, als sie näher kamen. Sein Ausdruck verriet Mitgefühl, und er trat beiseite, um die alte Dame vorbeizulassen. Unauffällig stellte Gwen sich vor ihn und verstellte ihm den Rückweg. Der Sitz am Mittelgang mußte unbesetzt bleiben, bis Gwen den Weg freigab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie durch den Spalt, den sie im Vorhang aufgelassen hatte, eine Bewegung. Vernon Demerest hatte seinen Posten bezogen und stand bereit.
»Bitte!« Noch im Mittelgang stehend wandte sich Mrs. Quonsett unter Tränen bittend an Gwen. »Ich flehe Sie an! Bitten Sie den Kapitän, es sich noch einmal zu überlegen. Ich möchte nicht der italienischen Polizei übergeben werden . . .«
Gwen erwiderte schroff: »Daran hätten Sie früher denken sollen. Außerdem kann ich dem Kapitän nicht vorschreiben, was er zutun hat.«
»Aber Sie können ihn bitten! Auf Sie wird er hören.«
D. O. Guerrero wandte den Kopf. Er nahm die Szene in sich auf, dann blickte er wieder fort. Gwen faßte die alte Dame am Arm. »Setzen Sie sich jetzt endlich hin!«
Ada Quonsetts Stimme bekam einen hohen, schrillen Klang. »Ich bitte doch nur darum, zurückgebracht zu werden. Übergeben Sie mich hier der Polizei, nicht in einem fremden Land.«
Der Oboist hinter Gwen protestierte: »Sehen Sie denn nicht, daß die alte Dame völlig verzweifelt ist, Miss?«
Gwen entgegnete schärf: »Halten Sie sich bitte heraus. Diese Frau hat hier nichts zu suchen. Sie ist ein blinder Passagier.«
Empört sagte der Oboist: »Das ist mir völlig gleichgültig. Auf jeden Fall ist sie eine alte Dame.«
Gwen ignorierte ihn und gab Mrs. Quonsett einen Stoß, von dem sie taumelte. »Wollen Sie jetzt hören! Setzen Sie sich, und seien Sie still!«
Mrs. Quonsett ließ sich in ihren Sitz sinken. Sie schrie: »Sie haben mir weh getan! Sie haben mir weh getan!«
Verschiedene Passagiere hatten sich von ihren Plätzen erhoben und protestierten.
D. O. Guerrero starrte weiter geradeaus. Gwen sah, daß seine Hände nach wie vor den Aktenkoffer fest umklammerten.
Mrs. Quonsett stieß wieder einen Klagelaut aus.
Gwen sagte kalt: »Sie sind hysterisch.« Sie verabscheute, was sie tun mußte, beugte sich aber scheinbar eiskalt zwischen den Sitzen vor und schlug Mrs. Quonsett fest ins Gesicht. Das Klatschen hallte in der Kabine wider. Die Passagiere hielten erschrocken den Atem an. Mit ungläubigen Gesichtern tauchten zwei der anderen Stewardessen auf. Der Oboist packte Gwens Arm. Hastig machte sie sich von ihm frei.