Nur eines war wichtig, irgendwie mußte er in die Pilotenkanzel zurückkommen und helfen, das Flugzeug zu retten, wenn es möglich war.
Tief atmete er Sauerstoff ein und überlegte, wie er durch das Flugzeug nach vorn kommen könne.
Über jeder Sitzreihe der Touristenkabine hatten sich vier Sauerstoffmasken herabgesenkt, eine für jeden Platz und eine zusätzliche als Reserve, nach der jeder greifen konnte, der gerade im Mittelgang stand. Demerest hatte nach einer der Reservemasken gegriffen.
Um aber zum Cockpit zu gelangen, mußte er seine Maske aufgeben und eine tragbare finden, die ihm erlaubte, sich frei zu bewegen.
Er wußte, daß weiter vorn in einem oben gelegenen Fach bei der Trennwand zur Kabine Erster Klasse zwei tragbare SauerstoffFlaschen untergebracht waren. Wenn er eine davon erreichte, würde sie ihm für den restlichen Weg von der Trennwand bis zur Pilotenkanzel genügen.
Sitzreihe um Sitzreihe bewegte er sich vorwärts und griff jedesmal nach der freihängenden Reservemaske. Einige Reihen vor sich bemerkte er, daß alle vier Masken von den dort sitzenden Passagieren benutzt wurden. Jeder der drei Fluggäste, darunter ein junges Mädchen, hatte eine Maske, die vierte Maske hielt das junge Mädchen vor das Gesicht eines Säuglings, der auf dem Nebensitz auf dem Schoß seiner Mutter lag. Das Mädchen schien den Befehl übernommen zu haben und winkte anderen in ihrer Nähe, das gleiche zu tun wie sie. Demerest wandte sich nach der anderen Seite, sah eine Reservemaske hängen und atmete tief Sauerstoff ein, ließ die Maske vor seinem Gesicht los und griff nach der freihängenden. Er schaffte es, und wieder atmete er tief Sauerstoff ein. Noch hatte er die halbe Länge der Touristenkabine vor sich.
Er machte einen weiteren Schritt, als er spürte, wie die Maschine scharf nach rechts abkippte und dann steil nach unten ging.
Demerest klammerte sich fest. Er wußte, daß er im Augenblick nichts tun konnte. Was als nächstes geschah, hing von zwei Dingen ab: wie groß die Beschädigung war, die die Explosion verursacht hatte, und dem Können von Anson Harris, der allein am Steuer der Maschine saß.
Im Cockpit waren die Ereignisse der letzten paar Sekunden mit noch geringerer Vorwarnung eingetreten als hinten. Nachdem Gwen Meighen und Mrs. Quonsett gegangen waren und Vernon Demerest ihnen folgte, hatten die beiden übrigen Besatzungsmitglieder — Anson Harris und der Zweite Offizier Cy Jordan — keine Ahnung, was hinter ihnen in der Passagierkabine vor sich ging, bis die Dynamitexplosion die Maschine erschütterte und einen Sekundenbruchteil später die explosive Dekompression erfolgte.
Wie die Passagierkabinen, erfüllte auch das Cockpit eine dichte dunkle Staubwolke, die fast augenblicklich abgesaugt wurde, als die Tür zur Pilotenkanzel aus Schloß und Angeln herausgerissen wurde. Alles, was in der Pilotenkanzel nicht befestigt war, wurde fortgerissen und mit dem von Trümmern beladenen Wirbel nach hinten gefegt.
Unter dem Tisch des Flugingenieurs begann eine Warnsirene aufzuheulen. Über den beiden Vordersitzen blitzten hellgelbe Lichter grell auf. Die Sirene und die Lichter signalisierten gefährlichen Unterdruck.
Ein feiner Dunst, tödlich kalt, trat an die Stelle der Staubwolke. Anson Harris spürte einen schmerzhaften Druck auf den Trommelfellen, doch noch vorher hatte er augenblicklich reagiert, die Wirkung vieler Jahre der Ausbildung und Erfahrung. Während des langen, mühsamen Aufstiegs zum Kapitänspatent für Verkehrsflugzeuge verbringen Piloten anstrengende Stunden in Lehrsälen und auf Simulatoren, studieren und üben sich in Flugsituationen, sowohl normalen als auch gefahrvollen. Die Absicht ist, sie zu jeder Zeit auf schnelle, richtige Reaktionen vorzubereiten.
Die Simulatoren standen auf allen wichtigen Flugbasen, und alle großen Fluggesellschaften besaßen sie. Von außen sah ein Simulator wie die Nase eines Flugzeugs aus, von dem der übrige Rumpf abgehackt war. Sein Inneres enthielt alles, was sich in einer normalen Pilotenkanzel befand.
Wenn Piloten einen Simulator betraten, blieben sie dort für Stunden eingeschlossen und ahmten genau die Bedingungen eines Langstreckenflugs nach. Sobald die äußere Tür geschlossen war, trat etwas Unheimliches ein. Selbst Bewegung und Geräusch waren vorhanden und schufen den physischen Eindruck des Fliegens. Alle Umstände glichen der Wirklichkeit. Auf einer Leinwand vor der vorderen Scheibe erschienen Flughäfen und Startbahnen, wurden größer oder verschwanden, um Starts und Landungen nachzubilden. Der einzige Unterschied zwischen der Pilotenkanzel eines Simulators und einer echten bestand darin, daß der Simulator niemals den Boden verließ.
Piloten im Simulator standen mit einem nahegelegenen Kontroll-raum über Funk in Verbindung wie in der Luft. In dem Kontroll-raum ahmten geübte Spezialisten die Tätigkeit der Flugsicherung und alle anderen Flugbedingungen nach. Diese Leute konnten auch ohne vorherige Warnung für die Piloten schwierige Situationen herbeiführen. Sie reichten von vielseitigen Motorschäden bis zu Feuer, von heftigem Unwetter über Versagen der elektrischen Anlage und Treibstoffmangel bis zu explosiven Dekompressionen und versagenden Instrumenten und einem Sortiment weiterer Unerfreulichkei-ten. Selbst ein Absturz konnte nachgebildet werden. Manchmal wurden Simulatoren umgekehrt benutzt, um festzustellen, was einen Absturz verursacht hatte.
Gelegentlich fütterte ein Tester gleichzeitig mehrere Notstände in den Simulator und verursachte, daß die Piloten nachher erschöpft und schweißgebadet auftauchten. Die meisten Piloten unterwarfen sich diesen Tests. Bei den wenigen, die sich weigerten, wurde diese Tatsache in ihren Personalakten vermerkt, sie wurden wieder und wieder geprüft und später scharf beobachtet. Die Tests im Simulator wurden mehrmals im Jahr während der Laufbahn eines Piloten in jedem Stadium bis zu seiner Pensionierung fortgesetzt.
Die Folge war: Wenn wirklich ein Notfall eintrat, wußten die Piloten genau, was sie zu tun hatten, und taten es, ohne zu zögern und kostbare Zeit zu verlieren. Das war einer der vielen Faktoren, die Reisen mit den Fluggesellschaften zum sichersten Verkehrsmittel in der menschlichen Geschichte machen. Dieser Faktor hatte auch Anson Harris zu sofortigem Handeln vorbereitet, das auf die Rettung von Flug Zwei abzielte.
Bei der Ausbildung für eine explosive Dekompression gab es eine Grundregeclass="underline" Die Besatzung muß zuerst für sich selbst sorgen. Ver-non Demerest befolgte diese Regel; Anson Harris und Cy Jordan auch.
Sie mußten sofort Sauerstoff haben, sogar noch vor den Passagieren. Nachdem dann die vollen geistigen Fähigkeiten gesichert waren, konnten Entschlüsse gefaßt werden.
Hinter dem Sitz jedes Piloten hing eine schnell anzulegende Sauerstoffmaske, die der Schutzmaske eines Fängers beim Baseball glich. Wie er es zahllose Male geprobt hatte, riß sich Harris den Radiohörer vom Kopf und griff über die Schulter zurück nach der Maske. Er zerrte daran, damit die Halteklammer aufging, und stülpte sich die Maske über, die außer dem Anschlußschlauch an die Sauerstoffversorgung des Flugzeugs auch ein Mikrofon enthielt. Um zu hören, da er seinen Kopfhörer nicht mehr aufhatte, schaltete Harris jetzt einen über ihm befindlichen Lautsprecher ein.
Cy Jordan hatte hinter ihm mit ebenso schnellen Bewegungen das gleiche getan.
Mit einer weiteren Reflexbewegung sorgte Anson Harris für die Passagiere. Die Sauerstoffanlage für die Kabine arbeitete im Fall eines Versagens der Druckanlage automatisch. Doch aus Vorsicht — falls sie es nicht tun sollte, befand sich über den Köpfen der Piloten ein Hauptschalter, der die Freigabe der Masken für die Passagiere betätigte und die Sauerstoffzufuhr einschaltete, falls die Automatik versagte. Harris knipste den Schalter an.
Er ließ die rechte Hand auf die Gashebel fallen und riß alle vier zurück. Das Flugzeug wurde langsamer.
Es mußte noch langsamer werden.
Links von den Gashebeln befand sich der Handgriff für die Geschwindigkeitsdrosselung. Oben auf beiden Tragflächen richteten sich Bremsklappen auf, erhöhten den Luftwiderstand und verursachten eine weitere Verringerung der Geschwindigkeit.