Выбрать главу

Cy Jordan stellte die Warnsirene ab.

Bisher waren alle Handgriffe automatisch erfolgt. Jetzt war der Augenblick der Entscheidung gekommen.

Wesentlich war, daß das Flugzeug eine sichere Flughöhe weiter unten aufsuchte. Aus seiner gegenwärtigen Höhe von achtundzwan-zigtausend Fuß mußte es um rund dreieinhalb Meilen tiefer gehen, wo die Luft dichter war, damit die Passagiere und die Besatzung ohne zusätzlichen Sauerstoff atmen und überleben konnten.

Die Entscheidung, die Harris zu treffen hatte, war: Sollte der Abstieg langsam oder mit hoher Geschwindigkeit im Sturzflug erfolgen?

Bis vor etwa ein oder zwei Jahren lautete die Anweisung für die Piloten im Fall einer explosiven Dekompression: sofort in Sturzflug gehen. Tragischerweise hatte die Anweisung jedoch bei mindestens einem Flugzeug dazu geführt, daß es in der Luft zerbrach, während ein langsamer Abstieg es vielleicht gerettet hätte. Gegenwärtig wurden die Piloten gewarnt: Zuerst die strukturellen Schäden prüfen. Wenn der Schaden stark ist, kann er durch einen Sturzflug verschlimmert werden, folglich langsam absteigen.

Doch auch dieses Vorgehen hatte seine Gefahren. Anson Harris wurden sie augenblicklich klar.

Zweifellos hatte die Maschine strukturelle Schäden erlitten. Die explosive Dekompression bewies das, und die Explosion, die unmittelbar vorher erfolgt war — obwohl noch keine Minute vergangen war —, konnte bereits großen Schaden angerichtet haben. Unter anderen Umständen hätte Harris Cy Jordan nach hinten geschickt, um zu erfahren, wie stark die Beschädigung war, doch da Demerest sich bereits hinten befand, mußte Jordan bleiben.

Wie schwer jedoch der strukturelle Schaden auch sein mochte, ein anderer Faktor spielte mit, der womöglich noch bedeutender war. Die

Außentemperatur betrug fünfzig Grad Celsius unter Null. Der fast lähmenden Kälte nach zu urteilen, die Harris spürte, mußte die Innentemperatur jetzt nahezu die gleiche sein. In dieser scharfen Kälte konnte niemand ohne ausreichende Schutzkleidung länger als eine Minute leben.

Welches also war das geringere Risiko: mit Gewißheit zu erfrieren oder es zu wagen, schnell hinunterzugehen?

Harris traf eine Entscheidung, die sich nur durch spätere Ereignisse als richtig oder falsch erweisen konnte. Über das Bordtelefon rief er Cy Jordan zu: »Warnung an Flugsicherung! Gehen in Sturzflug!«

Im gleichen Augenblick legte Harris die Maschine steil nach rechts und fuhr das Fahrgestell aus. Daß er das Flugzeug auf die Seite legte, ehe er in den Sturzflug ging, würde zweierlei bewirken: Passagiere oder Stewardessen, die nicht auf Sitzen festgeschnallt waren oder standen, würden so durch die Zentrifugalkraft ihre gegenwärtige Stellung beibehalten, wogegen sie, wenn er gerade in den Sturzflug ging, gegen die Decke geschleudert würden. Die dabei erfolgte Wendung würde die Maschine auch aus der Flugschneise bringen, in der sie flog, und hoffentlich von anderen Flugzeugen unter ihnen entfernen. Das Ausfahren des Fahrgestells würde die Geschwindigkeit weiter verringern und den Sturzflug steiler machen.

Aus dem Lautsprecher konnte Harris Cy Jordans Stimme hören, der den Notruf anstimmte: »Mayday, mayday. Hier Trans America Zwei. Explosive Dekompression. Sind im Sturzflug.«

Harris stieß die Steuersäule scharf nach vorn. Über die Schulter schrie er: »Verlangen Sie zehn!« Cy Jordan fügte hinzu: »Anfordern zehntausend Fuß.«

Anson Harris stellte den Schalter der Radarübertragung auf 77 — ein S-O-S des Radars. Jetzt war auf allen Radarschirmen der Bodenstationen ein doppelt aufblühendes Signal zu sehen, das sowohl ihren Notstand als auch ihre Identität bestätigt.

Sie kamen schnell tiefer. Der Höhenmesser lief ab wie eine Uhr, deren Triebfeder durchdrehte — passierte die Marke für sechsundzwanzigtausend Fuß — für vierundzwanzig — für dreiundzwanzig. Das Meßgerät für Steigen und Hinuntergehen zeigte eine Abstiegsgeschwindigkeit von nahezu achttausend Fuß in der

Minute an . . . Toronto Air Route Center meldete sich im Lautsprecher: »Alle Höhen unter Ihnen frei. Melden Sie Ihre Absichten, wir bleiben dran.« — Harris war behutsam aus der Kurve herausgegangen und flog in gerader Richtung abwärts. — Er hatte keine Zeit, an die Kälte zu denken. Wenn er schnell genug herunterkam, konnten sie vielleicht überleben — falls das Flugzeug zusammenhielt. — Harris hatte schon Schwierigkeiten am Seiten- und Höhensteuer festgestellt. Die Steuerung ging stramm. Die Höhenruder reagierten nicht — einundzwanzigtausend Fuß — zwanzig — neunzehn. — Die Steuerung fühlte sich an, als ob das Leitwerk durch die Explosion beschädigt worden wäre; wie schwer die Beschädigung war, würden sie feststellen, wenn er in nicht einer Minute versuchen würde, den Sturzflug abzufangen. Das war der Augenblick der größten Belastung. Wenn irgendein wichtiges Teil im kritischen Augenblick versagte, würden sie weiter abstürzen . . . Harris wäre froh gewesen, von dem rechten Sitz Hilfe zu erhalten, aber es war zu spät für Cy Jordan, diesen Platz einzunehmen. Außerdem wurde der Zweite Offizier an seinem Platz gebraucht. Er mußte die Lufteinlaßöffnungen schließen, alle Wärme aufbringen, über die sie verfügten, und auf Schäden in der Treibstoffzufuhr und auf Feueralarm achten. — Achtzehntausend Fuß — siebzehn. — Wenn sie vierzehntausend erreichten, entschloß sich Harris, würde er beginnen, den Sturzflug abzufangen, und hoffte, die Maschine in zehntausend Fuß Höhe wieder waagerecht zu bringen. — Fünfzehntausend — vierzehn. — Jetzt vorsichtig abfangen.

Die Steuerung ging schwer, die Maschine reagierte aber — Harris zog die Steuersäule zurück. Der Flugwinkel wurde flacher, die Steuerflächen hielten, das Flugzeug kam aus dem Sturzflug heraus — zwölftausend Fuß. — Der Abstieg erfolgte jetzt langsamer — elf tausend — zehn, fünf — zehn!

Sie flogen gerade! Bisher hatte alles zusammengehalten. Hier war die normale Luft atembar und erhielt am Leben, zusätzlicher Sauerstoff war nicht mehr erforderlich. Das Thermometer für die Außentemperatur zeigte minus fünf Grad Celsius — fünf Grad unter dem Gefrierpunkt; immer noch kalt, aber nicht die mörderische Kälte der großen Höhen.

Vom Beginn bis zum Ende hatte der Sturzflug zweieinhalb Minuten gedauert.

Der Lautsprecher oben wurde lebendig: »Trans America Zwei. Hier Toronto Center. Wie steht es?«

Cy Jordan bestätigte, Anson Harris mischte sich ein. »Bei zehntausend Fuß im Geradeflug. Gehen in Richtung zwei sieben null zurück. Haben strukturellen Schaden durch Explosion. Ausmaß unbekannt. Erbitten Wetter und Informationen über Landebahnen — Toronto, Detroit Metropolitan und Lincoln.« In Gedanken hatte Harris sofort das Bild der Flughäfen vor Augen, die für eine Boeing 707 groß genug waren und den besonderen Anforderungen genügten, die er für eine Landung brauchte.

Vernon Demerest kletterte über die zerschmetterte Tür der Pilotenkanzel und andere Trümmer. Er kam schnell und glitt auf seinen Platz auf der rechten Seite.

»Wir haben Sie vermißt«, sagte Harris.

»Sind wir manövrierfähig?«

Harris nickte: »Wenn das Leitwerk nicht abbricht, können wir weiter Glück haben.« Er berichtete über das behinderte Seiten-und Höhenruder. »Hat da hinten jemand einen Knallfrosch losgelassen?«

»So was Ähnliches. Hat ein verdammt großes Loch gemacht. Ich nahm mir nicht die Mühe, es zu messen.«

Beide Männer wußten, daß ihre Schnoddrigkeit nur äußerlich war. Harris bemühte sich, nach wie vor die Maschine ruhig in gleicher Höhe und auf geradem Kurs zu halten. »Es war ein guter Plan, Vernon«, sagte er rücksichtsvoll. »Er hätte gelingen können.«

»Hätte, tat es aber nicht.« Demerest drehte sich nach dem Zweiten Offizier um. »Gehen Sie in die Touristenkabine. Untersuchen Sie den Schaden und melden Sie über das Bordtelefon. Dann tun Sie alles, was Sie können, für die Leute. Wir müssen wissen, wie viele verletzt sind und wie schwer.« Zum erstenmal erlaubte er sich einen angstvollen Gedanken. »Und stellen Sie fest, was mit Gwen ist.«