»Verstanden, Trans America Zwei. Detroit und Lincoln werden benachrichtigt.«
Darauf folgte ein Kurswechsel. Sie näherten sich dem westlichen Ufer des Huron-Sees, nahe der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada. Beide Piloten wußten, Flug Zwei stand bei den Bodenstationen jetzt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Kontroller und Inspektoren in den folgenden Luftverkehrszentren würden angespannt arbeiten, die Abteilung jedes Flugverkehrs auf ihrer Route koordinieren, die folgenden Abschnitte vor ihrem Anflug warnen und die Flugschneisen räumen. Jede Anforderung, die von ihnen kam, würde mit höchster Priorität befolgt werden.
Als sie die Grenze überquerten, meldete sich Toronto Center ab und setzte seinem letzten Funkspruch hinzu: »Gute Nacht und viel Glück.«
Einen Augenblick später meldete sich Cleveland Air Route Center auf ihren Ruf.
Als Demerest sich durch die Lücke, wo die Tür zur Pilotenkanzel gewesen war, nach der Passagierkabine umsah, konnte er Gestalten sich bewegen sehen, wenn auch nur undeutlich, weil Cy Jordan unmittelbar, nachdem die Tür verschwunden war, die Beleuchtung der Erste-Klasse-Kabine gedämpft hatte, um Ausstrahlungen in die Pilotenkanzel zu vermeiden. Es hatte jedoch den Anschein, als ob Passagiere nach vorn dirigiert würden, was darauf hinwies, daß hinten jemand das Kommando übernommen hatte, wahrscheinlich Cy Jordan, der jeden Augenblick wieder berichten mußte. Die Kälte war immer noch beißend, selbst im Cockpit. Dort hinten mußte es noch kälter sein. Wieder, in einem zweiten Anfall von Angst, dachte Demerest an Gwen, verscheuchte sie dann rücksichtslos aus seinen Gedanken, um sich auf das zu konzentrieren, was als nächstes geschehen mußte.
Obwohl nur Minuten vergangen waren, seit der Entschluß, eine weitere Stunde in der Luft zu riskieren, gefallen war, war es jetzt an der Zeit, mit der Planung ihres Anflugs und ihrer Landung auf Lincoln International zu beginnen. Während Harris die Maschine weiter steuerte, suchte Vernon Demerest die Tabellen für den Anflug und die Landebahnen heraus und entfaltete sie auf seinen Knien. Lincoln International war der Heimatstandort beider Piloten, und sie kannten den Flughafen sowie seine Landebahnen und den ihn umgebenden Luftraum genau. Sicherheit und Ausbildung verlangten jedoch, daß das Gedächtnis überprüft und ergänzt wurde.
Die Tabellen bestätigten, was beide bereits wußten.
Für die Landung mit großer Geschwindigkeit und hohem Gewicht, die sie durchführen mußten, war die längstmögliche Landebahn erforderlich. Infolge der zweifelhaften Steuermöglichkeit mußte es auch die breiteste Landebahn sein. Sie mußte ferner direkt im Wind liegen, der, wie die Wettervoraussage von Lincoln besagte, mit dreißig Knoten und böig aus Nord-West wehte. Landebahn Drei-Null entsprach allen diesen Anforderungen.
»Wir brauchen Drei-Null«, sagte Demerest.
Harris erwiderte: »Der letzte Bericht meldete sie als vorübergehend gesperrt infolge Blockierung.«
»Das habe ich gehört«, knurrte Demerest. »Diese verdammte Landebahn ist seit Stunden blockiert, und alles was im Weg steht, ist eine verdammte, festgefahrene mexikanische Düsenmaschine.« Er entfaltete eine Anflugkarte für Lincoln International und befestigte sie an seiner Steuersäule. Dann rief er wütend aus: »Zum Teufel mit der Blockierung. Wir geben ihnen fünfzig Minuten, um sie zu beseitigen.«
Als Demerest auf den Schaltknopf seines Mikrofons drückte, um die Flugsicherung zu unterrichten, kam der Zweite Offizier Cy Jordan mit weißem Gesicht und angeschlagen in das Cockpit zurück.
11
Rechtsanwalt Freemantle im Hauptgebäude von Lincoln International war ratlos.
Er fand es höchst seltsam, daß noch niemand von berufener Seite gegen die immer lauter lärmende Demonstration der Einwohner von Meadowood, die jetzt einen großen Teil der Haupthalle mit Beschlag belegte, eingeschritten war.
Als Elliott Freemantle an diesem Abend um Genehmigung ersucht hatte, hier eine öffentliche Protestkundgebung zu veranstalten, war ihm das entschieden verweigert worden. Doch jetzt waren sie da, hatten eine Menge neugieriger Zuschauer gefunden — aber nirgends ließ sich ein Polizist blicken.
Freemantle dachte wieder, hier stimmt doch etwas nicht.
Dabei war das, was sich ereignet hatte, einfach unglaublich.
Nach dem Gespräch mit dem Flughafendirektor Mel Bakersfeld war die Delegation unter Führung von Elliott Freemantle aus dem Verwaltungstrakt in die Haupthalle zurückgekehrt. Dort hatten inzwischen die Fernsehleute, mit denen Freemantle unterwegs gesprochen hatte, ihre Aufnahmeapparatur aufgebaut. Die wartenden Meadowooder — inzwischen mindestens fünfhundert Personen, und ständig kamen neue dazu — standen herum und beobachteten die Vorbereitungen für die Fernsehaufnahmen.
Einer der Fernsehleute sagte zu dem Rechtsanwalt: »Wenn Sie soweit sind, Mr. Freemantle, können wir anfangen.«
Zwei Fernsehstationen waren vertreten; beide beabsichtigten am nächsten Tag ein eigenes Fernsehinterview zu senden. Mit der bei ihm üblichen Umsicht hatte Freemantle sich bereits erkundigt, für welche Programme die Filme bestimmt waren, um sich darauf einstellen zu können. Das erste Interview war, wie er erfuhr, für eine beliebte Sendung während der besten Sendezeit vorgesehen, die gern heiße Eisen anfaßte, auf Aktualität Wert legte und Provokationen nicht scheute. Er war bereit, das alles zu bieten.
Der Fernsehinterviewer, ein gutaussehender junger Mann mit wallender Mähne, fragte: »Warum sind Sie hier, Mr. Freemantle?«
»Weil dieser Flughafen eine Räuberhöhle ist.«
»Würden Sie das näher erklären?«
»Gewiß. Die Hausbesitzer der Gemeinde Meadowood werden ständig beraubt. Geraubt wird ihnen ihr Friede, ihr Recht auf Ungestörtheit, ihre wohlverdiente Ruhe nach der Arbeit und ihr Schlaf. Geraubt wird ihnen, sich ihrer Muße zu erfreuen, geraubt wird ihnen ihre psychische und physische Gesundheit und die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Kinder. All diese Dinge — auf die sie nach unserer Verfassung ein Grundrecht haben — werden ihnen ohne Ausgleich oder Vergütung von der Betriebsleitung des Lincoln International Airport schamlos gestohlen.«
Der Interviewer öffnete den Mund zum Lächeln und zeigte zwei Reihen makelloser Zähne. »Herr Rechtsanwalt, das sind harte Worte.«
»Ja, aber es geht um meine Klienten. Und ich bin in kämpferischer Stimmung.«
»Beruht diese Stimmung auf irgend etwas, das heute abend hier geschehen ist?«
»Jawohl, mein Herr. Uns wurde die gefühllose Gleichgültigkeit der Flughafenleitung gegenüber dem Problem meiner Klienten demonstriert.«
»Und was beabsichtigen Sie?«
»Vor Gericht — wenn nötig, vor dem höchsten Gericht — werden wir auf Schließung bestimmter Startbahnen und sogar des gesamten Flughafens während der Nachtstunden klagen. In Europa, wo man in diesen Dingen zivilisiert ist, auf dem Flughafen von Paris zum Beispiel, gibt es Sperrstunden. Ersatzweise werden wir eine angemessene Entschädigung für die brutal geschädigten Hausbesitzer einklagen.«
»Darf ich annehmen, daß Sie durch das, was Sie im Augenblick tun, die Unterstützung der Öffentlichkeit suchen?«
»Jawohl.«
»Glauben Sie, daß die Öffentlichkeit Sie unterstützen wird?«
»Wenn nicht, dann fordere ich jeden auf, vierundzwanzig Stunden in Meadowood zu verbringen, vorausgesetzt, daß seine Trommelfelle und seine geistige Gesundheit das aushalten.«
»Herr Rechtsanwalt, Flughäfen haben doch zweifellos ihre amtlichen Vorschriften zur Lärmdrosselung.«
»Nichts als Lug und Trug. Die Öffentlichkeit wird belogen. Der Generaldirektor dieses Flughafens hat mir heute abend gestanden, daß selbst die kümmerlichen sogenannten Maßnahmen zur Lärmdrosselung nicht befolgt werden.«