Und so weiter.
Später fragte Elliott Freemantle sich, ob er seine Behauptung über die Maßnahme zur Lärmdrosselung nicht — wie Bakersfeld es getan hatte — durch einen Hinweis auf die ungewöhnlichen Bedingungen durch den Schneesturm heute nacht hätte näher erläutern sollen. Doch Halbwahrheit oder nicht, so wie er es formuliert hatte, war es stärker, und Freemantle bezweifelte, daß seine Worte ange-fochten werden würden. Jedenfalls hatte er eine gute Vorstellung geboten, sowohl in dem zweiten Interview als auch in dem ersten. Auch während der beiden Filmaufnahmen, wobei die Kameras mehrmals die angespannten, ausdrucksvollen Gesichter der versammelten Einwohner von Meadowood im Bild festhielten. Elliott Freemantle hoffte, daß sie, wenn sie sich morgen zu Hause auf ihren Bildschirmen selber sahen, sich daran erinnern würden, wer ihnen die Aufmerksamkeit verschafft hatte, die sie fanden.
Die Zahl der Meadowooder, die ihm zum Flughafen gefolgt waren, so, als ob er ihr persönlicher Rattenfänger wäre, überraschte ihn. Die Zahl der Teilnehmer bei der Versammlung in dem Gemeindesaal von Meadowood hatte rund sechshundert betragen. In Anbetracht des schlechten Wetters und der späten Stunde hätte er es für beachtlich gehalten, wenn die Hälfte noch die weite Fahrt zum Flughafen auf sich genommen hätte. Aber nicht nur waren die meisten der ursprünglichen Teilnehmer gekommen, verschiedene mußten auch Freunde und Nachbarn angerufen haben, die sich ihnen daraufhin angeschlossen hatten. Man hatte sogar noch weitere Formulare von ihm verlangt, die ihn mit der gesetzlichen Vertretung beauftragten, und er hatte sie nur zu gern verteilt. Ein neuerliches Nachrechnen im Kopf überzeugte ihn, daß seine erste Hoffnung auf ein Honorar aus Meadowood von insgesamt fünfundzwanzigtausend Dollar gut und gern überschritten werden konnte.
Nach den Fernsehinterviews fragte der Reporter von der Tribüne, Tomlinson, der sich während der Aufnahmen Notizen gemacht hatte: »Was geschieht jetzt, Mr. Freemantle? Beabsichtigen Sie hier irgendeine Demonstration?«
Freemantle schüttelte den Kopf. »Bedauerlicherweise hält die Leitung dieses Flughafens nichts von freier Rede und hat uns das Grundrecht einer öffentlichen Versammlung versagt. Jedoch« — er deutete auf die versammelten Meadowooder — »beabsichtige ich, zu diesen Damen und Herren zu sprechen.«
»Ist das nicht das gleiche wie eine öffentliche Versammlung?«
»Nein, das ist es nicht.«
Jedoch, räumte Elliott Freemantle im stillen ein, wäre das eine sehr feine Unterscheidung, besonders, da er die feste Absicht hatte, aus dem Folgenden eine öffentliche Demonstration zu machen, wenn es ihm gelang. Seine Absicht war, mit einer aggressiven Ansprache zu beginnen, die die Flughafenpolizei ihm, ihrer Pflicht entsprechend, befehlen würde, abzubrechen. Freemantle hatte nicht vor, Widerstand zu leisten oder sich festnehmen zu lassen. Es genügte, von der Polizei unterbrochen zu werden, möglichst mitten in der Rede, denn das würde ihn zum Märtyrer für Meadowood machen und ganz nebenbei für die Zeitungen am nächsten Tag eine interessante Meldung ergeben. Die Morgenzeitungen, vermutete er, hatten ihre ersten Berichte über ihn und Meadowood bereits abgeschlossen, die Redakteure der Nachmittagsausgaben würden ihm aber für einen neuen Aufhänger dankbar sein.
Wichtiger noch, die Hausbesitzer von Meadowood würden noch stärker überzeugt sein, daß sie einen guten Rechtsanwalt und starken Führer engagiert hatten, der sein Honorar wohl wert war — und die ersten der Schecks, auf die Rechtsanwalt Freemantle hoffte, würden nach dem morgigen Tag hereinzuströmen beginnen.
»Wir sind soweit, daß wir anfangen können«, meldete Floyd Za-netta, der Leiter der Versammlung in Meadowood.
Während Freemantle und der Reporter der Tribune miteinander gesprochen hatten, hatten verschiedene Männer aus Meadowood hastig die Lautsprecheranlage aus dem Gemeindesaal aufgebaut. Einer reichte jetzt Freemantle ein Handmikrofon. Er begann zu der Menge zu sprechen.
»Meine Freunde, wir sind heute abend aus guten Gründen und mit konstruktiven Absichten hierhergekommen. Diese Stimmung und diese Absichten versuchten wir der Leitung des Flughafens verständlich zu machen, weil wir glauben, ein echtes und dringendes Problem zu haben, das sorgfältige Überprüfung verdient. In Ihrem Interesse versuchte ich, in vernünftigen, aber festen Worten dieses Problem darzulegen. Ich hoffte, wenn ich zurückkäme, könnte ich Ihnen im besten Fall ein Versprechen auf Abhilfe vorlegen, im schlimmsten Fall Mitgefühl und Verständnis übermitteln. Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß Ihre Abordnung nichts von dem fand. Statt dessen stießen wir nur auf Feindschaft, Beschimpfungen und die mißachtende, zynische Versicherung, daß der Lärm des Flughafens in der Umgebung Ihrer Heime noch schlimmer werden wird.«
Ein empörter Aufschrei erfolgte. Freemantle hob eine Hand. »Fragen Sie die anderen, die mit mir waren. Sie werden es Ihnen bestätigen.« Er deutete auf die vorderste Reihe der Menge. »Hat der Leiter dieses Flughafens uns davon unterrichtet, daß es schlimmer werden wird oder nicht?« Zunächst etwas zögernd, dann aber nachdrücklicher nickten die Mitglieder der Delegation.
Nachdem Elliott Freemantle die ehrliche Offenheit, mit der Mel Bakersfeld die Abordnung empfangen hatte, geschickt entstellt hatte, fuhr er fort: »Ich sehe andere, außer meinen Freunden und Klienten aus Meadowood, die neugierig stehengeblieben sind, um zu erfahren, was hier vorgeht. Wir begrüßen Ihr Interesse. Lassen Sie sich darüber unterrichten . . .« In seinem üblichen aufrührerischen Stil sprach er weiter.
Die schon von Anfang an beachtliche Menge war jetzt noch größer geworden und wuchs ständig weiter. Reisende auf dem Weg zu ihren Flugzeugen hatten Schwierigkeiten durchzukommen.
Abrufe zu Flügen wurden von dem Lärm übertönt. Einzelne Meadowooder hatten hastig gekritzelte Plakate mit Aufschriften erhoben wie: FLUGZEUGE ODER MENSCHEN ZUERST? — VERBIETET DÜSENMASCHINEN ÜBER MEADOWOOD! — KEINEN TÖTENDEN LÄRM — AUCH MEADOWOOD ZAHLT STEUERN — SCHLIESST LINCOLN AIRPORT.
Jedesmal wenn Freemantle eine Pause machte, wurden die Rufe und das allgemeine Geschrei lauter. Ein grauhaariger Mann in einer Windjacke schrie: »Wir wollen dem Flughafen eine Kostprobe von seinem eigenen Lärm geben!« Seine Worte riefen tosenden Beifall hervor.
Fraglos hatte Elliott Freemantles »Bericht« sich inzwischen zu einer ausgewachsenen Demonstration entwickelt. Er erwartete jeden Augenblick, daß die Polizei eingreifen würde.
Was Rechtsanwalt Freemantle nicht wußte, war, daß während der Fernsehaufnahmen und während sich die Einwohner Meado-woods versammelten, die Flughafenleitung anfing, sich ernstliche Sorgen um Flug Zwei der Trans America zu machen. Bald darauf konzentrierte sich jeder Polizist im Flughafen auf die Suche nach Inez Guerrero, und infolgedessen entging die Meadowood-Demon-stration jeder Beachtung. Selbst nachdem Inez gefunden worden war, blieb Polizeileutnant Ordway in Mel Bakersfelds Büro und war dort völlig in Anspruch genommen. So kam es, daß Elliott Freemantle nach weiteren fünfzehn Minuten ernstlich unruhig wurde. So eindrucksvoll die Demonstration war, wenn sie nicht von Amts wegen abgebrochen wurde, hatte sie wenig Sinn. Wo in Gottes Namen, dachte er, bleibt die Flughafenpolizei, und warum erfüllt sie ihre Pflicht nicht?
Das war der Augenblick, in dem Leutnant Ordway und Mel Bakersfeld zusammen aus dem Verwaltungstrakt kamen.
Vor wenigen Minuten war die Zusammenkunft in Mels Büro beendet worden. Nach dem Verhör von Inez Guerrero und dem Absenden der zweiten Warnung an Flug Zwei war nichts mehr dadurch zu erreichen, daß man beieinander blieb. Tanya Livingston kehrte mit dem Bezirksverkehrsleiter der Trans America und deren Chefpilot besorgt in die Räume der Fluggesellschaft im Hauptgebäude zurück, um dort auf neue Nachrichten zu warten. Die anderen suchten mit Ausnahme von Inez Guerrero, die zum Verhör durch Polizeidetektive aus der Stadt festgehalten wurde, ihre eigenen Räume auf. Tanya hatte Zollinspektor Standish, der um seine Nichte an Bord von Flug Zwei besorgt war, versprochen, ihn sofort zu benachrichtigen, wenn etwas Neues vorlag.