Mel, der unentschlossen war, wo er die weitere Entwicklung abwarten solle, begleitete Ned Ordway, der als erster die Demonstration bemerkte und Elliott Freemantle entdeckte. Er eilte auf die Menge in der Haupthalle zu. »Dieser verdammte Rechtsanwalt. Ich habe ihm doch gesagt, er dürfe hier nicht demonstrieren. Dem werde ich schnell ein Ende machen.«
Mel warnte ihn. »Vielleicht wartet er gerade darauf, damit er sich als Held aufspielen kann.«
Als sie näher kamen und Ordway sich durch die Menge hindurchdrängte, verkündete Elliott Freemantle laut: »Trotz der Zusicherung, die die Leitung des Flughafens heute abend gegeben hat, wird starker Flugverkehr so ohrenbetäubend und nervenzerfetzend wie immer, trotz der späten Stunde fortgesetzt. Selbst jetzt . . .«
»Hören Sie auf«, unterbrach Ned Ordway ihn schroff. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß hier im Flughafengebäude keine Demonstration zugelassen wird.«
»Aber Leutnant, ich versichere Ihnen, daß es sich nicht um eine Demonstration handelt.« Freemantle hielt das Mikrofon weiterhin hoch, so daß seine Worte klar verständlich waren. »Ich habe hier nur nach der Zusammenkunft mit der Flughafenleitung, ich möchte sagen einer höchst unbefriedigenden Zusammenkunft, dem Fernsehen ein Interview gegeben und berichte jetzt diesen Leuten . . .«
»Berichten Sie woanders!« Ordway drehte sich um und trat den ihm am nächsten Stehenden entgegen. »Schluß jetzt. Auseinandergehen!«
Aus der Menge antworteten feindselige Blicke und wütendes Murren. Als der Polizist sich wieder Elliott Freemantle zuwandte, flammten Blitzlichter von Fotografen auf. Scheinwerfer gingen wieder an, während sich die Fernsehkameras auf die beiden richteten. Endlich, dachte Elliott Freemantle, ging alles so, wie er es haben wollte.
Am Rand der Menge sprach Mel Bakersfeld mit einem der Fernsehleute und Tomlinson von der Tribüne. Der Reporter sah in seine Notizen und las einen Satz vor. Mel wurde rot vor Ärger, als er zuhörte.
»Leutnant«, sagte Elliott Freemantle zu Ned Ordway, »ich habe vor Ihnen und vor Ihrer Uniform den größten Respekt. Dessenungeachtet möchte ich darauf hinweisen, daß wir heute abend schon woanders eine Versammlung abgehalten haben, in Meado-wood, daß wir aber infolge des Lärms von diesem Flughafen unser eigenes Wort nicht verstehen konnten.«
Ordway erwiderte scharf: »Ich bin nicht hier, um mit Ihnen zu debattieren, Mr. Freemantle. Wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen sage, werden Sie festgenommen. Ich befehle Ihnen, diese Leute von hier fortzuschaffen.«
Jemand aus der Menge rief: »Und wenn wir nicht gehen?«
Eine andere Stimme drängte: »Laßt uns hierbleiben. Sie können uns nicht alle festnehmen.«
»Nein!« Elliott Freemantle hob mit selbstgerechter Pose eine Hand. »Hören Sie bitte auf mich. Es darf keine Unordnung und keinen Ungehorsam geben. Meine Freunde und Klienten, dieser Polizeibeamte hat uns befohlen, zu gehorchen und auseinanderzugehen. Wir werden diesem Befehl nachkommen. Wir mögen es für eine schwerwiegende Beschneidung des Rechts der freien Rede halten« — Beifall und Buhrufe antworteten ihm —, »aber es darf unter keinen Umständen gesagt werden, daß wir versäumt hätten, die Gesetze zu respektieren.« Lauter fügte er hinzu: »Für die Presse habe ich draußen noch eine Erklärung abzugeben.«
»Einen Augenblick!« Mel Bakersfelds Stimme klang scharf über die Köpfe der Umstehenden hinweg. Er drängte sich vor. »Mr. Freemantle, es interessiert mich zu erfahren, was diese Erklärung für die Presse enthalten soll. Werden es weitere Verdrehungen sein? Eine weitere Dosis entstellter Rechtsfälle, um Menschen zu täuschen, die es nicht besser verstehen, oder nur einfache, abgestandene Lügen, in denen Sie ein großer Meister sind?«
Mel sprach laut, seine Worte waren allen in der Nähe verständlich. Sie reagierten mit Interesse. Leute, die sich schon abgewandt hatten, blieben stehen.
Elliott Freemantle reagierte automatisch. »Das ist eine böswillige, verleumderische Behauptung.« Einen Augenblick später witterte er Gefahr und hob die Schultern. »Ich werde es Ihnen aber durchgehen lassen.«
»Warum? Wenn es verleumderisch ist, sollten Sie doch wissen, was man dagegen unternimmt.« Mel blickte den Rechtsanwalt scharf an. »Oder fürchten Sie vielleicht, es könne sich als wahr erweisen?«
»Ich fürchte mich vor nichts, Mr. Bakersfeld. Tatsache ist, daß uns von diesem Polizeibeamten hier befohlen wurde, Schluß zu machen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen . . .«
»Ich habe gesagt, daß für Sie Schluß ist«, berichtigte ihn Ned Ordway. »Was Mr. Bakersfeld tut, ist etwas anderes. Er hat hier Hausrecht.« Ordway war neben Mel getreten. Gemeinsam verstellten sie dem Rechtsanwalt den Weg.
»Wenn Sie ein wirklicher Polizeibeamter wären«, protestierte Freemantle, »würden Sie uns gleich behandeln.«
Überraschenderweise sagte Meclass="underline" »Damit hat er, glaube ich, recht.« Ordway sah ihn neugierig an. »Sie sollten uns beide gleich behandeln. Und statt diese Versammlung zu schließen, sollten Sie mir, meiner Meinung nach, das gleiche Recht einräumen, zu diesen Leuten zu sprechen, das Mr. Freemantle gerade hatte, das heißt, wenn Sie ein wirklicher Polizeibeamter sein wollen.«
»Ich denke schon.« Der große Negerpolizist, der die beiden anderen überragte, fügte grinsend hinzu: »Ich fange an, Sie zu verstehen. Sie und Mr. Freemantle.«
Mel bemerkte nüchtern zu Elliott Freemantle: »Sehen Sie, er gibt nach. Und da wir nun einmal alle hier beisammen sind, können wir auch einige Dinge klären.« Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir mal das Mikrofon.«
Mels Zorn von vor einer Minute war jetzt weniger spürbar. Als der Reporter der Tribune, Tomlinson, ihm aus seinen Notizen das Wesentliche dessen vorlas, was Elliott Freemantle in den Fernsehinterviews und anschließend gesagt hatte, war Mel wütend geworden. Sowohl Tomlinson als auch der Fernsehinterviewer baten Mel, sich zu dem Gesagten zu äußern. Mel versicherte ihnen, das wolle er.
»O nein!« Freemantle schüttelte entschieden den Kopf. Die Gefahr, die er vor wenigen Augenblicken gewittert hatte, stand plötzlich nahe und deutlich vor ihm. Schon einmal hatte er diesen Bakersfeld heute abend unterschätzt. Er beabsichtigte nicht, diesen Fehler zu wiederholen. Freemantle hatte jetzt die versammelten Einwohner von Meadowood in seiner Hand. Für ihn war es wichtig, daß das so blieb. Im Augenblick wünschte er nur, daß alle so schnell wie möglich auseinanderliefen.
Hochmütig erklärte er: »Es ist mehr als genug gesagt worden.«
Er ignorierte Mel und reichte das Mikrofon einem der Männer aus Meadowood und deutete auf die Lautsprecheranlage. »Wir wollen das hier abbauen und uns auf den Weg machen.«
»Geben Sie das mal mir.« Ned Ordway streckte die Hand aus und nahm das Mikrofon an sich. »Und alles andere bleibt, wie es ist.« Er nickte verschiedenen Polizisten zu, die am Rand der Menge aufgetaucht waren. Sie kamen näher. Während Freemantle hilflos zusah, reichte Ordway das Mikrofon Mel.
»Danke.« Mel wandte sich den Leuten aus Meadowood zu — viele zeigten feindselige Gesichter — und anderen, die auf dem Weg durch die Halle stehengeblieben waren, um zuzuhören. Obwohl es zwanzig Minuten nach Mitternacht und jetzt Samstag morgen war, zeigten sich noch keine Anzeichen dafür, daß der starke Verkehr in der Haupthalle nachließ. Infolge der vielen Verspätungen bei den Abflügen würde der starke Verkehr voraussichtlich die ganze Nacht über anhalten und in den verstärkten Wochenendverkehr übergehen, bis die Flugpläne wieder normal eingehalten wurden. Wenn sich die Leute aus Meadowood vorgenommen hatten, dem Flughafen lästig zu fallen, dachte Mel, war ihnen das gelungen. Die zusätzlichen rund tausend Menschen nahmen Raum in der Halle in Anspruch; ankommende und abreisende Passagiere mußten sich hindurchkämpfen, wie eine Flutwelle, die plötzlich auf eine Sandbank stößt. Es war offensichtlich, daß diese Situation nicht länger als nur noch wenige Minuten dauern durfte.