Mel wußte zwar nichts davon, aber Elliott Freemantle war zu dem gleichen Ergebnis gekommen.
Was sonst Freemantle auch sein mochte, er war Pragmatiker. Seit langem hatte er erkannt, daß es im Leben Spiele gab, bei denen man gewann, und andere, bei denen man verlor. Manchmal kam der Verlust überraschend und widersinnig. Ein Zufall, eine Wendung, eine Nessel im Gras konnte einen fast greifbaren Erfolg zu einer tödlichen Niederlage machen. Zum Glück für Menschen wie Freemantle trat manchmal auch das Gegenteil ein.
Dieser Flughafendirektor Bakersfeld hatte sich als Nessel erwiesen. Unvorsichtig hatte er etwas angefaßt, dem er hätte ausweichen sollen. Selbst nach dem ersten Zusammenstoß, der Elliott Free-mantle eine Warnung hätte sein müssen, hatte er seinen Gegner weiter unterschätzt, indem er auf dem Flughafen geblieben war, statt zu verschwinden, solange er einen Vorsprung besaß. Etwas anderes, das Freemantle zu spät entdeckt hatte, war, daß Bakersfeld zwar gerissen, aber auch ein Spieler war. Nur ein Spieler konnte ein solches Risiko eingehen, wie Bakersfeld es vor einem Augenblick getan hatte. Und nur Elliott Freemantle wußte an diesem Punkt, daß Bakersfeld gewonnen hatte.
Freemantle war sich klar, daß die Anwaltskammer seine Unternehmung an diesem Abend mißbilligen würde, genauer gesagt: er hatte bereits einmal einen Zusammenstoß mit einem Untersuchungsausschuß der Kammer gehabt und beabsichtigte nicht, leichtfertig einen weiteren zu provozieren.
Bakersfeld hatte recht, dachte Elliott Freemantle. Er würde nicht versuchen, vor Gericht auf Grund der unterschriebenen Vollmachtsformulare die eingegangene Schuld einzutreiben. Das Risiko war zu groß, die Gewinnaussichten ungewiß.
Selbstverständlich würde er noch nicht vollständig aufgeben. Morgen, beschloß Freemantle, wollte er an alle Einwohner Mea-dowoods, die das Formular unterschrieben hatten, einen Brief aufsetzen. Darin würde er sich die größte Mühe geben, die Empfänger dazu zu überreden, seine Bestellung als juristischer Berater gegen das mit dem einzelnen festgelegten Honorar aufrechtzuerhalten. Er bezweifelte jedoch, daß viele antworten würden. Den Argwohn, den Bakersfeld so wirksam geweckt hatte — der verfluchte Hund! —, war zu groß. Ein paar kleine Reste mochten übrigbleiben, von Leuten, die bereit waren, weiterzumachen, und später war es dann notwendig, zu entscheiden, ob es sich lohnte. Doch die Aussicht auf eine große Beute war dahin.
Er nahm jedoch an, daß sich bald etwas anderes finden würde. Es hatte sich immer etwas gefunden.
Ned Ordway und verschiedene andere Polizisten trieben die Menge auseinander. Der Verkehr in der Haupthalle nahm wieder normale Ausmaße an. Auch die Lautsprecheranlage war endlich abgebaut und fortgeschafft worden.
Mel Bakersfeld bemerkte, daß Tanya, die er gerade vor wenigen Augenblicken entdeckt hatte, auf ihn zukam. Eine Frau, eine der Bewohnerinnen Meadowoods, die Mel bereits mehrfach bemerkt hatte, trat zu ihm. Sie hatte ein kräftiges, intelligentes Gesicht und schulterlanges braunes Haar.
»Mr. Bakersfeld«, begann die Frau ruhig, »wir haben alle sehr viel geredet und verstehen jetzt verschiedenes besser als vorher. Ich habe aber immer noch nicht gehört, was ich meinen Kindern sagen soll, wenn sie weinen und fragen, warum der Lärm nicht aufhört, damit sie schlafen können.«
Mel schüttelte bedauernd den Kopf. In wenigen Worten hatte die Frau umrissen, wie vergeblich alles gewesen war, was sich an diesem Abend ereignet hatte. Er konnte ihr auch keine Antwort geben, und er bezweifelte auch, ob je eine gefunden werden würde, solange Flughäfen und Wohngemeinden enge Nachbarn blieben.
Er überlegte noch, was er antworten sollte, als Tanya ihm ein zusammengelegtes Blatt Papier reichte.
Als er es öffnete, las er eine Mitteilung, die erkennen ließ, daß sie hastig getippt worden war.
»flug 2 hatte explosion in der luft strukturelle schaden und verletzte kommt zurück für notlandung geschätzte ankunft 01.30. kap. sagt er muß landebahn drei null haben turm meldet landebahn noch blockiert.«
12
Zwischen den blutigen Trümmern, die jetzt das hintere Ende der Touristenkabine von Flug Zwei bildeten, wandte Dr. Milton Com-pagno, ein praktischer Arzt, sein äußerstes Können auf, und bemühte sich Gwen Meighens Leben zu retten. Er war nicht sicher, ob es ihm gelingen würde.
Als D. O. Guerreros Dynamitladung explodierte, war Gwen, nach Guerrero selbst, die Person, die sich dem Explosionsherd am nächsten befand. Unter anderen Umständen wäre sie, wie D. O. Guerrero, auf der Stelle getötet worden. Für den Augenblick retteten sie zwei Dinge.
Zwischen Gwen und der Explosion befanden sich Guerreros Körper und die Toilettentür. Keins von beiden bot einen wirksamen Schutz, doch zusammen genügten sie, die erste Gewalt der Explosion für einen Sekundenbruchteil zu dämpfen. Innerhalb dieses Sekundenbruchteils wurde die Außenhaut des Flugzeugs aufgerissen, und die zweite Explosion, die explosive Dekompression, trat ein.
Trotzdem traf die Dynamitexplosion Gwen, schleuderte sie schwerverletzt und blutend zurück, doch ihrer Gewalt wirkte eine bremsende Kraft entgegen: die Wucht der durch das Loch am hinteren Ende des Flugzeugrumpfs ausströmenden Luft. Die Wirkung war die, als ob zwei Tornados gegeneinander prallten. Einen Augenblick später siegte die Dekompression und riß die ursprüngliche Explosion mit sich in den hohen dunklen Nachthimmel hinaus.
Trotz der Gewalt der Explosion war die Zahl der Verletzten nicht sehr groß.
Die am gefährlichsten verletzte Gwen Meighen lag bewußtlos im Mittelgang. Neben ihr stand noch der eulenhafte junge Mann, der aus der Toilette aufgetaucht war und Guerrero erschreckt hatte. Auch er war verletzt, blutete stark und war benommen, hielt sich aber noch bei Bewußtsein auf den Beinen. Ein halbes Dutzend Passagiere in der Nähe erlitt Schnittverletzungen und Prellungen von Splittern und Trümmern. Andere wurden von Gegenständen getroffen, die durch den Sog der explosiven Dekompression nach hinten durch das Flugzeug gerissen wurden. Sie waren benommen und erlitten Prellungen, doch keine dieser Verletzungen erwies sich als gefährlich.
Nach der Dekompression wurden zuerst alle, die nicht sicher auf ihren Plätzen saßen, von dem Sog zu dem klaffenden Loch am hinteren Teil des Flugzeugs gerissen. Auch von dieser Gefahr war Gwen Meighen am stärksten bedroht. Aber sie war so gefallen, daß ein Arm — sei es instinktiv oder zufällig — sich um das Bein einer Sitzbank gehakt hatte. Das verhinderte, daß sie zurückgezerrt wurde, und ihr Körper hielt andere auf.
Nach dem ersten heftigen Ausströmen der Luft ließ der Sog schnell nach.
Jetzt bestand die größte unmittelbare Gefahr für alle, ob verletzt oder nicht, im Sauerstoffmangel. Obwohl die Sauerstoffmasken sich sofort aus ihren Gehäusen heruntersenkten, griff nur eine Handvoll Passagiere sofort danach und legte sie an.
Ehe es jedoch zu spät war, bewiesen einige ihre Geistesgegenwart. Stewardessen handelten ihrer Ausbildung entsprechend und griffen, wo sie gerade standen, nach Masken, und bedeuteten anderen das gleiche zu tun. Drei Ärzte, die sich mit ihren Frauen auf einer Gesellschaftsreise befanden, erkannten, daß Eile notwendig war, legten sich Masken an und gaben allen in ihrer Nähe befindlichen Passagieren hastig Anweisungen. Judy, die aufgeweckte achtzehnjährige Nichte von Zollinspektor Standish, legte eine Maske über das Gesicht des Babys auf dem Platz neben sich und griff selbst nach einer. Dann gab sie den Eltern des Babys und den Passagieren auf der anderen Seite des Mittelgangs Zeichen, sich mit Sauerstoff zu versorgen. Mrs. Quonsett, die schwarzfliegende alte Dame, hatte während ihrer illegalen Flüge so oft Sauerstoffmasken demonstriert gesehen, daß sie wußte, was sie zu tun hatte. Sie nahm sich selbst eine Maske und reichte eine ihrem Freund, dem Oboisten, den sie auf seinen Sitz neben sich zog. Mrs. Quon-sett hatte keine Ahnung, ob sie überleben würde, war darüber aber nicht sonderlich beunruhigt. Doch was auch geschehen würde — sie wollte bis zu ihrem allerletzten Moment mitbekommen, was vorging.