Jemand drückte dem jungen Mann bei Gwen, der verletzt worden war, eine Maske in die Hand. Er schwankte zwar und begriff kaum, was eigentlich geschah, es gelang ihm aber, sich die Maske vor das Gesicht zu halten.
Trotzdem stand kaum die Hälfte der Passagiere nach fünfzehn Sekunden — der kritischen Zeitspanne — unter Sauerstoff. Danach versanken alle, die keinen Sauerstoff bekamen, in einen Dämmerzustand. Nach weiteren fünfzehn Sekunden waren die meisten bewußtlos.
Gwen Meighen erhielt weder Sauerstoff noch sofortige Hilfe. Die durch ihre Verletzungen verursachte Bewußtlosigkeit vertiefte sich.
Dann nahm Anson Harris in der Pilotenkanzel das Risiko weiterer struktureller Schäden und einer möglichen völligen Zerstörung des Flugzeugs auf sich und entschied sich zu einem schnellen Sturzflug, wodurch er Gwen und andere vor dem Ersticken rettete.
Der Sturzflug begann in einer Höhe von achtundzwanzigtau-send Fuß, er endete zweieinhalb Minuten später bei zehntausend Fuß.
Ein Mensch kann ohne Sauerstoff drei bis vier Minuten lang leben, ohne daß das Gehirn geschädigt wird.
Während der ersten Hälfte des Sturzflugs — für ein und eine viertel Minute — blieb die Luft dünn und genügte nicht. Leben zu erhalten. Unter dieser Höhe wurde der Sauerstoffgehalt größer und die Luft atembar.
In zwölftausend Fuß Höhe war reguläres Atmen möglich. Bei zehntausend Fuß war nur noch wenig Zeit zu verlieren, aber es hatte ausgereicht, und alle Passagiere auf Flug Zwei kehrten zum Bewußtsein zurück, mit Ausnahme von Gwen. Viele hatten nicht einmal gemerkt, daß sie bewußtlos geworden waren.
Nachdem die Passagiere und die anderen Stewardessen langsam den ersten Schock überwunden hatten, überprüften sie ihre Situation. Die nach Gwen rangälteste Stewardess, eine muntere Blondine aus Oak Lawn in Illinois, eilte nach hinten zu den Verletzten. Sie erblaßte zwar, rief aber geistesgegenwärtig: »Ist ein Arzt hier, bitte?«
»Ja, Miss.« Dr. Compagno hatte seinen Platz bereits verlassen, ohne zu warten, bis er gerufen wurde. Er war ein kleiner Mann mit scharfen Gesichtszügen und ungeduldigen Bewegungen, der schnell und mit einem Brooklyn-Akzent sprach. Er spürte bereits die beißende Kälte und den scharfen Luftzug, der laut durch das klaffende Loch im Flugzeugrumpf drang. An Stelle der Toiletten und der hinteren Galley war dort ein verbogenes Durcheinander aus verkohltem und blutbeflecktem Holz und Metall. Der hintere Teil des Rumpfes und das Innere des Leitwerks waren offen, und die Steuerkabel und das Gerippe des Rumpfes waren bloßgelegt.
Der Arzt hob seine Stimme, um sich über das Sausen des Zugwinds und das Dröhnen der Motoren verständlich zu machen, die alles übertönten, nachdem die Kabine nicht mehr abgeschlossen war. »Bringen Sie so viele wie möglich weiter nach vorn. Halten Sie alle so warm, wie Sie können. Für die Verletzten brauchen wir Decken.«
Zweifelnd antwortete die Stewardess: »Ich will versuchen, welche zu finden.« Viele der Decken, die im allgemeinen in den Fächern über den Sitzen untergebracht waren, hatte der scharfe Sog bei der Dekompression mit der Garderobe und anderen Gegenständen der Passagiere hinausgefegt.
Die beiden anderen Ärzte in Dr. Compagnos Reisegesellschaft folgten seinem Beispiel. Einer instruierte eine der Stewardessen: »Bringen Sie uns alles Erste-Hilfe-Material, das Sie haben.« Dr. Compagno, der bereits neben Gwen kniete, war der einzige der drei, der seine Arzttasche bei sich hatte.
Es war charakteristisch für Milton Compagno, daß er überall und immer seine medizinische Bereitschaftstasche mitnahm. Und jetzt übernahm er die Führung, obwohl er nur praktischer Arzt war und in der beruflichen Rangordnung hinter den beiden anderen Ärzten, die Internisten waren, stand.
Milton Compagno betrachtete sich nie außer Dienst. Vor fünfunddreißig Jahren hängte er als junger Mann, der sich aus einem New Yorker Slumviertel zäh empor gekämpft hatte, in Chicagos Klein-Italien nahe der Milwaukee Avenue und der Grand Avenue sein Arztschild aus, und seitdem praktizierte er nur dann nicht, wie seine Frau voller Resignation oft sagte, wenn er im Bett lag und schlief. Es machte ihm Freude, daß er gebraucht wurde. Er handelte, als ob sein Beruf ein Preis wäre, den er gewonnen hatte, und wieder verlieren würde, wenn er ihn nicht behütete. Nie hatte man je von ihm gehört, daß er zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit einen Patienten abgewiesen oder einen Hausbesuch verweigert hätte, wenn er gerufen wurde. Niemals fuhr er am Schauplatz eines Unfalls vorbei, wie es viele seiner Berufskollegen aus Furcht vor Verwicklungen taten. Er hielt immer an, stieg aus und tat, was er konnte. Gewissenhaft hielt er seine medizinischen Kenntnisse auf dem neuesten Stand. Doch je angestrengter er arbeitete, desto besser schien es ihm zu gehen. Er machte den Eindruck, indem er jeden Tag so hinter sich brachte, als beabsichtige er alle Leiden der Welt in einem einzigen Leben, von dem nur noch wenig übriggeblieben war, zu heilen.
Diese Reise nach Rom, seit vielen Jahren immer wieder aufgeschoben, galt dem Besuch des Geburtsorts seiner Eltern. Einen Monat lang wollte Dr. Compagno mit seiner Frau fortbleiben, und da er alt wurde, hatte er zugestimmt, sie solle ausschließlich der Erholung dienen. Doch hatte er fest damit gerechnet, daß er irgendwann einmal unterwegs oder vielleicht in Italien — und um die Zulassungsbestimmungen kümmerte er sich selbstverständlich nicht —, gebraucht würde. Darauf war er vorbereitet. Es überraschte ihn nicht, daß dieser Fall jetzt schon eintrat.
Er trat zuerst zu Gwen, die eindeutig die schwersten Verletzungen erlitten hatte. Zu seinen Kollegen sagte er über die Schulter: »Kümmern Sie sich um die anderen.«
In dem schmalen Mittelgang drehte Dr. Compagno Gwen teilweise um, um festzustellen, ob sie atmete. Das tat sie, aber ihr Atem war dünn und flach. Der Stewardess, mit der er gesprochen hatte, rief er zu: »Ich brauche hier Sauerstoff.« Während das Mädchen eine tragbare Sauerstoffflasche mit einer Maske brachte, untersuchte er Gwens Mund darauf, ob die Atemwege verstopft wären. Ihr waren Zähne ausgeschlagen worden, die er entfernte sowie eine Menge Blut. Er vergewisserte sich, daß die Blutungen ihre Atmung nicht beeinträchtigten. Zu der Stewardess sagte er: »Halten Sie ihr die Maske vors Gesicht.« Der Sauerstoff zischte. Nach ein oder zwei Minuten nahm Gwens Haut, die beängstigend weiß gewesen war, einen Hauch Farbe an. Inzwischen begann er die vielen Blutungen im Gesicht und an der Brust zu stillen. Mit einem Hämo-stat klemmte er eine verletzte Arterie im Gesicht ab, die gefährlichste Stelle für eine äußere Blutung, und legte an anderen Stellen Druckverbände an. Er arbeitete schnell. Er hatte bereits Brüche am Schlüsselbein und am linken Arm festgestellt. Der Arm mußte später geschient werden. Voller Schrecken nahm er im linken Auge seiner Patientin Splitter wahr. Beim rechten Auge war er sich nicht ganz sicher.
Der Zweite Offizier Jordan, der sich vorsichtig an Dr. Compagno und Gwen vorbeigedrängt hatte, übernahm den Befehl über die anderen Stewardessen und überwachte die Unterbringung der Passagiere vorn im Flugzeug. Aus der Touristenklasse wurden so viele wie möglich in der Ersten-Klasse-Kabine untergebracht, manche zu zweit auf einem Sitz, andere in den kleinen halbkreisförmigen Salon gewiesen, wo freie Plätze zur Verfügung standen. Die noch vorhandene Oberkleidung wurde ohne Rücksicht auf die eigentlichen Besitzer an jene verteilt, die sie am dringendsten zu brauchen schienen. Wie immer in solchen Situationen zeigten die Menschen sich selbstlos und bereit einander zu helfen, sogar mit Anflügen von Humor.