Die beiden anderen Ärzte verbanden die Passagiere, die Schnittwunden erlitten hatten. Keine der Verletzungen war gefährlich. Der junge Mann mit der Brille, der im Augenblick der Explosion hinter Gwen gestanden hatte, hatte einen tiefen Schnitt am Arm erlitten, der aber heilen würde. Weitere leichte Schnittverletzungen hatte er im Gesicht und an den Schultern. Vorläufig erhielt sein verletzter Arm einen Druckverband, und er wurde so bequem wie möglich untergebracht.
Die ärztliche Betreuung und die Verlegung der Passagiere wurde durch die starken Stöße erschwert, denen das Flugzeug in der jetzigen niedrigeren Höhe durch den Sturm ausgesetzt war. Ständig traten Turbulenzen auf, die das Flugzeug alle paar Minuten in heftiges Schwanken und Schaukeln versetzten. Mehrere Passagiere wurden, zusätzlich zu ihren anderen Nöten, auch noch luftkrank.
Nachdem Cy Jordan sich zum zweitenmal in der Pilotenkanzel gemeldet hatte, kehrte er zu Dr. Compagno zurück.
»Doktor, Kapitän Demerest hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß er Ihnen für alles, was Sie und die anderen Ärzte tun, sehr dankbar ist. Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, wäre er Ihnen verbunden, wenn Sie selbst in das Cockpit kämen, um ihm zu sagen, was er über Funk für die Verletzten anfordern soll.«
»Halten Sie mal den Verband«, befahl Dr. Compagno. »Drücken Sie fest drauf — gerade hier —, und jetzt möchte ich, daß Sie mir beim Schienen helfen. Wir verwenden dazu eine dieser ledernen Zeitschriftenhüllen mit einem Handtuch darunter. Suchen Sie mir die größte Hülle, die Sie finden können, und nehmen Sie die Zeitschrift heraus.«
Einen Augenblick später fügte er hinzu: »Ich komme, sobald ich kann. Sagen Sie Ihrem Kapitän, ich hielte es für richtig, daß er sobald wie möglich eine Ansprache an die Passagiere richtet. Die Leute überwinden langsam den Schock und können eine Aufmunterung gebrauchen.«
»Jawohl, Sir.« Cy Jordan blickte auf die bewußtlose Gwen hinab. Sein schon immer melancholisches hohlwangiges Gesicht verriet seine ernste Sorge. »Besteht für sie eine Chance, Doktor?«
»Sie hat eine Chance, junger Mann, wenn ich auch nicht behaupten will, daß sie besonders groß ist. Es hängt viel von ihrer Energie ab.«
»Ich war immer überzeugt, daß sie sehr viel Energie besitzt.«
»Sie war wohl ein sehr hübsches Mädchen?« Die vielen Verletzungen, das Blut, das schmutzige, zerwühlte Haar ließ das kaum noch erkennen.
»Sehr hübsch.«
Compagno antwortete darauf nicht. Wie es auch ausging: Das Mädchen auf dem Boden würde nicht mehr hübsch sein — nicht ohne Schönheitschirurgie.
»Ich überbringe dem Kapitän Ihre Mitteilung, Sir.« Cy Jordan sah noch bleicher aus als vorher und ging zur Pilotenkanzel zurück.
Wenige Augenblicke später erklang Vernon Demerests ruhige Stimme aus den Lautsprechern in den Kabinen: »Meine Damen und Herren, hier spricht Kapitän Demerest . . .« Um das Brausen des Windes und das Dröhnen der Motoren zu übertönen, hatte Cy Jordan die Lautstärke voll aufgedreht. Jedes Wort war deutlich zu verstehen. »Sie wissen, daß wir in Gefahr waren, in großer Gefahr, und uns noch darin befinden. Ich will nicht versuchen, das zu beschönigen. Ich werde auch keine Scherze machen, denn hier vorn in der Pilotenkanzel sehen wir nichts, was komisch wäre, und Sie sind wahrscheinlich der gleichen Meinung. Wir haben etwas erlebt, was niemand von unserer Besatzung schon einmal erlebt hat und hoffentlich nie wieder erleben wird. Aber wir sind durchgekommen. Jetzt haben wir das Flugzeug unter Kontrolle, wir sind umgekehrt und nehmen an, daß wir in etwa einer dreiviertel Stunde auf Lin-coln International Airport landen werden.«
In den beiden Kabinen, in denen die Passagiere Erster Klasse und die der Touristenklasse durcheinandergemischt waren, hörte jede Bewegung und jede Unterhaltung auf. Instinktiv wandten alle ihre Augen den Lautsprechern zu und strengten ihr Gehör an, um sich kein Wort entgehen zu lassen.
»Sie wissen selbstverständlich, daß das Flugzeug beschädigt wurde. Die Beschädigungen hätten aber viel schlimmer sein können.«
Vernon Demerest saß mit dem Mikrofon in der Hand im Cockpit und fragte sich, wie detailliert und wie aufrichtig er die Lage schildern solle. Bei seinen regulären Flügen beschränkte er sich in seinen Ankündigungen an die Passagiere auf das knappste Minimum. Er mißbilligte wortreiche Kapitäne, die ihr zwangsweises Publikum vom Anfang bis zum Ende mit einer Reihe von Erklärungen bombardierten. Er spürte jedoch, daß er dieses Mal mehr sagen mußte und daß die Passagiere ein Recht darauf hatten, ihre wahre Situation zu erfahren.
»Ich will Ihnen nicht vorenthalten«, sagte Demerest ins Mikrofon, »daß noch einige Schwierigkeiten vor uns liegen. Unsere Landung wird hart sein, und wir wissen nicht genau, wie weit die vorhandenen Beschädigungen sie beeinflussen werden. Das sage ich Ihnen, weil die Besatzung sofort nach dieser Ankündigung Ihnen Anweisungen geben wird, wie Sie sich unmittelbar vor der Landung setzen und festhalten sollen. Ferner wird man Ihnen erklären, wie Sie das Flugzeug sofort nach der Landung schnell verlassen können, falls das notwendig wird. Sollte das der Fall sein, dann handeln Sie ruhig, aber schnell, und befolgen Sie jede Anweisung, die Ihnen von einem Besatzungsmitglied gegeben wird. Ich kann Ihnen versichern, daß auf dem Boden alles Erforderliche getan wird, um uns zu helfen.« Demerest dachte dabei, daß sie unbedingt Landebahn Drei-Null brauchten und hoffte, daß seine Behauptung wahr sei. Er kam auch zu der Überzeugung, daß es keinen Sinn habe, im einzelnen auf das Problem des festgeklemmten Höhenruders einzugehen. Die meisten Passagiere würden es sowieso nicht verstehen. In leichterem Ton fügte er hinzu: »In gewisser Weise haben Sie heute nacht Glück, denn der Zufall will es, daß Sie heute statt eines erfahrenen Kapitäns zwei in der Pilotenkanzel haben, Kapitän Harris und mich. Wir sind zwei alte Füchse mit mehr Jahren an Flugerfahrung, als uns selbst manchmal lieb ist, außer gerade in diesem Augenblick, da sich unsere gemeinsamen Erfahrungen als außerordentlich nützlich erweisen werden. Wir werden einander helfen, genau wie der Zweite Offizier Jordan, der einen Teil seiner Zeit hinten bei Ihnen verbringen wird. Helfen auch Sie uns bitte. Wenn Sie das tun, kann ich Ihnen versprechen, daß wir gemeinsam alles sicher überstehen werden.«
Demerest legte das Mikrofon an seinen Platz zurück.
Ohne seine Augen auf den Fluginstrumenten abzuwenden, meinte Anson Harris: »Das war sehr gut. Sie sollten in die Politik gehen.«
Mürrisch antwortete Demerest: »Für mich würde niemand stimmen. Meistens schätzen die Leute offene Worte und die Wahrheit nicht.« Er erinnerte sich verbittert an die Sitzung des Verwaltungsrats auf Lincoln International, bei der er auf die Verbannung der Flugversicherungsschalter aus dem Flughafen gedrängt hatte. Dort hatten offene Worte sich als katastrophal erwiesen. Er fragte sich, was der Verwaltungsrat empfinden würde, nachdem sie von D. O. Guerreros Abschluß einer Flugversicherung und seiner wahnwitzigen Absicht, das Flugzeug zu vernichten, erfahren hatten. Wahrscheinlich, dachte Demerest, werden sie genauso selbstgefällig sein wie immer, außer daß sie in Zukunft statt: »Das wird nie geschehen«, sagen werden: »Das war eine einmalige Ausnahme; die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, daß es wieder passiert.« Nun, vorausgesetzt, daß Flug Zwei sicher zurückkam, und gleichgültig, was alles gesagt oder nicht gesagt wurde — er würde unter allen Umständen von neuem einen großen Kampf gegen den Abschluß von Versicherungen auf dem Flughafen beginnen. Aber etwas hatte sich jetzt geändert: Dieses Mal würden mehr Leute aufhorchen. Die heute nacht fast eingetretene Katastrophe würde zweifellos große Beachtung in der Presse finden. Das wollte er nach Kräften ausnutzen. Ungeschminkt würde er die Reporter über die Flugversicherungen aufklären, über den Verwaltungsrat des Flughafens und nicht zuletzt über seinen kostbaren Schwager Mel Bakersfeld. Die Public-Relations-Bosse der Trans America würden sich selbstverständlich die größte Mühe geben, ihm den Mund zu verbieten — »im Interesse der Geschäftspolitik der Gesellschaft«. Das sollten sie nur versuchen!