Er fragte: »Haben Sie etwas gesagt?« Demerest schüttelte den Kopf.
Der Sturm war so wild wie eh und je, und die Maschine wurde nach wie vor hin- und hergestoßen.
»Trans America Zwei, wir haben mit Ihnen Radarkontakt«, krächzte eine neue Stimme von Chicago Center.
Harris nahm noch den Funkverkehr wahr.
Was Gwen anging, konnte er gut und gern schon jetzt eine Entscheidung treffen, überlegte Demerest. Also gut, beschloß er, er würde sich Sarahs Tränen und Beschuldigungen aussetzen, vielleicht auch ihrem Zorn, aber er wollte sie über Gwen unterrichten. Er würde zugeben, daß er für Gwens Schwangerschaft verantwortlich war.
Die Hysterie, die sich zu Hause daraus ergeben würde, konnte mehrere Tage anhalten, und die Nachwirkungen vielleicht Wochen und Monate, und in dieser Zeit würde er viel auszuhallen haben. Doch wenn das Schlimmste überstanden war, würden sie ein Arrangement finden. Seltsamerweise — und er nahm an, das zeige die Größe seines Vertrauens zu Sarah — hatte er daran nicht den geringsten Zweifel.
Er hatte keine Ahnung, was sie tun würden, und eine ganze Menge würde von Gwen abhängen. Trotz allem, was der Arzt gerade über die Schwere von Gwens Verletzungen gesagt hatte, war Demerest überzeugt, daß sie durchkommen werde. Gwen besaß Kraft und hatte Mut, selbst in der Bewußtlosigkeit würde sie um ihr Leben kämpfen und sich schließlich, welche Behinderungen sie auch zurückbehalten mochte, mit ihnen abfinden. Sie würde auch ihre eigenen Ansichten wegen des Kindes haben, es vielleicht gar nicht so leicht aufgeben. Gwen war niemand, der sich herumschubsen oder vorschreiben ließ, was sie zu tun hatte. Sie traf ihre Entscheidungen für sich selbst.
Was dabei herauskommen konnte, war, daß er schließlich zwei Frauen plus einem Kind hatte, statt nur einer. Damit war vielleicht nicht ganz leicht fertig zu werden.
Damit war auch die Frage aufgeworfen: Wie weit würde Sarah das mitmachen?
Mein Gott! Was für eine teuflische Situation.
Aber nachdem er jetzt seinen ersten Entschluß gefaßt hatte, war er der Überzeugung, daß etwas Gutes dabei herauskommen würde. Grimmig dachte er, bei allem, was er an Sorgen und barem Geld draufzuzahlen hatte, mußte es gut sein.
Der zurücklaufende Höhenmesser zeigte an, daß sie die Höhe von fünftausend Fuß durchschritten.
Und da war selbstverständlich noch das Kind. Er begann bereits diesen Teil des Problems in einer neuen und andersgearteten Weise zu sehen. Natürlich würde er sich nicht erlauben, deswegen widerwärtig sentimental zu werden, wie manche Leute das taten — An-son Harris bot dafür ein Beispiel —, aber schließlich und endlich war es ja sein Kind. Das war für ihn ein neues Erlebnis.
Was hatte Gwen heute abend auf der Fahrt zum Flughafen noch gesagt? ». . . ein kleiner Vernon Demerest in mir. Wenn wir einen Jungen bekommen, könnten wir ihn Vernon Demerest den Zweiten nennen, wie die Amerikaner das so machen.««
Das war vielleicht gar kein so schlechter Gedanke. Er lachte leise vor sich hin.
Harris sah ihn von der Seite an. »Worüber lachen Sie denn?«
Demerest explodierte. »Ich lache nicht! Warum, zum Teufel, sollte ich lachen? Was gibt es für uns schon zu lachen?«
Harris zuckte die Achseln. »Ich meinte, ich hätte Sie lachen hören.«
»Das ist das zweitemal, daß Sie etwas hören, als es nichts zu hören gab. Ich empfehle Ihnen, nach diesem Testflug ihre Ohren untersuchen zu lassen.«
»Es besteht gar kein Grund, unfreundlich zu werden.«
»Wirklich nicht? Wirklich nicht?« Demerest wurde wütend und aufgebracht. »Vielleicht fehlt bei dieser ganzen Schweinerei nur jemand, der unfreundlich wird.«
»Wenn das stimmen sollte, ist dazu niemand besser qualifiziert als Sie«, antwortete Harris.
»Dann fliegen Sie also wieder, wenn Sie mit Ihrer verdammten dummen Fragerei fertig sind, und lassen Sie mich mit diesen Schlafmützen auf dem Boden sprechen.«
Anson Harris richtete seine Rückenlehne wieder auf. »Von mir aus, wenn Sie wollen.« Er nickte. »Ich habe sie.«
Demerest gab die Steuerung frei und griff nach dem Funkmikrofon. Nachdem er seinen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er sich woh-ler und stärker. Er gab seiner Stimme einen scharfen Klang. »Chicago Center, hier ist Kapitän Demerest von Trans America Zwei.
Hört ihr da unten noch zu, oder habt ihr Schlaftabletten genommen und Feierabend gemacht?«
»Hier Chicago Center, Kapitän. Wir hören noch, und niemand hat Feierabend gemacht.« Die Stimme des Kontrolleurs hatte einen vorwurfsvollen Ton.
Demerest ignorierte ihn. »Warum bekommen wir dann nichts davon zu spüren, verdämmt noch mal. Unsere Maschine ist in ernsten Schwierigkeiten. Wir brauchen Hilfe.«
»Halten Sie sich bitte bereit.« Nach einer kurzen Pause meldete sich eine andere Stimme. »Hier Chicago Center, der Dienstleiter. Kapitän, Trans America Zwei, ich habe Ihren letzten Funkspruch mitgehört. Verstehen Sie bitte, daß wir alles tun, was wir können. Ehe Sie in unseren Bereich kamen, hat ein Dutzend Leute daran gearbeitet, allen anderen Flugverkehr umzuleiten. Wir sind noch dabei. Wir geben Ihnen erste Priorität, eine klare Funkfrequenz und einen geraden Kurs nach Lincoln.«
Demerest schnauzte: »Das genügt nicht.« Er machte eine Pause, drückte den Schaltknopf des Mikrofons herunter und fuhr dann fort: »Dienstleiter Chicago, hören Sie genau zu. Ein gerader Anflugkurs auf Lincoln genügt nicht, wenn er auf Landebahn ZweiFünf führt oder irgendeine andere Landebahn außer Drei-Null. Erzählen Sie mir nicht, daß Drei-Null nicht betriebsbereit ist. Das habe ich schon gehört, und ich kenne den Grund. Jetzt schreiben Sie folgendes auf, und sorgen Sie dafür, daß Lincoln es richtig versteht: >Unsere Maschine ist schwer überladen. Wir werden mit hoher Geschwindigkeit landen. Außerdem haben wir strukturelle Schäden sowie ein nicht funktionierendes Höhensteuer und fragwürdige Seitensteuerung. Wenn wir auf Zwei-Fünf runtergebracht werden, gibt es ein zerschelltes Flugzeug und Tote, ehe die nächste Stunde vorbei ist.< Rufen Sie also Lincoln an, und ziehen Sie die Schrauben an. Sagen Sie denen, mir ist es gleichgültig, wie sie es schaffen — wenn es sein muß, sollen sie in die Luft sprengen, was Drei-Null blockiert —, aber wir brauchen diese Landebahn. Haben Sie verstanden?«
»Ja, Trans America Zwei, wir verstehen sehr gut.« Die Stimme des Dienstleiters klang unberührt, aber etwas menschlicher als vorher. »Ihre Nachricht wird gerade an Lincoln weitergegeben.«
»Gut.« Demerest drückte wieder auf den Knopf des Mikrofons. »Ich habe noch eine Nachricht. Sie geht an Mel Bakersfeld, Generaldirektor auf Lincoln. Geben Sie ihm die erste Nachricht und fügen Sie folgendes hinzu: >Persönlich von seinem Schwager: Du Schuft bist an dieser Schweinerei mit schuld, weil du wegen der Flugsicherung auf Flughäfen nicht auf mich gehört hast. Jetzt bist du es mir und allen anderen in dieser Maschine schuldig, daß du von deinem Pinguinsteiß herunterkommst und diese Landebahn freimachst.< «
Die Stimme des Dienstleiters klang zweifelnd. »Trans America Zwei, wir haben Ihren Text aufgenommen. Kapitän, wollen Sie wirklich diese Worte gebrauchen?«
»Chicago Center«, schnauzte Demerests Stimme zurück, »Sie haben verdammt recht, genau diese Worte will ich gebrauchen, und Sie geben sie weiter! Ich befehle Ihnen, diese Mitteilung zu senden — schnell, laut und deutlich.«
13
In seinem schnell fahrenden Wagen konnte Mel Bakersfeld über den Funk der Bodenkontrolle hören, wie die Rettungsfahrzeuge des Flughafens aufgerufen und in ihre Positionen beordert wurden.
»Bodenkontrolle an City fünfundzwanzig.«
City fünfundzwanzig war das Rufzeichen für den Leiter der Feuerwehr des Flughafens.
»Hier City fünfundzwanzig unterwegs. Sprechen Sie, Bodenkontrolle.«