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»Weitere Informationen. Notlandung Alarmstufe Zwei in etwa 35 Minuten. Die fragliche Maschine ist in ihrer Manövrierfähigkeit behindert und wird auf Landebahn Drei-Null niedergehen, wenn sie offen ist. Wenn nicht, verwenden wir Rollbahn Zwei-Fünf.«

Soweit es möglich war, vermieden die Kontroller der Flughäfen über Funk eine Fluggesellschaft zu nennen, die in einen Unfall oder in einen möglichen Unfall verwickelt war. Die Formel »fragliche Maschine« wurde als Tarnung verwendet. Fluggesellschaften waren in diesen Dingen empfindlich und vertraten den Standpunkt, je seltener ihr Name in einem solchen Zusammenhang genannt wurde, desto besser sei es.

Trotzdem sah Mel voraus: Was heute nacht geschah, würde große Beachtung in der Öffentlichkeit finden, höchstwahrscheinlich in der ganzen Welt.

»City fünfundzwanzig an Bodenkontrolle. Fordert der Pilot Schaum auf der Landebahn an?«

»Keinen Schaum, wiederhole: keinen Schaum.«

Keinen Schaum bedeutete, daß das Flugzeug ein einsatzfähiges Fahrwerk hatte und keine Bauchlandung vornehmen mußte.

Alle Einsatzfahrzeuge — Löschwagen, Werkzeugwagen und Krankenwagen — folgten, wie Mel wußte, dem Leiter der Feuerwehr, der eine eigene Funkfrequenz hatte, um mit jedem einzelnen sprechen zu können. Wenn eine Notlandung angekündigt wurde, wartete niemand. Man befolgte das Prinzip: Besser zu früh bereit als zu spät. Die Fahrzeuge des Notdienstes würden jetzt Posten zwischen den beiden Landebahnen beziehen und bereitstehen, zur einen oder anderen zu fahren, ganz wie es erforderlich sein würde. Dieses Verfahren hatte nichts mit Improvisation zu tun. Jeder Schritt in Situationen dieser Art war in allen Einzelheiten in einem grundlegenden Einsatzplan für Notfälle auf dem Flughafen ausgearbeitet.

Als eine Pause im Funksprechverkehr eintrat, drückte Mel auf den Schaltknopf seines eigenen Mikrofons. »An Bodenkontrolle von Mobil eins.«

»Mobil eins, kommen.«

»Ist Joe Patroni bei dem festgefahrenen Flugzeug auf Landebahn Drei-Null über den neuen Notstand unterrichtet worden?«

»Jawohl. Wir stehen in Funkverbindung.«

»Was berichtet Patroni über seinen Stand?«

»Er rechnet damit, die festgefahrene Maschine in zwanzig Minuten von der Stelle bewegen zu können.«

»Ist er dessen sicher?«

»Nein.«

Mel Bakersfeld ließ den Schaltknopf wieder los. Zum zweitenmal in dieser Nacht fuhr er über das Flugfeld, eine Hand am Steuer, in der anderen das Mikrofon. Er fuhr so schnell, wie er es bei dem fortgesetzten Schneetreiben und der beschränkten Sicht wagen konnte. Die Lichter der Taxiwege und Startbahnen wiesen ihm den Weg durch die Dunkelheit und huschten vorbei. Auf den Vordersitzen des Wagens neben ihm saßen Tanya Livingston und der Reporter Tomlinson von der Tribune.

Vor wenigen Minuten hatte Mel sich, nachdem Tanya ihm die Meldung über die Explosion an Bord von Flug Zwei und den Versuch der Maschine, Lincoln International wieder zu erreichen, überbracht hatte, sofort von den versammelten Einwohnern Meado-woods freigemacht. Mit Tanya an seiner Seite eilte er zu den Fahrstühlen, die ihn zwei Stockwerke tiefer zu der Garage und seinem Dienstwagen im Keller bringen sollten. Jetzt war Mels Platz auf Landebahn Drei-Null, um selbst das Kommando zu übernehmen, falls es notwendig werden sollte. Er drängte sich durch die Menschenmenge in der Haupthalle, als er den Reporter der Tribune erblickte und knapp sagte: »Kommen Sie mit.« Er war Tomlinson als Gegenleistung für den Tip über Elliott Freemantle — das Formular für die Bevollmächtigung sowohl als die späteren lügenhaften Behauptungen des Rechtsanwalts, die Mel dann widerlegen konnte — eine Gefälligkeit schuldig. Als Tomlinson zögerte, schnauzte Meclass="underline" »Ich habe keine Zeit zu vergeuden, aber ich gebe Ihnen eine Chance, und wenn Sie die nicht wahrnehmen, werden Sie es später vielleicht bereuen.« Ohne weitere Fragen schloß Tomlinson sich ihm an.

Während sie jetzt fuhren, überholte Mel, sobald sich eine Gelegenheit bot, die zum Start rollenden Flugzeuge. Tanya wiederholte das Wesentliche der Nachrichten über Flug Zwei.

»Ich möchte das ganz genau verstehen«, sagte Tomlinson. »Nur eine Landebahn ist lang genug und führt in der notwendigen Richtung?«

Mel bestätigte grimmig: »Genauso ist es, obwohl wir zwei haben müßten.« Erbittert erinnerte er sich an die Vorschläge, die er in drei aufeinanderfolgenden Jahren für eine zusätzliche Landebahn parallel zu Drei-Null gemacht hatte. Der Flughafen brauchte sie. Die Verkehrsdichte und die Sicherheit der Flugzeuge schrien nach einer Verwirklichung von Mels Vorschlägen, insbesondere da es zwei Jahre dauern würde, die Landebahn zu bauen. Aber andere Einflüsse erwiesen sich als stärker. Es war kein Geld dafür dagewesen, die neue Landebahn war nicht gebaut worden. Und trotz Mels weiteren Vorstellungen war der Bau noch nicht einmal genehmigt worden.

Bei einer ganzen Reihe von Projekten war es Mel gelungen, den Verwaltungsrat des Flughafens auf seine Seite zu bringen. Im Fall der vorgeschlagenen neuen Landebahn hatte sich Mel jedes Mitglied des Verwaltungsrats einzeln vorgenommen und ihm war Unterstützung versprochen worden; später wurden diese Versprechungen aber wieder zurückgezogen. Theoretisch war der Verwaltungsrat des Flughafens von jedem politischen Druck unabhängig, praktisch aber verdankten sie ihre Berufung dem Bürgermeister und waren in den meisten Fällen selbst politisch gebunden. Wenn der Bürgermeister unter Druck gesetzt wurde, die Ausgabe einer Anleihe für den Flughafen zugunsten anderer Projekte, die ähnlich finanziert werden mußten, aber vermutlich mehr Wählerstimmen gewinnen würden, hinauszuschieben, setzte sich der Druck durch. Bei der vorgeschlagenen neuen Landebahn setzte er sich nicht nur durch, sondern erwies sich dreimal als erfolgreich. Es lag eine Ironie darin, daß der dreistöckige Ausbau der Parkplätze des Flughafens, der zwar nicht so notwendig, aber spektakulärer war, nicht zurückgestellt wurde.

Kurz und in klaren Worten, die er sich bisher für ein vertrauliches Gespräch aufbewahrt hatte, schilderte Mel die Situation samt ihren politischen Hintergründen.

»Ich möchte das alles verwenden, was ich da von Ihnen höre.« In Tomlinsons Stimme lag die beherrschte Erregung eines Reporters, der weiß, daß er einem guten Bericht auf der Spur ist. »Darf ich das?«

Wenn das gedruckt erschien, würde der Teufel los sein, das war Mel klar. Er konnte sich schon die empörten Anrufe vom Rathaus am Montagmorgen vorstellen. Aber jemand mußte es einmal sagen. Die Öffentlichkeit mußte erfahren, wie ernst die Lage war.

»Machen Sie es ruhig«, antwortete Mel. »Wahrscheinlich bin ich heute in der Laune, mal auszupacken.«

»Den Eindruck habe ich auch.« Der Reporter sah Mel von der anderen Seite des Wagens her forschend an. »Wenn ich das sagen darf: Sie waren heute abend groß in Form. Gerade eben, und mit dem Rechtsanwalt und diesen Leuten aus Meadowood. Viel ähnlicher Ihrem alten Selbst. So habe ich Sie schon lange nicht mehr reden hören.«

Mel hielt seinen Blick auf die Taxibahn vor sich gerichtet und wartete darauf, an einer DC-8 der Eastern vorbeizukommen, die nach links abbog. Aber er dachte: War sein Auftreten während der letzten ein oder zwei Jahre, das Fehlen seines alten Kampfgeistes, so offenkundig gewesen, daß es auch andere bemerkt hatten?

Neben ihm, dicht genug, daß er ihre Nähe und ihre Wärme spürte, sagte Tanya leise: »Die ganze Zeit über, während wir hier reden

— über Landebahnen, die öffentliche Meinung, Meadowood und so weiter — ich denke ständig an die Leute in Flug Zwei, was sie wohl empfinden mögen — ob sie Angst haben.«

»Die haben bestimmt Angst«, antwortete Mel, »wenn sie einigermaßen bei Vernunft sind und wenn sie wissen, was vorgeht. Ich hätte auch Angst.«

Er erinnerte sich seiner Angst, als er vor vielen Jahren in dem sinkenden Militärflugzeug eingeklemmt gewesen war. Wie durch die Erinnerung ausgelöst spürte er einen scharfen Schmerz in der alten Verwundung an seinem Fuß. In der Aufregung der letzten Stunden war es ihm gelungen, die Beschwerden zu vergessen, aber wie immer bei Ermüdung und Überanstrengung setzten sie sich am Ende doch durch. Mel preßte die Lippen fest zusammen und hoffte, der Schmerzanfall würde nachlassen oder vorübergehen.