Der Vortrag war knapp und bündig und machte Eindruck. Die Erwähnung einer festen Summe — zehntausend Dollar — erregte unmittelbares Interesse, wie es Freemantle beabsichtigt hatte. Die ganze Darstellung klang sachverständig, auf Tatsachen beruhend und wie das Ergebnis jahrelangen Studiums. Allein Freemantle selbst wußte, daß seine »Tatsachen« nicht das Ergebnis langwierigen Büffeins über Sammlungen von Gerichtsurteilen, sondern lediglich die zweistündige Auswertung des Redaktionsarchivs einer Zeitung am vorigen Nachmittag war.
Da waren auch ein paar Fakten, die er zu erwähnen vergessen hatte. Das Verfahren des Geflügelfarmers vor dem Obersten Gericht hatte vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden, und der gesamte zugebilligte Schadenersatz betrug lumpige dreihundertsiebenundfünfzig Dollar — der tatsächliche Wert von ein paar toten Hühnern. Der Prozeß in Los Angeles war lediglich eine Klage, die noch gar nicht zur Verhandlung gekommen war und womöglich nie kommen würde. Ein auf die Situation zutreffenderer Fall, Balten gegen US, in dem das Oberste Gericht erst 1963 sein Urteil gesprochen hatte, war Freemantle zwar bekannt, er ließ ihn aber sicherheitshalber unerwähnt. In diesem Verfahren hatte das Gericht befunden, daß lediglich eine »physische Beeinträchtigung« Haftpflicht auslösen könne, aber nicht eine solche, die durch Lärm entstehe. Da es ja nun in Meadowood eine solche physische Beeinträchtigung nicht gab, bedeutete dieser Präzedenzfall, daß ein juristisches Verfahren, falls es in Gang gesetzt würde, schon verloren war, ehe es noch angefangen hatte.
Aber der Anwalt Freemantle hatte nicht den geringsten Wunsch, daß dies bekannt würde, wenigstens noch nicht; auch kümmerte es ihn nicht gar zu sehr, ob ein Fall, wenn er vor Gericht kam, eventuell verloren oder gewonnen wurde. Was er wollte? Er wollte diese Gruppe von Hausbesitzern in Meadowood als Klienten haben — gegen ein Riesenhonorar.
A propos Honorar, er hatte schon die Teilnehmer gezählt und in Gedanken etwas Arithmetik getrieben. Das Ergebnis befriedigte ihn.
Von den sechshundert Menschen im Saal waren, wie er taxierte, fünfhundert, vielleicht mehr, Hauseigentümer in Meadowood. Die Anwesenheit von Ehepaaren eingerechnet, bedeutete das ein Minimum von zweihundertundfünfzig voraussichtlichen Klienten. Wenn jeder der zweihundertundfünfzig so weit gebracht wurde, eine Verpflichtung über einen Vorschuß von einhundert Dollar zu unterschreiben — was sie, wie Freemantle hoffte, tun würden, noch ehe der Abend vorüber war —, mußte ein Gesamthonorar von über fünfundzwanzigtausend Dollar in Reichweite liegen.
Bei anderen Gelegenheiten hatte er genau dieselbe Sache gedeichselt. Es war erstaunlich, was man mit Frechheit alles fertigbrachte, besonders wenn die Leute bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen in Weißglut gerieten. Ein ausreichender Vorrat an Vorschußformularen war in seiner Mappe bereit.
Vereinbarung zwischen . . . künftig als Kläger(in) bezeichnet und Freemantle und Sye, Rechtsanwälten . . . die des Klägers/der Klägerin gesetzliche Vertretung übernehmen bei Einbringung einer Klage aufErsatz für Schädigungen, erlitten durch Verwendung von Flugzeugen auf dem Gelände des Lincoln International Airport . . . Kläger ist bereit, an besagte Freemantle und Sye einhundert Dollar in vier Raten von je fünfundzwanzig Dollar zu zahlen, wovon die erste Rate sofort, der Rest vierteljährlich nach Anforderung zu zahlen ist.. . Ferner: Wenn der Prozeß erfolgreich ist, erhalten Free-mantle und Sye zehn Prozent von der Gesamtsumme aller zugesprochenen Entschädigungen . . .
Das mit den zehn Prozent war ein Weitschuß, weil es höchst unwahrscheinlich war, daß je Entschädigungen einkassiert würden. Aber trotzdem — bei Gericht passierten manchmal die komischsten Sachen, und Freemantle war dafür, sich auf alle Eventualitäten einzurichten.
»Ich habe Sie über den juristischen Hintergrund informiert«, behauptete er. »Nun möchte ich Ihnen einen Rat geben.« Er setzte eines seiner seltenen, flüchtigen Lächeln auf. »Dieser Rat soll eine Gratisprobe sein, aber — wie bei der Zahnpasta — alle folgenden Tuben müssen bezahlt werden.«
Das Lachen, das hierauf erfolgte, schnitt er mit einer Geste brüsk ab. »Mein Rat ist, keine Zeit mehr zu verlieren und zu handeln. Sofort zu handeln.« Diese Bemerkung löste Händeklatschen und Beifallsnicken aus.
Es herrsche die Meinung, fuhr er fort, daß gerichtliche Schritte automatisch zeitraubend und umständlich seien. Häufig stimme das, doch gelegentlich könne, wenn Entschiedenheit und juristisches Geschick benutzt würden, dem Gericht Beine gemacht werden. Im vorliegenden Fall solle juristisches Handeln sofort beginnen, ehe Fluggesellschaften und Flughafen durch jahrelange Fortsetzung des Lärms sich auf Sitte und Gewohnheit berufen könnten. Als wollte es diesen Punkt betonen, dröhnte wieder ein Flugzeug darüber weg. Ehe sein Lärm abklingen konnte, brüllte Freemantle: »Also wiederhole ich — mein Rat an Sie ist, nicht länger zu warten! Handeln Sie noch heute abend. Jetzt!«
In einer der vorderen Reihen sprang ein jüngerer Mann in einer weiten Strickjacke und einer Freizeithose auf. »Bei Gott! — Sagen Sie uns, wie wir's anfangen sollen.«
»Sie fangen damit an, daß Sie — wenn Sie wollen — mich zu Ihrem Rechtsvertreter bestellen.
Darauf erwiderte sofort ein Chor von einigen hundert Stimmen. »Ja, das wollen wir!«
Der Versammlungsleiter Floyd Zanetta war nun wieder auf den Beinen und wartete darauf, daß das Rufen abklingen würde. Er schien erfreut zu sein. Zwei der drei Reporter hatten die Hälse gereckt und die offensichtliche Begeisterung im ganzen Saal beobachtet. Der dritte, die ältere Frau vom Lokalblatt, sah mit freundlichem Lächeln zum Podium hinauf.
Es hatte geklappt, wie Freemantle es vorausgesehen hatte. Das übrige, sagte er sich, war nur noch eine Frage der Routine. Innerhalb einer Stunde würde ein gut Teil der Vollmachten in seiner Mappe unterzeichnet sein, während andere nach Hause mitgenommen, besprochen und wahrscheinlich morgen mit der Post geschickt würden. Diese Leute hatten keine Angst davor, Papiere zu unterschreiben oder Gerichtsverfahren zu riskieren; an das alles hatten sie sich bei ihrem Hauserwerb gewöhnt. Auch würden ihnen hundert Dollar nicht als besonders hohe Summe erscheinen. Einige würden sogar überrascht sein, daß der Betrag so niedrig war. Nur eine Handvoll dürfte sich die Mühe einer Kopfrechnung machen, wie Elliott Freemantle sie selbst angestellt hatte; und selbst wenn sie etwas gegen die Höhe der Gesamtsumme haben sollten, könnte er einwenden, daß das Honorar durch die Verantwortung für die große Anzahl der Beteiligten gerechtfertigt sei. Überdies würde er ihnen ja auch den Gegenwert für ihr Geld bieten: eine gute Show mit Feuerwerk, vor Gericht und anderswo. Er blickte auf die Uhr: lieber weitermachen. Nachdem nun seine eigene Beteiligung gesichert war, wollte er die Beziehung fester zusammenschmieden, indem er den ersten Akt eines Dramas inszenierte. Wie alles andere, so war auch das schon von ihm geplant, und es würde in den morgigen Zeitungen Aufmerksamkeit erregen — viel mehr als diese Versammlung. Es würde diesen Leuten auch bestätigen, daß es ihm Ernst damit war, als er sagte, es dürfe keine Zeit mehr verloren werden.
Die Schauspieler in diesem Drama würden die hier versammelten Einwohner von Meadowood sein, und er hoffte, daß jeder Anwesende darauf gefaßt war, diesen Saal zu verlassen und bis spät in die Nacht draußen zu bleiben.
Die Bühne würde der Flughafen sein.
Die Zeit: heute abend.
11
Etwa um die gleiche Zeit, da Elliott Freemantle sich an seinem Erfolg weidete, fand sich der verkrachte ehemalige Bauunternehmer D. O. Guerrero damit ab, daß er endgültig gescheitert war.
Guerrero hielt sich ungefähr fünfzehn Meilen vom Flughafen entfernt auf, eingeschlossen in einem Zimmer seiner schäbigen Wohnung im Südteil der Stadt. Die Wohnung lag über einem geräuschvollen billigen Selbstbedienungsrestaurant in der 51. Straße, in der Nähe der Docks.