Auch ein vom Präsidenten eingesetzter Ausschuß wies die Forderung auf eine vorzeitige Pensionierung der Kontroller zurück, und die FAA — damals eine Dienststelle im Amt des Präsidenten — erhielt Anweisung zu schweigen und von weiteren Schritten abzusehen. Offiziell hatte sie diese Anweisung befolgt, privat aber waren die Vertreter der FAA in Washington in ihrer Überzeugung nicht wankend geworden. Sie prophezeiten, diese Frage würde wieder aufgeworfen werden, wenn vielleicht auch erst nach einer einzelnen oder einer ganzen Reihe von Luftkatastrophen, in die auch überarbeitete und erschöpfte Kontroller verwickelt waren und die bei Presse und Öffentlichkeit wütende Kritik auslösen würden.
Keiths Gedanken richteten sich wieder auf die Landschaft draußen. Es war ein herrlicher Tag. Die Felder lockten, auch wenn man sie nur durch das Fenster eines Waschraums betrachtete. Er wünschte sich, er könne hinausgehen und in der Sonne schlafen. Nun, das ging nicht, und damit mußte er sich abfinden. Es war wohl besser, wenn er in den Kontrollraum zurückkehrte. Nur einen kur- zen Augenblick noch, dann würde er gehen.
Die Northwest Orient 727 hatte bereits mit Genehmigung von Washington Center mit dem Abstieg begonnen. In niedrigeren Höhen wurden andere Flüge eilig auseinandergezogen oder bekamen Befehl höher zu steigen, so daß sie in sicheren Abständen waren. Eine schräge Schneise, durch die die Northwest weiterabsteigen konnte, wurde in dem anwachsenden Mittagsverkehr freigehalten. Die Anflugkontrolle auf Washington National Airport war alarmiert worden; ihre Aufgabe würde bald beginnen, sobald sie die Düsenmaschine der Northwest von Washington Center übernahm. In diesem Augenblick lag die Verantwortung für den Flug der Northwest und die in ihrer Nähe befindlichen Maschinen bei dem Abschnittsteam neben dem von Keith — dem zusätzlichen Abschnitt, den der junge Neger Perry Yount zu überwachen hatte.
Fünfzehn Maschinen, deren Geschwindigkeit zusammenaddiert siebentausendfünfhundert Meilen in der Stunde betrug, wurden in einem wenige Meilen breiten Luftraum hin- und herdirigiert. Kein Flugzeug durfte einem anderen zu nahe kommen. Die Maschine der Northwest mußte durch sie alle hindurch sicher heruntergebracht werden.
Ähnliche Situationen entstanden jeden Tag mehrmals; bei schlechtem Wetter konnten es mehrere stündlich sein. Manchmal traten Notstände zur gleichen Zeit auf, so daß die Kontroller sie numerierten: Notstand eins, Notstand zwei, Notstand drei.
In der gegenwärtigen Situation reagierte Perry Yount wie immer — mit gedämpfter Stimme, kühl und sicher —: mit der Erfahrung des Könners. In Zusammenarbeit mit dem Abschnittsteam koordinierte er die Notmaßnahmen — gefaßt, mit gleichbleibender Stimme, so daß kein außenstehender Zuhörer seinem Ton entnehmen konnte, daß ein Notstand eingetreten war. Andere Maschinen konnten die Funksprüche, die mit der Northwest gewechselt wurden, nicht mithören, weil die Maschine angewiesen worden war, eine besondere Funkfrequenz einzuschalten.
Alles verlief glatt. Die Northwest befand sich auf einem stetig absteigenden Kurs. In wenigen Minuten würde die Notsituation behoben sein.
Perry Yount fand mitten in dieser bedrängten Lage — die unter normalen Umständen seine ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert hätte — noch die Zeit, kurz zu dem angrenzenden Abschnitt hinüberzuschauen, um George Wallace bei seiner Arbeit zu überwachen. Alles sah gut aus, aber Perry Yount wäre wohler gewesen, wenn Keith Bakersfeldzurückgekommen wäre. Er sah sich nach der Tür des Kontrollraums um. Von Keith war noch nichts zu sehen.
Keith stand noch am offenen Fenster und blickte auf die Landschaft Virginias hinaus und dachte an Natalie. Er seufzte. In letzter Zeit war es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen gekommen, die durch seine Arbeit ausgelöst wurden. Er vertrat Ansichten, die seine Frau nicht verstehen konnte oder wollte. Natalie machte sich wegen Keiths Gesundheit Sorgen. Sie wollte, er solle die Flugsicherung aufgeben und sich einen anderen Beruf suchen, solange er noch jung genug dazu war und sich seine Gesundheit weitgehend erhalten hatte. Es war ein Fehler gewesen, das erkannte er jetzt, Natalie seine Zweifel anzuvertrauen, ihr zu schildern, was er bei anderen Kontrollern beobachtet hatte, die durch ihre Arbeit vorzeitig gealtert und leidend geworden waren. Aber es mußte überlegt werden, ehe man einen Beruf aufgab, auf Jahre der Ausbildung und Erfahrung verzichtete. Das waren Überlegungen, die Natalie — wie vermutlich jede andere Frau auch — nur schwer begreifen konnte.
Über Martinsburg in West Virginia — etwa dreißig Meilen nordwestlich von Washington Air Route Center — verließ eine private viersitzige Beech Bonanza in siebentausend Fuß Höhe Flugschneise V166 undfloginFlugschneise V44 ein. Die kleineBeechBonanza, äußerlich an ihrem Schmetterlingsschwanz erkennbar,flog mit einer Geschwindigkeit von 175 Stundenmeilen; ihr Ziel war Baltimore. In ihr befand sich die Familie Redfern: Irving Redfern, Berater für Rationalisierung, seine Frau Merry und ihre beiden Kinder Jeremy, zehn Jahre alt, und Valerie, neun.
Irving Redfern war ein vorsichtiger, gründlicher Mann. Heute hätte er auf Grund des herrschenden Wetters einen Sichtflug wagen können, hatte es aber für klüger gehalten, einen Instrumentenflug-plan einzureichen und war, nachdem er seinen Heimatflughafen Charleston in West Virginia verlassen hatten, den Flugschneisen gefolgt und in Verbindung mit der Flugsicherung geblieben. Vor wenigen Augenblicken hatte er vom Washington Air Route Center einen neuen Kurs aufFlugschneise V44 erhalten. Er war schon in ihn eingeschwenkt, und sein Magnetkompaß, der etwas ins Schwingen geraten war, hatte sich wieder beruhigt.
Die Redferns flogen nach Baltimore, zum Teil, weil Irving Redfern dort geschäftlich zu tun hatte, zum Teil aber auch zum Vergnügen, zu dem auch ein abendlicher Theaterbesuch der Familie vorgesehen war. Während der Vater sich auf das Fliegen konzentrierte, plauderten die Kinder mit Merry darüber, was sie auf Friendship Airport zu Mittag essen wollten.
Der Kontroller auf Washington Center, der Irving Redfern die letzte Anweisung gegeben hatte, war George Wallace, der nahezu fertig ausgebildete Kontroller, der an Keith Bakersfelds Platz saß. George hatte RedfernsMaschine auf dem Radarschirm richtig identifiziert, wo sie als hellgrüner Fleckzu sehen war, wenn auch kleiner und sich langsamer bewegend als die meisten anderen Flugzeuge — im Augenblick vorwiegend Düsenmaschinen der Fluggesellschaften. Doch keine kam in die Nähe der Beech Bonanza, die nach allen Richtungen reichlich Luftraum zu haben schien. Perry Yount, der Abschnittsinspektor, war inzwischen zu dem angrenzenden Abschnitt zurückgekehrt Er half mit, das zurückgebliebene Durcheinander zu bereinigen, nachdem die kritische Northwest Orient 727 sicher an die Anflugkontrolle von Washington National Airport weitergegeben worden war InregelmäßigenAbständensahPerryzu George hinüber und rief ihn einmal an: »Ist alles in Ordnung?« George nickte, obwohl er etwas zu schwitzen anfing. Der starke Mittagsverkehr schien heute früher einzusetzen als üblich.