Im Kontrollraum — beobachteten sie — atemlos — stumm — verzweifelt betend — wie die beiden grünen Punkte sich einander näherten.
Im Funkgerät knatterte ein Ausbruch statischer Elektrizität. »Washington Center. Hier Beech . . .« Abrupt brach der Funkspruch ab.
Irving Redfern war Berater für Rationalisierung. Er war ein fähiger Amateurflieger, aber er war kein Verkehrspilot
Ein Verkehrspilot, der die Anweisung von Washington Center erhalten hätte, würde seine Maschine sofort in eine scharfe Rechtskurve gesteuert haben. Er hätte den drängenden Ton in Keiths Stimme erkannt, hätte gehandelt, ohne die Maschine erst zu trimmen oder den Funkspruch zu bestätigen, und erst später nach einer Begründung gefragt. Ein Verkehrspilot hätte alle geringfügigen Folgen ignoriert gegenüber der alles andere beiseite schiebenden Notwendigkeit, der nahenden Gefahr zu entrinnen, die das Air Route Center unverkennbar ankündigte. In der Passagierkabine hinter ihm konnte siedendheißer Kaffee verschüttet, Tabletts mit Speisen umgeworfen, selbst kleinere Verletzungen verursacht werden. Später würden Beschwerden und Entschuldigungen, Anklagen und vielleicht sogar eine Untersuchung durch das Civil Aeronautics Board erfolgen, aber — mit etwas Glück — hätte man überlebt. Schnelles Handeln hätte das gewährleistet Auch für die Familie Redfern hätte es das gewährleistet
Verkehrspiloten waren durch Training und Übung geschult, schnell und sicher zu reagieren. Das war Irving Redfern nicht. Er war ein genauer, gewissenhafter Mann, gewöhnt, erst nachzudenken, ehe er handelte, und dann korrekte Prozeduren zu befolgen.
Sein erster Gedanke war, die Nachricht des Washington Center zu bestätigen. Damit verbrauchte er zwei oder drei Sekunden — und das war die ganze Zeit, die ihm noch zur Verfügung stand. Die T-33 der National Guard, die vom Tiefpunkt ihrer Schleife her aufwärts raste, traf die Beech Bonanza an der linken Seite und schnitt ihr mit einem einzigen Aufkreischen reißenden Metalls die linke Tragfläche ab. Die T-33, selbst tödlich verletzt, flog noch ein kurzes Stück weiter nach oben, während ihr Vorderteil auseinanderbrach. Leutnant Neel hatte kaum mitbekommen, was geschehen war — das andere Flugzeug hatte er nur ganz flüchtig wahrgenommen. Er betätigte seinen Schleudersitz und wartete darauf, daß sein Fallschirm sich öffnete. Weit unter ihm, steuerlos und wie wild trudelnd, stürzte die Beechcraft Bonanza mit der Familie Redfern an Bord wie ein Stein zur Erde.
Mit zitternden Händen versuchte Keith es noch einmal. »Beech Bonanza NC-403. Hier Washington Center. Hören Sie mich?«
Neben Keith bewegte George Wallace lautlos die Lippen. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.
Vor ihren entsetzten Augen stießen die beiden Punkte auf dem Radarschirm zusammen, blühten plötzlich auf und verschwanden dann.
Perry Yount, der beobachtet hatte, daß etwas nicht stimmte, war herübergekommen. »Was gibt es?« fragte er.
Keiths Mund war ausgetrocknet: »Ich fürchte, wir hatten einen Zusammenstoß.«
Und dann geschah es: das Geräusch, wie aus einem Alptraum, von dem alle, die es vernahmen, wünschten, daß sie es nie gehört hätten, das sie aber nicht mehr aus ihrem Gedächtnis löschen konnten.
Irving Redfern, auf dem Pilotensitz der dem Untergang geweihten abtrudelnden Beech Bonanza, drückte — vielleicht unwillkürlich, vielleicht als eine letzte verzweifelte Tat — auf den Schaltknopf seines Mikrofons und hielt ihn fest. Das Funkgerät arbeitete noch.
Im Washington Center wurde die Durchgabe über einen Lautsprecher am Pult gehört, den Keith eingeschaltet hatte, als er seine Notstandsanweisung begann. Zuerst kam das Knattern statischer Elektrizität, gleich darauf eine Folge durchdringender, verzweifelter, durch Mark und Bein gehender Schreie. Überall im Kontroll-raum drehten sich die Köpfe. Gesichter in der Nähe wurden blaß. Vorgesetzte Inspektoren kamen von anderen Abschnitten herübergeeilt.
Plötzlich erklang über dem Schreien deutlich eine einzelne Stimme — entsetzt, verloren, flehend. Zunächst war nicht jedes Wort hörbar. Erst später, als die Bandaufnahme der letzten Durchgabe abgespielt und viele Male wieder und wieder abgespielt wurde, konnten die Worte vollständig zusammengesetzt und die Stimme als die der neunjährigen Valerie Redfern identifiziert werden.
»Mummy, Daddy! . . . Tut doch etwas! Ich will nicht sterben . . . Oh, lieber, guter Jesus, ich war immer gut . . . Bitte, bitte, ich will nicht . . .«
Barmherzigerweise brach die Übertragung ab.
Die Beech Bonanza schlug auf und verbrannte nahe dem Dorf Lisbon in Maryland. Was von den vier Leichen übrigblieb, war nicht zu identifizieren und wurde in einem gemeinsamen Grab beigesetzt.
Leutnant Neel landete fünf Meilen entfernt sicher mit dem Fallschirm.
Alle drei in die Tragödie verwickelten Kontroller — George Wallace, Keith Bakersfeld, Perry Yount — wurden auf der Stelle vom Dienst beurlaubt, bis die Untersuchung abgeschlossen war.
Der in Ausbildung befindliche Kontroller George Wallace wurde aus formalen Gründen nicht belangt, da er zum Zeitpunkt des Unfalls noch kein fertig ausgebildeter Kontroller gewesen war. Er wurde jedoch aus dem Regierungsdienst entlassen und für alle Zeiten von einer Beschäftigung in der Flugsicherung ausgeschlossen.
Der junge Neger-Inspektor, Perry Yount, wurde für voll verantwortlich erklärt. Der Untersuchungsausschuß nahm sich Tage und Wochen Zeit, die Bänder wieder und wieder abzuspielen, Aussagen zu überprüfen und sich die Entscheidungen vorzunehmen, für die Yount selbst, unter Druck, Sekunden zur Verfügung gehabt hatte, und entschied, er hätte weniger Zeit für den Notstand der North-west Orient 727 aufwenden sollen, dafür aber mehr für die Beaufsichtigung von George Wallace während der Abwesenheit von Keith Bakersfeld. Die Tatsache, daß Perry Yount doppelten Dienst tat — was er hätte ablehnen können, wenn er weniger einsatzwillig gewesen wäre —, wurde als unerheblich zurückgewiesen. Yount wurde öffentlich getadelt und in seinem Dienstrang zurückgesetzt.
Keith Bakersfeld wurde völlig freigesprochen. Der Untersuchungsausschuß betonte ausdrücklich, daß Keith darum ersucht hatte, vorübergehend vom Dienst befreit zu werden, daß dieses Ersuchen berechtigt war und er die Vorschriften befolgt hatte, da er sich schriftlich ab- und anmeldete. Außerdem hatte er sofort nach seiner Rückkehr die Gefahr eines Zusammenstoßes in der Luft erkannt und versucht, ihn zu verhindern. Für sein schnelles Denken und Handeln wurde er von dem Ausschuß belobigt, obwohl sein Versuch vergeblich gewesen war.
Die Frage nach der Länge von Keiths Abwesenheit wurde ursprünglich gar nicht aufgeworfen. Gegen Ende der Untersuchung, als Keith erkannte, welche Wendung die Dinge für Perry nehmen würden, versuchte er selbst, sie vorzubringen und den Hauptanteil der Schuld auf sich zu nehmen. Dieser Versuch wurde freundlich aufgenommen, es war aber klar, daß der Untersuchungsausschuß darin eine ritterliche Geste sah, und sonst nichts. Keiths Zeugenaussage wurde, sobald deutlich war, in welche Richtung sie zielte, völlig gestrichen. Der Versuch seiner Intervention wurde im Abschlußbericht des Ausschusses nicht erwähnt.
Eine unabhängige Untersuchung der Air National Guard erbrachte den Nachweis, daß Leutnant Hank Neel den Unfall durch Fahrlässigkeit mitverschuldet hatte, da er nicht in der Umgebung der Middletown Air Base geblieben war, sondern zugelassen hatte, daß seine T-33 bis in die Luftschneise V 44 abgetrieben war. Doch da sein tatsächlicher Standort nicht schlüssig nachgewiesen werden konnte, wurde auf eine Anklage verzichtet. Der Leutnant verkaufte weiter Autos und flog an Wochenenden.
Als Inspektor Perry Yount die Entscheidung des Untersuchungsausschusses erfuhr, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Er wurde zur psychiatrischen Behandlung in ein Krankenhaus eingeliefert. Er schien seiner Genesung nahe zu sein, als er mit der Post von einem anonymen Absender ein gedrucktes Rundschreiben einer politischen Rechtsgruppe in Kalifornien erhielt, die unter anderem auch gegen die Bürgerrechte der Neger kämpfte. Das Rundschreiben enthielt eine bösartig entstellte Schilderung der Redfern-Tragödie. Es be-zeichnete Perry Yount als unfähigen, eingebildeten Dummkopf ohne Verantwortungsbewußtsein, dem der Tod der Familie Redfern gleichgültig sei. Der ganze Vorfall, behauptete das Rundschreiben, sei eine Warnung für »Liberale mit blutenden Herzen«, die Negern zu verantwortlichen Positionen verhalfen, denen sie geistig nicht gewachsen seien. Es wurde ein »großes Reinemachen« unter den anderen Negern, die bei der Flugsicherung arbeiteten, verlangt, »ehe das gleiche noch einmal passiert«.