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Zu jeder anderen Zeit hätte ein Mensch mit der Intelligenz von Perry Yount das Rundschreiben als das angesehen, was es war: die Verleumdung Verrückter. Doch infolge seines Zustands erlitt er einen Rückfall, nachdem er es gelesen hatte, und hätte für unabsehbare Zeit in Behandlung bleiben müssen, wenn eine Aufsichtsbehörde der Regierung sich nicht unter der Behauptung, seine Krankheit sei nicht durch seine Tätigkeit im Dienst der Regierung verursacht worden, geweigert hätte, die Krankenhauskosten für seine Behandlung zu bezahlen. Yount wurde aus dem Krankenhaus entlassen, kehrte aber nicht zur Flugsicherung zurück. Das letzte, was Keith Bakersfeld von ihm hörte, war, daß er in einer Bar im Hafen von Baltimore arbeitete und viel trank.

George Wallace verschwand von der Bildfläche. Gerüchte wollten wissen, daß er zum Militär zurückgegangen sei — zur Infanterie diesmal, nicht zur Luftwaffe — und jetzt ernste Schwierigkeiten mit der Militärpolizei habe. Gerüchten zufolge hatte Wallace wiederholt Schlägereien und Streitigkeiten vom Zaun gebrochen, bei denen er es darauf anzulegen schien, selbst körperlichen Schaden zu erleiden. Die Gerüchte wurden nicht bestätigt.

Für Keith Bakersfeld schien es so, als ob das Leben weiter seinen üblichen Gang nehmen würde. Als die Untersuchung abgeschlossen war, wurde seine vorläufige Suspension aufgehoben; sein Status und sein Rang im Regierungsdienst blieben unangetastet. Er nahm seine Arbeit in Leesburg wieder auf. Die Kollegen, die genau wußten, daß ihnen das gleiche widerfahren könnte, waren freundlich und mitfühlend. Und seine Arbeit verlief zunächst ohne jede Schwierigkeit.

Nach seinem gescheiterten Versuch, die Frage nach seinem überflüssigen Verweilen im Waschraum an jenem schicksalsvollen Tag vor dem Untersuchungsausschuß zur Sprache zu bringen, vertraute Keith sich niemandem mehr an — nicht einmal Natalie. Aber er konnte das Geheimnis nur selten aus seinem Bewußtsein verdrängen.

Zu Hause zeigte sich Natalie voller Verständnis und liebevoll wie immer. Sie spürte, daß Keith einen traumatischen Schock erlitten hatte und Zeit brauchte, sich davon zu erholen. Sie versuchte seinen Stimmungen gerecht zu werden — zu sprechen und lebhaft zu sein, wenn ihm danach zumute war, still zu sein und zu schweigen, wenn nicht. Den Jungen, Brian und Theo, erklärte sie in ruhigen, vertraulichen Gesprächen, warum auch sie Rücksicht auf ihren Vater nehmen sollten.

Dunkel begriff er, was Natalie beabsichtigte, und war ihr dankbar dafür. Ihre Methode hätte schließlich vielleicht auch Erfolg gehabt, wenn eines nicht gewesen wäre: ein Flugsicherungskontroller braucht Schlaf, und Keith fand wenig Schlaf, in manchen Nächten keinen.

In den Stunden, in denen er schlief, hatte er einen hartnäckigen Traum, in dem sich die Szene im Kontrollraum, die Augenblicke vor dem Zusammenstoß in der Luft, wiederholten — die zusammenwachsenden Lichtpunkte auf dem Radarschirm — Keiths letzte verzweifelte Durchsage — die Schreie, die Stimme der kleinen Valerie Redfern . . .

Manchmal hatte der Traum Abweichungen. Wenn Keith versuchte, an den Radarschirm heranzukommen und George Wallace den Kopfhörer wegzunehmen, um eine Warnung durchzugeben, versagten Keith seine Gliedmaßen den Dienst, und er konnte sich nur mit quälender Langsamkeit von der Stelle bewegen, als ob die ihn umgebende Luft zäher Schlamm wäre. Sein Verstand trieb ihn unerbittlich an: wenn er sich nur frei bewegen könnte, wäre die Tragödie abzuwenden — und so sehr er sich körperlich anstrengte und mühte, immer erreichte er sein Ziel zu spät. Bei anderen Gelegenheiten bekam er den Kopfhörer zu fassen, aber dann versagte ihm die Stimme. Er wußte, wenn er nur Worte bilden könnte, würde eine Warnung genügen, konnte alles gerettet werden. Seine Gedanken rasten, seine Brust und sein Kehlkopf blähten sich, aber er brachte keinen Ton heraus.

Doch trotz dieser Abweichungen endete der Traum stets auf die gleiche Weise: mit der letzten Durchgabe der Beech Bonanza über Funk, die er während der Untersuchung so oft von dem abgespielten Tonband gehört hatte. Und nachher lag er wach, während Natalie neben ihm schlief, dachte nach, erinnerte sich und sehnte sich nach dem Unmöglichen — den Ablauf der Vergangenheit zu ändern. Noch später wehrte er sich gegen den Schlaf, kämpfte darum, wachzubleiben, damit er die Folter des Traumes nicht noch einmal ertragen mußte.

Und in der Einsamkeit der Nacht gemahnte ihn sein Gewissen an die gestohlenen, vergeudeten Minuten im Waschraum über dem Kontrollraum; entscheidende Minuten, in denen er seinen Dienst hätte wieder übernehmen können und müssen, das aber aus Trägheit und Eigensucht versäumt hatte. Keith wußte im Gegensatz zu anderen, daß die wirkliche Verantwortung für die Redfern-Tragö-die bei ihm lag, nicht bei Perry Yount. Perry war ein Opfer der Umstände, ein technisches Opfer. Perry war Keiths Freund gewesen, hatte Keith an diesem Tag vertraut, daß er gewissenhaft sein werde, so schnell in den Kontrollraum zurückzukehren wie möglich. Aber Keith, obwohl er wußte, daß sein Freund einen doppelten Dienst übernommen hatte, die zusätzliche Belastung für ihn kannte, war zweimal so lange wie nötig geblieben und hatte Perry verraten — so daß am Ende Perry Yount an der Stelle von Keith stand und angeschuldigt und verurteilt wurde.

Perry für Keith — als Opferlamm.

Aber Perry lebte noch, obwohl ihm schweres Unrecht geschehen war. Die Familie Redfern war tot. Tot, weil Keith mit seinen Gedanken die Zeit vertan, im Sonnenschein gefaulenzt, einem nur halberfahrenen Mann in Ausbildung zu lange die Verantwortung überlassen hatte, die von rechts wegen Keith zukam und für die Keith besser qualifiziert war. Es stand außer Frage: Wenn er früher zurückgegangen wäre, hätte er die eindringende T-33 entdeckt, lange ehe sie in die Nähe von Redferns Maschine gekommen wäre. Der Beweis dafür lag darin, daß er sie entdeckte, als er zurückkam — zu spät, um noch irgend etwas zu nützen.

Herum und herum — wieder und wieder in jeder Nacht — als ob er zur Tretmühle verdammt wäre — arbeitete Keiths Verstand weiter, quälte er sich, krank vor Kummer und Selbstvorwürfen. Schließlich schlief er aus reiner Erschöpfung ein, gewöhnlich, um zu träumen und wieder aufzuwachen.

Tagsüber verließ ihn der Gedanke an die Redferns ebensowenig wie nachts. Irving Redfern, dessen Frau, ihre Kinder, verfolgten Keith, obwohl er sie nie kennengelernt hatte. Die Existenz seiner eigenen Kinder, Brian und Theo — lebendig und gesund —, schien ihm ein persönlicher Vorwurf zu sein. Das eigene Leben, daß er atmete, kam Keith wie eine Anklage vor.

Die Auswirkung der schlaflosen Nächte, der seelischen Erregung zeigte sich schnell in seiner Arbeit. Seine Reaktionen kamen langsam, seine Entscheidungen traf er zögernd. Ein paarmal verlor Keith, als er unter Druck stand, das »Bild« und mußte sich helfen lassen. Nachher erkannte er, daß er unter scharfer Beobachtung gestanden hatte. Seine Vorgesetzten wußten aus Erfahrung, was geschehen könne und hatten derartige Anzeichen der Überlastung halb und halb erwartet.

Ungezwungen freundschaftliche Gespräche mit seinen Vorgesetzten folgten, führten aber zu nichts. Später wurde er auf einen Vorschlag aus Washington, und mit Keiths Zustimmung, von der Ostküste in den Mittelwesten versetzt — zum Dienst im Kontrollturm von Lincoln International. Ein Ortswechsel, so glaubte man, würde sich als heilsam erweisen. Behördengeist mit einem Hauch von Menschlichkeit kalkulierte auch ein, daß Keiths älterer Bruder Mel Generaldirektor auf Lincoln International Airport war. Vielleicht konnte Mel Bakersfeld einen festigenden Einfluß auf Keith ausüben. Natalie, die Maryland liebte, nahm die Umsiedlung ohne ein Wort der Klage auf sich.