Die Rechnung war nicht aufgegangen.
Keiths Schuldgefühle hielten sich hartnäckig; seine Alpträume auch; sie wuchsen sich aus und nahmen andere Formen an, obwohl die Grundform bestehen blieb. Er schlief nur mit Schlafmitteln, die ihm ein mit Mel befreundeter Arzt verschrieb.
Mel verstand das Problem seines Bruders zum Teil, aber nicht ganz. Keith behielt sein träges Verweilen im Waschraum in Lees-burg noch immer als Geheimnis für sich. Mel, der beobachtete, wie Keiths Zustand sich verschlimmerte, drängte ihn, Hilfe bei einem Psychiater zu suchen, aber Keith weigerte sich. Seine Überlegung war einfach. Warum sollte er irgendein Allheilmittel suchen, irgendeinen rituellen Hokuspokus, um seine Schuld zu isolieren, während die Schuld eindeutig klar war und nichts im Himmel oder auf Erden oder in der Psychiatrie etwas daran ändern konnte?
Keiths Depression verschärfte sich, bis schließlich sogar Natalies unerschütterliche Natur gegen seine Stimmungen rebellierte. Natalie hatte zwar bemerkt, daß er schlecht schlief, sie wußte aber nichts von seinen Träumen. Eines Tages fragte sie ihn wütend und aufgebracht: »Sollen wir für den Rest unseres Lebens in Sack und Asche gehen? Sollen wir nie wieder eine Freude haben und so lachen, wie wir früher gelacht haben? Wenn du so weitermachen willst, mußt du dir aber über eins im klaren sein: Ich will es nicht, und ich werde auch nicht zulassen, daß Brian und Theo in diesem Elend aufwachsen.«
Als Keith ihr nicht antwortete, fuhr Natalie fort: »Ich habe es dir schon früher gesagt: unser Leben, unsere Ehe und die Kinder sind wichtiger als deine Arbeit. Wenn du diese Arbeit nicht mehr ertragen kannst — und warum solltest du es, wenn sie derartig anstrengend ist? —, dann gib sie jetzt auf. Suche dir etwas anderes. Ich weiß, was du mir immer gesagt hast: Wir werden weniger Geld haben, und du wirfst deine Pension fort. Aber das bedeutet mir nicht alles in der Welt. Wir werden irgendwie durchkommen. Ich will alle Plagen auf mich nehmen, die du mir zumutest, Keith Bakersfeld; vielleicht werde ich mich gelegentlich beklagen, aber nicht oft, denn alles andere ist besser, als so weiterzuleben.« Sie war den Tränen nahe gewesen, aber es gelang ihr weiterzusprechen. »Ich warne dich. Ich kann es nicht mehr lange aushalten. Wenn du so weitermachen willst, mußt du es bald allein tun.«
Es war das einzige Mal, daß Natalie die Möglichkeit eines Schei-terns ihrer Ehe angedeutet hatte. Es war auch das erste Mal, daß Keith an Selbstmord dachte.
Später reifte dieser Gedanke zum festen Entschluß.
Die Tür des dunkelliegenden Umkleideraums wurde geöffnet. Ein Schalter wurde angeknipst. Keith war wieder im Kontrollturm des Lincoln International Airport. Er blinzelte in dem grellen Licht.
Ein anderer Kontroller, der seine reguläre Pause hatte, kam herein. Keith packte seine unberührten Sandwiches zusammen, verschloß seinen Spind und ging zum Radarraum zurück. Der andere sah ihm neugierig nach. Keiner von beiden hatte ein Wort gesagt.
Keith fragte sich, ob die kritische Situation der KC-135 der Air Force, bei der das Funkgerät ausgefallen war, schon behoben sei. Die Aussichten sprachen dafür, daß das Flugzeug und seine Besatzung inzwischen sicher den Boden erreicht hatten. Er hoffte es. Er hoffte, daß etwas Gutes — für irgend jemand — diese Nacht geschehen würde.
Als er in den Kontrollraum trat, griff er noch einmal in die Ta-sehe nach dem Schlüssel der O'Hagan Inn, um sich zu vergewissern, daß er noch da war. Er würde ihn bald brauchen.
4
Es war fast eine halbe Stunde her, seit Tanya Livingston Mel Bakersfeld in der Mittelhalle des Hauptgebäudes verlassen hatte. Noch jetzt, nachdem inzwischen allerlei anderes vorgegangen war, erinnerte sie sich an die Art, wie ihre Hände sich vor dem Fahrstuhl berührt hatten, an den Ton, in dem er sagte: »Das gibt mir einen Grund, Sie heute abend noch einmal zu sehen.«
Tanya hoffte sehr, daß Mel sich ebenfalls erinnern würde, und daß er, obwohl ihr bekannt war, wie dringend er in die Stadt mußte, die Zeit finden würde, vorher noch einmal vorbeizukom-, men.
Der Grund, den Mel erwähnte — als ob er überhaupt einen brauchte! —, war seine Neugier auf die Mitteilung, die Tanya bekommen hatte, als sie in der Kaffeestube waren. »Flug 80 hat einen blinden Passagier an Bord«, hatte ihr Kollege von der Trans America gesagt. »Man sucht Sie, und wie ich höre, ist dieser etwas bescheuert.«
Inzwischen hatte sich erwiesen, daß der Angestellte recht gehabt hatte.
Tanya war wieder in den kleinen Empfangsraum hinter dem Buchungsschalter der Trans America gegangen, in dem sie früher am Abend die verstörte Patsy Smith getröstet hatte. Aber nun sah sie an Stelle von Patsy eine kleine alte Dame aus San Diego vor sich.
»Sie haben das wohl früher schon einmal gemacht«, begann Tanya. »Oder etwa nicht?«
»Aber ja, meine Liebe. Schon mehrmals.«
Die kleine alte Dame saß entspannt und seelenruhig da, die Hände, zierlich im Schoß gefaltet, ließen den Zipfel eines Spitzentaschentuchs sehen. Sie war korrekt schwarz gekleidet, mit einer altmodischen hochgeschlossenen Bluse, und hätte jedermanns ehrenwerte Urgroßmutter auf dem Kirchgang sein können. Statt dessen war sie erwischt worden, wie sie illegal, ohne Flugschein, zwischen Los Angeles und New York unterwegs war.
Blinde Passagiere hatte es, wie sich Tanya irgendwo gelesen zu haben erinnerte, bereits seit dem Jahre 700 vor unserer Zeitrechnung gegeben, und zwar auf Schiffen der Phönizier, die das östliche Mittelmeer befuhren. Damals war die Strafe für die, die erwischt wurden, qualvoller Tod — durch Bauchaufschlitzen für Erwachsene, Kinder dagegen wurden auf Opfersteinen lebendig verbrannt.
Seitdem sind die Strafen zwar milder, die blinden Passagiere aber nicht weniger geworden.
Tanya fragte sich, ob irgendwer, abgesehen von einem beschränkten Kreis Angestellter bei den Fluggesellschaften, sich klarmachte, daß die Zahl der blinden Passagiere in Flugzeugen epidemische Ausmaße angenommen hatte, seit Düsenmaschinen Tempo und Andrang im Passagier-Flugverkehr steigerten. Wahrscheinlich niemand. Die Fluglinien gaben sich alle Mühe, die ganze Sache unter einem Schleier zu halten, weil sie befürchteten, wenn diese Tatsachen bekannt würden, könnte ihr Kontingent an nichtzahlenden Gästen noch größer werden. Es gab aber Leute, die dahinterkamen, wie einfach sich das alles machen ließ, unter ihnen auch die kleine alte Dame aus San Diego.
Sie hieß Mrs. Ada Quonsett; das hatte Tanya in ihrer Sozialversicherungskarte festgestellt; und Mrs. Quonsett wäre zweifellos un-entdeckt nach New York gekommen, hätte sie nicht einen Fehler begangen, nämlich den, ihre Reiseumstände ihrem Sitznachbarn anzuvertrauen, der alles einer Stewardess weitererzählte. Die Stewardess meldete es dem Kapitän, der es durch Funkspruch weitergab, und auf Lincoln International warteten ein Flugscheinkontrolleur und ein Sicherheitsinspektor darauf, die kleine alte Dame aus der Maschine herauszuholen. Sie war zu Tanya gebracht worden, deren Aufgabe unter anderem auch darin bestand, sich mit blinden Passagieren zu befassen, die zu erwischen die Gesellschaft das Glück gehabt hatte.
Tanya glättete ihren engen, gutsitzenden Uniformrock mit einer Bewegung, die ihr zur Gewohnheit geworden war. »Na schön«, sagte sie. »Ich glaube, Sie sollten mir nun lieber alles beichten.«
Die Hände der alten Dame lösten sich, und das Taschentuch veränderte etwas seine Lage. »Ja, sehen Sie, ich bin Witwe, und ich habe eine verheiratete Tochter in New York. Manchmal, da fühle ich mich so einsam, und dann möchte ich sie besuchen. Da fahre ich eben nach Los Angeles und steige in ein Flugzeug, das nach New York fliegt.«