»Einfach nur so? Ohne Flugschein?«
Mrs. Quonsett schien entsetzt zu sein. »Aber, meine Liebe, das kann ich mir doch unmöglich leisten. Ich habe ja nur meine Sozialversicherung und die kleine Pension, die mir mein verstorbener Mann hinterlassen hat. Ich kann gerade das Fahrgeld für den Bus von San Diego nach Los Angeles aufbringen.«
»Für den Bus bezahlen Sie jedenfalls?«
»Aber ja. Die Busleute sind sehr streng. Ich habe einmal versucht, einen Fahrschein nur bis zur ersten Haltestelle zu kaufen und einfach sitzen zu bleiben. Aber die kontrollieren in jeder Stadt, und der Fahrer merkte, daß mein Fahrschein ungültig war. Sie waren ziemlich unangenehm deswegen. Gar nicht so wie die Fluggesellschaften.«
»Ich würde aber zu gern wissen«, sagte Tanya, »warum Sie nicht den Flughafen in San Diego benutzen.«
»Ja, meine Liebe, da kennen die Leute mich leider schon.« »Soll das heißen, daß Sie in San Diego schon einmal erwischt worden sind?«
Die kleine alte Dame neigte den Kopf. »Ja.«
»Sind Sie auch schon mit anderen Linien schwarzgeflogen, außer mit unserer?«
»O ja. Aber die Trans America ist mir am liebsten.«
Tanya gab sich Mühe, ernst zu bleiben, obgleich es ihr schwerfiel, weil das Gespräch so klang, als ginge es um einen Bummel zum Laden an der nächsten Ecke. Aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos, als sie fragte: »Warum haben Sie die Trans America denn so gern, Mrs. Quonsett?«
»Na ja, die sind in New York immer so vernünftig. Wenn ich zwei Wochen oder so bei meiner Tochter war und wieder nach Hause möchte, dann gehe ich in ihr Flugbüro und sag es denen.«
»Sie sagen ihnen die Wahrheit? Daß Sie als blinder Passagier nach New York gekommen sind?«
»Jawohl, meine Liebe. Dann fragen die mich nach dem Datum und der Flugnummer — das schreib ich mir immer auf, damit ich es nicht vergesse. Und dann sehen sie in irgendwelchen Papieren nach.«
»Den Passagierlisten«, sagte Tanya. Sie fragte sich: Findet diese Unterhaltung wirklich statt, oder ist sie nur Einbildung?
»Ja, meine Liebe, so heißt es, glaube ich.«
»Bitte fahren Sie fort.«
Die kleine alte Dame sah verwundert aus. »Sonst ist da weiter nichts. Danach schicken sie mich einfach nach Hause. Gewöhnlich noch am selben Tag, mit einem ihrer Flugzeuge.«
»Und das ist alles? Sonst wird gar nichts gesagt?«
Mrs. Quonsett zeigte ein freundliches Lächeln, so als sei sie beim Nachmittagstee in einem Pfarrhaus. »Nun ja, ich kriege manchmal ein bißchen Schelte. Es wird mir gesagt, ich sei ungezogen und sollte es nicht wieder tun. Aber das ist doch wirklich nicht schlimm, nicht wahr?«
»Nein, das ist es gewiß nicht«, bestätigte Tanya.
Das Unglaubliche war, daß alles so offenkundig stimmte. Die Fluggesellschaften wußten, daß dies häufig passierte. Ein blinder Passagier in spe stieg einfach in ein Flugzeug — dazu boten sich viele Gelegenheiten —, setzte sich ruhig hin und wartete auf den Abflug. Sofern der blinde Passagier die 1. Klasse vermied, in der Fluggäste leicht zu identifizieren sind, es sei denn, die Maschine war voll besetzt, war eine Entdeckung unwahrscheinlich. Richtig war, daß Stewardessen die Personen zählen und vergleichen konnten, ob ihre Zahl mit der Passagierliste des Angestellten an der Sperre übereinstimmte. In diesem Fall war der blinde Passagier zwar in Gefahr entdeckt zu werden, aber der Kontrolleur an der Sperre stand dann vor zwei Möglichkeiten. Entweder konnte er das Flugzeug abgehen lassen und auf der Passagierliste notieren, daß Personen- und Fahrscheinzahl nicht übereinstimmten, oder er konnte eine nochmalige Kontrolle der Flugscheine aller Passagiere an Bord verlangen.
Eine zweite Flugscheinkontrolle dauerte bis zu einer halben Stunde; während dieser Wartezeit wuchsen die Kosten, die es verursacht, ein Flugzeug im Werte von sechs Millionen Dollar auf dem Boden zu halten. Die Zeitpläne, sowohl im Heimatflughafen wie auf der Strecke, würden ins Wanken geraten. Passagiere, die Anschlüsse erreichen mußten oder Termine hatten, würden erbost sein und ungeduldig werden, während der Kapitän, im Gedanken an seinen Ruf bedingungsloser Pünktlichkeit, vor Wut auf den Kontrolleur schäumte. Der Kontrolleur selbst mußte auf jeden Fall zugeben, daß er irgendwo einen Fehler begangen hatte, und würde spä- ter zweifellos, wenn er keine guten Gründe für die Verspätung nachweisen konnte, vom Bezirkstransportleiter seine Abreibung bekommen. Am Ende, selbst wenn ein blinder Passagier entdeckt wurde, würde der Verlust an Geld und Goodwill die Kosten für den Freiflug eines einzelnen Individuums weit übersteigen.
So blieb für die Gesellschaft also nichts anderes übrig, als das einzig Vernünftige zu tun — sie schloß die Türen und schickte das Flugzeug auf die Reise.
Das war in der Regel das Ende. War die Maschine erst einmal unterwegs, dann waren die Stewardessen zu beschäftigt, um noch einmal die Flugscheine zu kontrollieren, und die Passagiere würden die Verzögerung und die Belästigung durch eine Kontrolle am Ende der Reise sicher nicht hinnehmen. Deshalb kam der blinde Passagier ungefragt und unbehindert davon.
Was die kleine alte Dame über den Rückflug erzählt hätte, stimmte ebenfalls. Fluggesellschaften waren der Ansicht, blinde Passagiere gäbe es einfach nicht, und falls doch einmal einer auftauche, dann sei das ihre eigene Schuld, weil es ihnen nicht gelänge, derlei zu verhindern. Auf derselben Ebene lag, daß die Gesellschaften sich dafür verantwortlich fühlten, blinde Passagiere zu ihren Ausgangspunkten zurückzuschaffen, und da es keinen anderen Weg für ihre Beförderung gab, flogen die Täter mit regulären Flugscheinen und normalem Service, einschließlich der Verpflegung, zurück.
»Sie sind aber auch nett«, sagte Mrs. Quonsett. »Nette Menschen erkenne ich immer gleich, wenn ich ihnen begegne. Sie sind aber viel jünger als die anderen von der Gesellschaft — ich meine von denen, die ich kennenlernte.«
»Sie meinen jene, die mit Betrügern und blinden Passagieren zu tun haben.«
»Ganz richtig.« Die kleine alte Dame schien gar nicht beschämt zu sein. Ihre Augen wanderten abschätzend über Tanya. »Ich würde sagen, Sie sind achtundzwanzig.« Tanya antwortete knapp: »Siebenunddreißig.«
»Schön, Sie sehen jung und gereift aus. Das kommt vielleicht daher, daß Sie verheiratet sind.«
»Lassen wir das«, sagte Tanya. »Das wird Ihnen auch nichts helfen.«
»Sie sind aber doch verheiratet?«
»Ich war es. Jetzt nicht mehr.«
»Was für ein Jammer. Sie müßten hübsche Kinder haben. Mit roten Haaren, wie Sie selbst.«
Rotes Haar vielleicht, aber nicht mit dem Anflug von Grau darin, dachte Tanya — dem Grau, das sie heute morgen wieder festgestellt hatte. Und was die Kinder anging, da hätte sie erklären können, daß sie ein Kind habe, das zu Hause in ihrem Apartment war und hoffentlich jetzt schlief. Statt dessen sprach sie streng weiter:
»Was Sie da getan haben, ist verboten. Sie haben einen Betrug begangen. Sie haben das Gesetz übertreten. Ich nehme an, es ist Ihnen klär, daß Sie angezeigt werden können.«
Zum ersten Male flog ein Schimmer von Triumph über das arglose Gesicht der alten Frau. »Ich werde aber nicht angezeigt, nicht wahr? Sie zeigen nie jemanden an.«
Schließlich war es sinnlos, so fortzufahren, dachte Tanya. Sie wußte ja nur zu gut — und Mrs. Quonsett wahrscheinlich auch —, daß Fluggesellschaften blinde Passagiere nie anzeigten, weil sie befürchteten, daß sonst ihr Renommee und ihre Beliebtheit beim Publikum leiden würden.
Da war nur noch die eine Chance, daß weitere Fragen vielleicht für die Zukunft brauchbare Informationen herauslocken könnten.