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»Mrs. Quonsett«, sagte Tanya, »da Sie nun einmal von Trans America so viele Freiflüge bekommen haben, könnten Sie uns doch wenigstens ein bißchen helfen.«

»Aber gern, wenn ich das kann.«

»Ich möchte wissen, wie Sie es anstellen, an Bord unserer Maschinen zu kommen.«

Die kleine alte Dame lächelte.

»Ja, meine Liebe, da gibt es verschiedene Wege. Ich versuche, so gut ich nur kann, immer neue zu benutzen.«

»Bitte erzählen Sie mir etwas darüber.«

»Nun, meistens bin ich früh genug am Flughafen, um mir eine Bordkarte zu beschaffen.«

»Ist das denn nicht schwierig?«

»Eine Bordkarte zu kriegen? Aber nein, das ist ganz leicht. Heutzutage benutzen die Gesellschaften ja die Schutzumschläge für die Flugscheine als Bordkarten. Also gehe ich an einen der Schalter und sage, ich hätte meinen Umschlag verloren und möchte gern einen neuen haben. Ich suche mir einen Schalter aus, an dem das Personal viel zu tun hat und vor dem viele Leute warten. Die geben mir immer einen.«

Selbstverständlich tun sie das, dachte Tanya. Es war ein ganz alltägliches Anliegen, das häufig vorkam, mit dem Unterschied, daß die meisten Leute — im Gegensatz zu Mrs. Quonsett — sich einen neuen Umschlag aus berechtigten Gründen holten.

»Aber das ist doch nur ein unausgefüllter Umschlag«, meinte Tanya. »Der ist doch nicht ausgeschrieben als Bordkarte.«

»Den fülle ich selbst aus — auf der Damentoilette. Ich habe immer ein paar alte Umschläge bei mir und weiß also, was ich zu schreiben habe. Und ich habe immer einen dicken schwarzen Stift in meiner Handtasche.« Sie legte das Taschentuch in den Schoß und öffnete ihre schwarze Perlenhandtasche. »Sehen Sie?«

»Ja, ich sehe«, sagte Tanya. Sie griff nach dem Stift und nahm ihn an sich. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ihn behalte?«

Mrs. Quonsett schien das ein wenig übelzunehmen. »Der gehört wirklich mir. Aber wenn Sie ihn haben wollen, kann ich mir ja einen anderen besorgen.«

»Weiter«, drängte Tanya. »Sie haben also nun Ihre Bordkarte. Was geschieht dann?«

»Ich gehe dorthin, wo der Flug abgeht.«

»Durch die Abflugsperre?«

»Ja, richtig. Da warte ich, bis der junge Mann, der die Scheine prüft, beschäftigt ist — das ist er immer, wenn viele Menschen zu gleicher Zeit kommen. Dann gehe ich an ihm vorbei und zum Flugzeug.«

»Nun mal angenommen, es hält Sie jemand an.«

»Das tut keiner, ich habe ja eine Bordkarte.«

»Nicht einmal die Stewardessen?«

»Ach, meine Liebe, das sind ja so junge Dinger. Meistens schwatzen sie miteinander oder interessieren sich für die Männer.

Das einzige, was sie sich anschauen, ist die Flugnummer, und die habe ich immer richtig.«

»Aber Sie sagten doch, Sie benutzten nicht immer eine Bordkarte.«

Mrs. Quonsett errötete. »Da muß ich Ihnen leider eine kleine Notlüge gestehen. Manchmal sage ich, ich ginge an Bord, um mich von meiner Tochter zu verabschieden — das lassen die meisten Gesellschaften zu, wissen Sie. Oder, wenn das Flugzeug von woanders herkommt, sage ich, ich ginge zu meinem Platz zurück, meinen Flugschein hätte ich im Flugzeug gelassen. Oder ich sage ihnen, mein Sohn wäre gerade an Bord gegangen, hätte aber seine Brieftasche liegenlassen, und die wollte ich ihm bringen. Dabei trage ich eine Brieftasche in der Hand, und das zieht am allerbesten.«

»Ja«, bestätigte Tanya, »das kann ich mir vorstellen. Sie scheinen sich alles sehr sorgfältig ausgedacht zu haben.« Sie hatte jetzt Material genug für einen Tagesbericht an alle Abflugsperren und Stewardessen. Nur schien ihr fraglich, ob es viel nützen würde.

»Mein verstorbener Mann hat mich gelehrt, gründlich zu sein. Er war Lehrer — Geometrielehrer. Er sagte stets, man müsse alles immer von jedem Winkel aus betrachten.«

Tanya sah Mrs. Quonsett scharf an. Sollte sie vielleicht auf den Arm genommen werden?

Das Gesicht der kleinen alten Dame aus San Diego blieb ausdruckslos. »Da ist noch eine wichtige Sache, die ich noch nicht erwähnt habe.«

Auf der anderen Seite des Raums läutete ein Telefon. Tanya ging zu ihm hinüber.

»Ist diese alte Schachtel noch bei Ihnen?« Es war die Stimme des Bezirksverkehrsleiters. Der B.V.L. war für alle Vorgänge bei der Trans America auf Lincoln International verantwortlich. Im allgemeinen war er ein ruhiger, gutartiger Chef — heute war er sehr gereizt. Verständlicherweise: Drei Tage und Nächte voller Flugverspätungen, Umleitungen, verärgerter Fluggäste und unaufhörlicher Sticheleien aus dem Hauptbüro der Gesellschaft in New York taten ihre Wirkung.

»Ja«, sagte Tanya.

»Kriegen Sie was Brauchbares aus ihr heraus?«

»Eine ganze Menge. Schicke Ihnen einen Bericht.«

»Wenn Sie das tun, dann nehmen Sie aber, verflixt noch mal, Großbuchstaben, damit ich es lesen kann.«

»Jawohl, Sir.«

Das »Sir« brachte sie so spitz heraus, daß am anderen Ende einen Augenblick lang Stille eintrat. Dann brummte der B.V.L.: »Entschuldigung, Tanya. Ich glaube, ich gebe jetzt an Sie weiter, was ich von New York bekommen habe. So, wie wenn der Schiffsjunge der Schiffskatze einen Tritt versetzt, nur daß Sie keine Katze sind. Kann ich etwas für sie tun?«

»Ich hätte gern einen einfachen Flug nach Los Angeles, noch heute abend, für Mrs. Ada Quonsett.«

»Ist das die alte Schachtel?«

»Selbige.«

Der B.V.L. fragte säuerlich: »Wohl zu Lasten der Gesellschaft?«

»Ja, leider.«

»Was mir gar nicht dabei gefällt, ist, daß die Alte ehrlichen, anständigen, zahlenden Passagieren, die schon stundenlang gewartet haben, vorgezogen werden soll. Aber ich glaube, Sie haben recht; wir sind besser dran, wenn wir sie uns vom Hals schaffen.«

»Das meine ich auch.«

»Ich werde eine Anforderung unterschreiben. Sie finden sie am Flugscheinschalter. Verständigen Sie aber ja Los Angeles, damit sie dort die alte Hexe durch die Polizei vom Flughafen schaffen lassen können.«

Tanya sagte sanft: »Sie könnte die Mutter von Whistler sein.«

Der B.V.L. brummte: »Dann soll Whistler ihr auch einen Flugschein kaufen.«

Tanya lächelte und hängte ein. Sie kehrte zu Mrs. Quonsett zurück.

»Sie sagten, da wäre noch eine wichtige Sache — zur Frage, wie man an Bord von Flugzeugen kommt — die Sie mir noch nicht erzählt hätten.«

Die kleine alte Dame zögerte. Bei der Erwähnung eines Rückflugs nach Los Angeles während des Telefongesprächs war ihr Mund sichtlich schmaler geworden.

»Das meiste haben Sie mir ja schon erzählt«, drängte Tanya. »Dann können Sie mir auch alles sagen. Wenn da noch irgendwas ist.«

»Sicher.« Mrs. Quonsett zeigte ein knappes, steifes Kopfnicken. »Ich wollte sagen, daß es am besten ist, nicht die großen Flüge zu benutzen—die wichtigen, ich meine die Non-Stop Transkontinentalflüge. Diese Maschinen sind oft voll, und die Passagiere erhalten Platzkarten, sogar in der Touristenklasse. Das macht es ja schwerer, aber ich habe es doch einmal getan, weil ich beobachten konnte, daß nicht viele mitflogen.«

»Also, Sie nehmen Flüge, die nicht direkt durchgehen. Werden Sie da nicht bei den Zwischenlandungen erwischt?«

»Da tue ich so, als ob ich schliefe. Und gewöhnlich stört man mich nicht.«

»Diesmal aber wurden Sie gestört.«

Mrs. Quonsett preßte ihre Lippen zu einer schmalen, mißbilligenden Linie zusammen. »Das war nur die Schuld des Mannes, der neben mir saß. Der war sehr gemein. Ich hatte mich ihm anvertraut, und er verriet mich an die Stewardess. Das hat man davon, wenn man den Menschen traut.«

»Mrs. Quonsett«, sagte Tanya. »Sie haben, glaube ich, gehört, daß wir Sie nach Los Angeles zurückschicken.«

Da zeigte sich ein kurzes Aufblitzen in den ältlichen grauen Augen. »Ja, meine Liebe. Ich hatte befürchtet, daß das passieren würde. Aber ich hätte gern eine Tasse Tee getrunken. Wenn ich jetzt also gehen kann, dann sagen Sie mir bitte, wann ich zurückkommen soll . . .«