»O nein!« Tanya schüttelte entschieden den Kopf. »Sie gehen nirgendwo allein hin. Sie sollen Ihre Tasse Tee haben, aber ein Angestellter wird Sie begleiten. Ich werde Ihnen einen bestellen, der bei Ihnen bleibt, bis Sie in die Maschine nach Los Angeles einsteigen. Wenn ich Sie auf diesem Flughafen hier sich selbst überlasse, weiß ich genau, was passiert: Sie säßen in einem Flugzeug nach New York, noch ehe es jemand gemerkt hätte.«
An dem für einen Augenblick feindseligen Blick, den Mrs. Quon-sett ihr zuwarf, erkannte Tanya, daß sie recht hatte.
Zehn Minuten später waren alle Anstalten getroffen und ein Platz für Flug 103 nach Los Angeles reserviert, der in anderthalb Stunden startete. Es war ein Nort-Stop-Flug; es sollte Mrs. Quonsett keine Möglichkeit bleiben, unterwegs auszusteigen und die umgekehrte Richtung einzuschlagen. Der B.V.L. von Los Angeles war durch Fernschreiben verständigt worden; an die Besatzung von Flug 103 erging eine Notiz.
Die kleine alte Dame war einem männlichen Angestellten der Trans America übergeben worden — einem kürzlich eingestellten jungen Mann, der ihr Enkel hätte sein können.
Tanyas Weisungen an den jungen Mann, Peter Coakley, waren präzise: »Sie haben bei Mrs. Quonsett bis zur Abflugzeit zu bleiben. Sie sagt, sie möchte Tee haben, also begleiten Sie sie in die Kaffeestube, und da soll sie Tee haben, auch etwas zu essen, wenn sie danach verlangt, doch auf dem Flug gibt es ja Abendessen. Aber gleichgültig, was sie wünscht, Sie bleiben bei ihr. Wenn sie zur Toilette muß, warten Sie draußen vor der Tür; sonst lassen Sie sie aber nicht aus den Augen. Zur Abflugzeit bringen Sie sie zur Sperre, gehen mit ihr an Bord und übergeben sie der dienstältesten Stewardess. Erklären Sie der Stewardess, daß Mrs. Quonsett, nachdem sie an Bord gebracht wurde, das Flugzeug aus keinerlei Gründen verlassen darf. Sie steckt voller Schliche, Tricks und glaubwürdigen Ausreden, also seien Sie vorsichtig.«
Ehe sie gingen, ergriff die kleine alte Dame den Arm des jungen Mannes. »Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel, junger Mann, heutzutage braucht eine alte Dame Unterstützung, und Sie erinnern mich so an meinen lieben Schwiegersohn. Der hat auch so gut ausgesehen, aber natürlich ist er nun ein ganz Teil älter als Sie. Ihre Fluggesellschaft scheint nette Leute zu beschäftigen.« Mrs. Quonsett blickte vorwurfsvoll zu Tanya hinüber. »Meistens wenigstens.«
»Denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe«, warnte Tanya Peter Coakley. »Um Tricks ist sie nie verlegen.«
Mrs. Quonsett sagte streng: »Das ist aber nicht sehr nett. Ich bin sicher, der junge Mann wird sich sein eigenes Urteil bilden.«
Der Angestellte grinste verlegen. An der Tür drehte sich Mrs. Quonsett noch einmal um und sprach Tanya an. »Trotz der Art, wie Sie sich betragen haben, meine Liebe, sollen Sie doch wissen, daß ich Ihnen nichts nachtrage.«
Einige Minuten danach kehrte Tanya aus dem kleinen Salon, den sie für die beiden Gespräche am heutigen Abend benutzt hatte, in die Verwaltungsräume der Trans America im Zwischenstock des Hauptgebäudes zurück. Sie stellte fest, daß es Viertel vor neun war. An ihrem Schreibtisch in dem großen äußeren Büro überlegte sie sich, ob die Gesellschaft wohl zum letzten Male von Mrs. Ada Quonsett gehört habe. Tanya zweifelte daran. Auf ihrer Schreibmaschine ohne Großbuchstaben begann sie ein Memorandum an den Bezirksleiter zu tippen: an: bvl von: tanya liv'stn betr.: whistlers mami
Sie hielt ein und fragte sich, wo Mel Bakersfeld sein mochte, und ob er wohl noch kommen würde.
5
Er konnte heute abend einfach nicht in die Stadt fahren, sagte sich Mel Bakersfeld.
Er war in seinem Büro in der Verwaltungsabteilung, das im Zwischenstock lag. Mit den Fingern trommelte er nachdenklich auf seinen Schreibtisch, an dem er telefonisch die letzten Berichte über den Betriebszustand des Flughafens erhalten hatte.
Startbahn Drei Null war noch immer unbenutzbar, noch immer durch die versackte Aereo Mexican blockiert. Durch diesen Verlust an verfügbaren Startbahnen war nun die allgemeine Lage kritisch, und Verzögerungen im Verkehr — sowohl in der Luft wie am Boden — wurden immer schlimmer. Die Möglichkeit, den Flughafen in den nächsten paar Stunden für geschlossen erklären zu müssen, war nicht mehr von der Hand zu weisen.
Inzwischen gingen die Abflüge über Meadowood, das einem wahren Wespennest glich, weiter. Die Telefonzentrale des Flughafens wurde, ebenso wie die Flugsicherung, von empörten Anrufen von Hausbesitzern in Meadowood überschwemmt — von jenen, die zu Hause geblieben waren. Eine große Zahl war ja, wie man Mel mitgeteilt hatte, in einer Protestversammlung, und es ging das Gerücht um — der Dienstleiter des Kontrollturms hatte es vor einigen Minuten weitergegeben —, noch heute abend solle eine Art öffentlicher Demonstration auf dem Flughafen stattfinden.
Mel dachte verdrießlich: Einen Haufen Demonstranten zwischen die Füße zu bekommen, das hatte ihm gerade noch gefehlt.
Das einzig Gute war doch, daß der Notstand Alarmstufe drei gerade aufgehoben worden war, da die KC-135 der Air Force, die ihn ausgelöst hatte, sicher gelandet war. Aber die Aufhebung des einen Notstands garantierte noch nicht, daß nicht bald ein neuer Alarm gegeben werden mußte. Mel hatte das vage Unbehagen, diese Vorahnung einer Gefahr, die er vor einer Stunde draußen auf dem Flugfeld gespürt hatte, nicht vergessen. Dieses unmöglich zu definierende und zu rechtfertigende Gefühl arbeitete immer noch in ihm. Doch davon ganz abgesehen, die sonstigen Umstände genügten schon, um sein Hierbleiben zu rechtfertigen.
Cindy — die immer noch damit rechnete, daß er zu ihrem Wohltätigkeitszirkus erschiene — würde vor Wut platzen. Aber sie war ihm ja sowieso schon böse, weil er zu spät kam. Wenn er überhaupt nicht kam, mußte er sich auf einen besonders starken Wutausbruch gefaßt machen. Am besten war es, die erste Breitseite von Cindy gleich hinter sich bringen. Der Zettel mit der Telefonnummer, unter der er seine Frau vorhin im Stadtzentrum erreicht hatte, war noch in seiner Tasche. Er zog ihn heraus und wählte.
Wie vorher dauerte es mehrere Minuten, bis Cindy ans Telefon kam; aber überraschenderweise war nichts mehr von dem Feuer zu spüren, das sie bei dem früheren Gespräch gezeigt hatte, sondern nur eisige Kälte. Sie hörte sich Mels Erklärung schweigend an — warum es unerläßlich sei, daß er auf dem Flughafen bliebe. Weil er auf keinerlei Widerspruch stieß, womit er nicht gerechnet hatte, verfiel er darauf, sich mit umständlichen Entschuldigungen abzumühen, die für ihn selbst nicht ganz überzeugend klangen. Unvermittelt brach er ab.
Es entstand eine Pause, ehe Cindy sich kühl erkundigte: »Bist du jetzt fertig?«
»Ja.«
Cindys Frage hatte sich angehört, als spräche sie mit jemand, der ihr zuwider sei und ihr nur ganz oberflächlich bekannt wäre. »Wundert mich nicht, denn ich hatte gar nicht damit gerechnet, daß du kämst. Als du sagtest, du würdest kommen, nahm ich an, es wäre, wie gewöhnlich, gelogen.«
Erregt erwiderte er: »Ich habe nicht gelogen, und es ist nicht wie gewöhnlich. Ich habe dir vorhin erklärt, wie oft ich . . .«
»Du sagtest doch, du wärst fertig.«
Mel hielt inne. Was hatte es denn für einen Sinn? Resignierend sagte er: »Rede weiter.«
»Was ich sagen wollte, als du mich unterbrachst — also wie gewöhnlich . . .«
»Cindy, um Gottes willen!«
». . . wußte ich, daß du lügst, und das gab mir die Gelegenheit, nachzudenken.« Sie machte eine Pause. »Du sagst, du bist noch auf dem Flughafen.«
»Darum dreht sich diese ganze Unterhaltung . . .«
»Wie lange noch?« »Bis Mitternacht, vielleicht die ganze Nacht über.«
»Dann komm ich hinaus. Du kannst mich erwarten.«
»Hör mal, Cindy, das hat keinen Zweck. Hier ist weder die Zeit noch der Ort dafür.«