»Dann nehmen wir uns die Zeit. Und für das, was ich dir zu sagen habe, ist jeder Ort gut genug.«
»Cindy, sei doch bitte vernünftig. Ich gebe ja zu, daß es Dinge gibt, die wir besprechen müssen, aber nicht . . .«
Mel brach ab, denn er merkte, daß er mit sich selbst sprach. Cindy hatte eingehängt. Er legte auch auf und saß nachdenklich in seinem stillen Büro da. Dann nahm er, ohne selbst zu wissen, warum, den Hörer wieder auf und wählte zum zweiten Male heute abend seine eigene Nummer zu Hause. Vorhin war Roberta am Apparat gewesen. Diesmal meldete sich Mrs. Sebastiani, ihr gewohnter Babysitter. »Ich wollte nur mal hören«, sagte Mel, »ob alles in Ordnung ist. Sind die Kinder im Bett?«
»Roberta schon, Mr. Bakersfield. Libby ist gerade dabei.«
»Kann ich mal mit Libby sprechen?«
»Na ja — also für einen Augenblick, wenn Sie versprechen, sich kurz zu fassen.«
»Ich verspreche es.«
Mrs. Sebastiani, dachte Mel, war mal wieder die Pädagogik in Person. Wenn sie im Dienst war, verlangte sie Gehorsam, nicht bloß von den Kindern, sondern von der ganzen Familie. Er fragte sich manchmal, ob die Sebastianis — es gab da noch einen spitz-mäusigen Mann — in ihrer Ehe je Gefühlsprobleme hätten. Er vermutete, daß dies wohl kaum der Fall wäre. Das würde Mrs. Sebastiani nie zulassen.
Er hörte Libbys Füße tappend näher kommen.
»Daddy«, fragte Libby, »geht das Blut in uns immer und ewig herum und herum?«
Libbys Frage waren immer faszinierend und ausgefallen. Sie fiel über neue Themen her, als wären es Geschenke unter dem Weihnachtsbaum.
»Nein, Liebling, nicht ewig; nichts ist ewig. Nur solange man lebt. Dein Blut ist seit sieben Jahren herumgegangen, seit dein Herz angefangen hat zu pumpen.«
»Ich kann mein Herz fühlen«, sagte Libby. »In meinen Knien.«
Er stand im Begriff zu erklären, daß Herzen nicht in den Knien säßen, und wollte von Arterien und Venen erzählen, unterließ es aber. Dafür war es ja immer noch Zeit. Daß man nur sein Herz fühlte — gleichgültig, wo es nun saß —, darauf kam es an. Libby hatte einen Instinkt für Wesentliches; zu Zeiten hatte er den Eindruck, ihre kleinen Hände griffen nach den Sternen, den Sternen der Wahrheit.
»Gute Nacht, Daddy.«
»Gute Nacht, Liebling.«
Mel wußte immer noch nicht, weshalb er eigentlich angerufen hatte, aber nun war ihm wohler.
Seine Gedanken gingen zu Cindy zurück. Ja, wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, dann führte sie es auch aus, und so war es auch höchst wahrscheinlich, daß sie später noch auf dem Flughafen erscheinen würde. Und vielleicht hatte sie recht. Es gab da grundlegende Dinge, die sie zu regeln hatte, besonders, ob die hohle Muschel ihrer Ehe den Kindern zuliebe fortdauern sollte oder nicht. Hier würden sie wenigstens ungestört und außer Hörweite der Kinder sein, die schon früher allzu viele ihrer Streitereien mit anhören mußten.
Im Augenblick gab es für Mel weiter nichts zu tun, als verfügbar zu sein. Er verließ sein Büro und trat auf die Galerie der Verwaltung hinaus, von wo das geschäftige Durcheinander des Menschen-auflaufs in dem großen Flughafen zu überblicken war.
Viele Jahre würde es nicht mehr dauern, dachte Mel, bis sich die Zustände auf dem Flughafen dramatisch zuspitzen mußten. Irgend etwas mußte bald geschehen, um die unzulänglichen Methoden zu verbessern, mit der Passagiere von und an Bord der Flugzeuge kamen. Einfach einzeln ein- und auszusteigen war viel zu umständlich und langsam. Mit jedem Jahr kosteten die einzelnen Maschinen mehr und mehr Millionen: gleichzeitig wurden die Kosten für das Müßig-am-Boden-stehen-Lassen größer und größer. Flugzeugkonstrukteure und Fluglinienplaner strebten danach, mehr Flugstunden, die Geld brachten, und weniger Bodenstunden, die gar keins brachten, zu erreichen.
Schon wurden Pläne für »Menschen-Container« erwogen — eine Art Riesenbehälter, die auf dem Prinzip des »Igloo« der American Airlines beruhten, wie es schon für vorgepacktes Luftfrachtgut benutzt wurde. Die meisten anderen Linien hatten ihre eigenen Varianten des Igloosystems.
Fracht-Igloos waren selbständige Behälter, die so konstruiert waren, daß sie in den Rumpf eines Düsenflugzeugs paßten. Jeder Igloo wurde im voraus mit Frachtgut von angepaßter Form und Größe beladen und konnte innerhalb von Minuten auf Rumpfhöhe gehoben und in der Maschine verstaut werden. Anders als bei den herkömmlichen Personenflugzeugen war das Innere eines Düsenfrachtflugzeugs gewöhnlich eine leere Schale. Wenn heutzutage ein reines Frachtflugzeug auf dem Flughafen landete, wurden die im Flugzeug befindlichen Igloos ausgeladen und neue eingeladen. Mit einem Minimum an Zeit und Arbeit konnte eine ganze Düsenmaschine im Nu entladen, neu beladen und für den Abflug wieder bereit sein.
»Menschen-Container« würden eine Abwandlung der gleichen Idee sein, und Mel hatte Zeichnungen der jetzt bereits in Planung befindlichen Type gesehen. Sie sollten kleine komfortable, mit Sitzplätzen versehene Abteile enthalten, die die Passagiere an einer Kontrollstelle des Flughafens besteigen würden, und die sodann auf Zubringerbändern — ähnlich den heutigen Gepäcktransportbändern — auf eine Rampe hinaufgeschwungen wurden. Während die Insassen sitzen blieben, würden diese Container in eine Maschine geschoben, die erst einige Minuten vorher angekommen war, aber bereits andere Menschen-Container mit ankommenden Passagieren gelöscht hatte.
Und das alles würde kommen, dachte sich Mel Bakersfeld. Oder wenn nicht das, dann doch etwas Ähnliches, und zwar bald. Faszinierend war für alle, die in der Luftfahrt arbeiteten, das Tempo, mit dem phantastische Träume Wirklichkeit wurden.
Plötzlich unterbrach ein Ruf aus dem Menschengewühl unten seine Gedanken.
»Hallo, Bakersfeld! Hallo, da oben!«
Mel suchte nach dem Ursprung der Stimme. Ihn festzustellen wurde aber durch die Tatsache erschwert, daß etwa fünfzig Köpfe, deren Besitzer neugierig waren, wer da gerufen wurde, gleichzeitig in die Höhe gingen. Einen Moment später identifizierte er den Rufer. Es war Egan Jeffers, ein langer, magerer Neger in hellbraunen Slaks und kurzärmeligem Hemd. Ein sehniger brauner Arm gestikulierte heftig.
»Kommen Sie mal runter, Bakersfeld. Hören Sie? Sie bekommen jetzt Ärger.«
Mel lächelte. Jeffers, der vom Flughafen die Konzession für den Schuhputzstand hatte, war eins der Originale des Flughafens. Mit einem entwaffnenden breiten Grinsen auf dem naiven Gesicht konnte er die empörendsten Behauptungen aufstellen und kam damit auch irgendwie durch.
»Ja, was ist, Egan Jeffers? Wie wäre es, wenn Sie statt dessen raufkämen?«
Das Grinsen wurde noch breiter. »Ach Quatsch. Ich habe meinen Pachtvertrag, vergessen Sie das nicht.«
»Wenn ich das tue, werden Sie mir wohl die Bürgerrechtsgesetze unter die Nase halten?«
»Genau das, Bakersfeld. Jetzt schleppen Sie Ihr Hinterteil mal hier runter.«
»Und nehmen Sie auf meinem Flughafen Ihre Zunge etwas in acht.« Immer noch amüsiert, verließ Mel die Brüstung der Galerie und ging zum Personalaufzug. Unten in der Haupthalle wartete Jeffers.
Jeffers betrieb die Vier Schuhputzstände innerhalb des Flughafens. Unter den vielen Konzessionen war es nicht gerade eine der bedeutenden, denn die für Parkplätze, Restaurants und Zeitungsstände erzielten Einnahmen waren im Vergleich mit seinen astronomisch. Aber Egan Jeffers, ein ehemaliger Straßenschuhputzer, trat unverdrossen so auf, als ob er allein den Flughafen vor dem Konkurs bewahre.
»Wir haben einen Vertrag, ich und der Flughafen. Klar?«
»Klar.«
»Und in all dem verrückten Paragraphenkram heißt es, daß ich das ausschließliche Recht habe, in dieser Anlage Schuhe zu putzen. Aus-schließ-lich. Klar?«
»Klar.«
»Wie ich gesagt habe, Mann, Sie kriegen Ärger. Kommen Sie mit, Bakersfeld.«
Sie durchquerten das Menschengewimmel zu einer Rolltreppe, die zur unteren Etage führte. Jeffers nahm sie mit langen Schritten, immer zwei Stufen auf einmal. Im Vorübergehen winkte er verschiedenen Leuten freundlich zu. Weniger athletisch und auf seinen lädierten Fuß Rücksicht nehmend, folgte ihm Mel.