Am Ende der Rolltreppe, in der Nähe der Stände der Leihwagenfirmen Hertz, Avis und National, gestikulierte Egan Jeffers. »Da ist es, Bakersfeld. Sehen Sie, da! Schnappen mir die Schuhputzerei vor der Nase weg, mir und den Jungens, die für mich arbeiten.«
Mel inspizierte den Anlaß zur Klage. Auf dem Schaltertisch der Avis verkündete ein knalliges Reklameschild:
»Einmal Schuhputzen während Sie warten Wir empfehlen uns Kundendienst ist alles«
Darunter befand sich auf Bodenhöhe eine rotierende Schuhputzmaschine, so aufgebaut, daß jeder, der vor dem Schalter stand, das tun konnte, was das Schild versprach.
Mel war amüsiert, mußte aber Egan Jeffers und seiner Beschwerde recht geben. Spaß beiseite: Jeffers war im Recht. Sein Vertrag besagte, daß niemand außer ihm im Flughafen Schuhe putzen durfte, ebensowenig, wie Jeffers Autos vermieten oder Zeitungen verkaufen dürfte. Jeder Konzessionsinhaber genoß dieselben Rechte als Gegengabe für den erheblichen Anteil an seinen Einnahmen, den der Flughafen beanspruchte.
Während Jeffers ihn beobachtete, ging Mel zum Schalter des Autoverleihs hinüber. Er befragte seine Alarmliste — ein Büchlein mit den privaten Telefonnummern des gehobenen Flughafenpersonals. Ja, der Avisdirektor stand drin. Das Mädchen hinter dem Schalter setzte ein automatisches Lächeln auf, als er sich näherte. Mel sagte: »Lassen Sie mich mal telefonieren.«
Sie protestierte: »Sir, das ist kein öffentliches . . .«
»Ich bin der Direktor des Flughafens.« Mel reichte hinüber, ergriff den Hörer und wählte. Daß er in seinem eigenen Flughafen nicht erkannt wurde, war eine häufig gemachte Erfahrung. Der größte Teil seiner Arbeit spielte sich hinter den Kulissen ab, fern von dem öffentlichen Teil, so daß viele, die dort arbeiteten, ihn nur selten zu Gesicht bekamen.
Während er auf das Rufzeichen lauschte, wünschte er sich, daß andere Probleme sich ebenso schnell und leicht lösen lassen würden wie das hier vorliegende.
Er mußte ein Dutzend Rufzeichen abwarten, und dann dauerte es noch ein paar Minuten, bis die Stimme des Direktors der Avis sich meldete: »Hier Ken Kingsley.«
»Wenn ich nun einen Wagen gebraucht hätte?« fragte Mel, nachdem er sich gemeldet hatte. »Wo stecken Sie denn nur?«
»Hab mit der Eisenbahn meines Jungen gespielt. Das lenkt meine Gedanken von Autos ab — und von Leuten, die mich derentwegen anrufen.«
»Muß großartig sein, einen Jungen zu haben«, sagte Mel. »Ich hab bloß Mädchen. Ist Ihr Junge technisch begabt?« .
»Ein Genie von acht Jahren. Wenn Sie mal jemand brauchen, um Ihnen bei der Leitung Ihres Spielzeugflughafens zu helfen, lassen Sie es mich nur wissen.«
»Ja, das werde ich, Ken.« Mel winkte zu Egan Jeffers hinüber. »Da ist aber etwas, das er jetzt schon tun könnte: sich zu Hause eine Schuhputzmaschine aufbauen. Ich weiß zufällig, wo gerade eine überflüssig ist. Sie doch wohl auch?«
Es folgte eine Stille. Dann seufzte der Direktor der Avis auf. »Warum wollt Ihr Burschen immer eine kleine ehrliche Maßnahme zur Umsatzförderung abdrosseln?«
»In erster Linie, weil wir gemein und rachsüchtig sind. Erinnern Sie sich an die Vertragsbestimmungen? Jede Veränderung in Ausstattung und Werbung muß vorher die Billigung der Flughafenleitung haben, und dann die Klausel über Nichtschädigung der Geschäftsbetriebe anderer Pächter.«
»Ah, ich verstehe«, sagte Kingsley. »Egan Jeffers hat sich aufgeblasen.«
»Sagen wir mal, er ist nicht himmelhoch begeistert.«
»Okay, Sie haben recht. Werd' meinen Leuten sagen, sie sollen das verdammte Ding da wegtun. Hat's große Eile?
»Nicht so schlimm. Irgendwann in der nächsten halben Stunde genügt es.«
»Sie Schuft.«
Aber Mel konnte den Avismann kichern hören, als er auflegte.
Egan Jeffers nickte beifällig, immer noch mit seinem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Mel brütete: Ich bin der nette Flughafenclown, ich mache sie alle glücklich und zufrieden. Er wünschte nur, er könnte das gleiche für sich selber tun.
»Das haben Sie prima gemacht, Bakersfeld«, sagte Jeffers. »Bleiben Sie am Ball, damit's nicht wieder passiert.« Mit zielbewußten Schritten, immer noch grinsend, strebte er zur Rolltreppe nach oben.
Mel folgte langsamer. In der Haupthalle drängte sich vor den Ständen der Trans America eine Menschenmenge um zwei Schalter mit den Schildern:
»Sonderschalter
Flug Zwei — The Golden Argosy
Nonstop Rom«
In der Nähe sprach Tanya Livingston lebhaft mit einer Gruppe von Passagieren. Sie gab Mel ein Zeichen und kam einige Augenblicke später zu ihm.
»Ich darf nicht stehenbleiben. Das ist wie im Irrenhaus hier. Ich dachte, Sie wollten in die Stadt fahren?«
»Habe es mir anders überlegt«, antwortete Mel. »Aber ich dachte, Sie würden für heute Schluß machen.«
»Der Bezirksverkehrsleiter bat mich zu bleiben. Wir versuchen, >The Golden Argosy< pünktlich wegzukriegen. Es wäre eine Prestigefrage, heißt es, aber ich habe den Verdacht, der wahre Grund ist, daß Demerest es nicht gern hat, wenn man ihn warten läßt.«
»Sie lassen sich von Vorurteilen verleiten.« Mel grinste. »Aber manchmal tue ich das auch.«
Tanya wies auf ein etwas erhöhtes Podium, das einige Meter entfernt stand und dessen Schaltertheke ringsherum lief. »Darum hat sich ja wohl alles bei dem großen Streit mit Ihrem Schwager gedreht, und deshalb ist Kapitän Demerest so böse auf Sie, nicht wahr?«
Tanya hatte auf den Flugreiseversicherungsstand gewiesen. Ein Dutzend oder mehr Leute standen vor dem runden Schalter. Die meisten von ihnen verlangten Antragsformulare für Flugreiseversicherungen. Hinter der Schaltertheke standen zwei attraktive Mädchen, von denen die eine auffallend blond und vollbusig war. Sie schrieben eifrig Policen aus.
»Ja«, gab Mel zu, »das war unsere größte Auseinandersetzung — wenigstens in letzter Zeit. Vernon und der Pilotenverband sind der Meinung, wir sollten Versicherungsschalter und Automaten für Versicherungspolicen auf Flughäfen abschaffen. Der Meinung bin ich nicht. Wir beide hatten deswegen vor dem Verwaltungsrat des Flughafens eine scharfe Auseinandersetzung. Was Vernon nicht gepaßt hat und was ihm immer noch nicht paßt, ist, daß ich gewonnen habe.«
»Das habe ich gehört.« Tanya sah Mel forschend an. »Manche von uns sind auch nicht Ihrer Meinung. In diesem Fall glauben wir, daß Kapitän Demerest recht hat.«
Mel schüttelte den Kopf. »Dann müssen wir eben verschiedener Meinung bleiben. Ich habe mich sehr viel mit der Frage beschäftigt. Vernons Argumente sind einfach unsinnig.«
Sie waren — nach Mels Ansicht — schon damals unsinnig gewesen, vor einem Monat, als Vernon Demerest auf einer Verwaltungsratssitzung des Lincoln International Airport erschien. Vernon war namens des Pilotenverbandes aufgetreten, der eine Kampagne dafür führte, den Verkauf von Versicherungen überall auf den Flughäfen zu verbieten.
Mel erinnerte sich deutlich an alle Einzelheiten der Sitzung.
Es war eine reguläre Versammlung des Verwaltungsrates des Flughafens an einem Mittwochmorgen im Sitzungssaal des Flughafens. Alle fünf Mitglieder des Rates waren anwesend: Mrs. Ackerman, eine attraktive dunkelhaarige Hausfrau, die dem Gerücht nach die Geliebte des Bürgermeisters war — daher ihre Ernennung —, und vier männliche Kollegen — ein Universitätsprofessor, der den Vorsitz hatte, zwei Geschäftsleute aus der Stadt und ein Gewerkschaftsfunktionär im Ruhestand.
Der Tagungsraum war ein mahagonigetäfeltes Zimmer im Verwaltungstrakt des Hauptgebäudes. Am einen Ende saßen auf einem Podium die Mitglieder des Verwaltungsrates auf bequemen Lederstühlen hinter einem schönen ovalen Tisch. Etwas tiefer stand ein bescheidener Tisch, an dem Mel Bakersfeld, umgeben von seinen Abteilungsleitern, präsidierte. Längsseits stand ein Pressetisch, und im Hintergrund befanden sich Plätze für das Publikum, da die Sitzungen nominell öffentlich waren. Der Teil für das Publikum war nur selten besetzt.