Der einzige Außenseiter bei der Sitzung war an diesem Tag Kapitän Vernon Demerest in seiner eleganten Trans America-Uniform, deren vier goldene Ärmelstreifen, die seinen Rang bezeich-neten, unter dem Oberlicht funkelten. Er saß abwartend in dem für das Publikum bestimmten Teil und hatte Bücher und Papiere auf zwei Stühlen neben sich ausgebreitet. In entgegenkommender Weise entschloß sich der Verwaltungsrat, vor der regulären Tagesordnung zuerst Kapitän Demerest anzuhören.
Demerest erhob sich. Er sprach vor dem Verwaltungsrat mit seiner gewohnten Selbstsicherheit und zog nur gelegentlich seine Notizen zu Hilfe. Er sei im Namen des Pilotenverbandes erschienen, erklärte er, bei dem er Vorsitzender der Ortsgruppe sei. Gleichwohl seien die Ansichten, die er erläutern werde, auch seine eigenen und würden von den meisten Piloten aller Linien geteilt.
Die Mitglieder des Verwaltungsrats lehnten sich in ihren bequemen Kippstühlen zurück, um ihn anzuhören.
Der Verkauf von Flugversicherungen, begann Demerest, sei ein lächerliches, archaisches Überbleibsel aus früheren Tagen des Luftverkehrs. Allein schon die Anwesenheit von Versicherungsschaltern und -automaten und ihre auffällige Plazierung auf den Flughäfen sei für das kommerzielle Flugwesen eine Beleidigung, das im Verhältnis zu den zurückgelegten Strecken eine höhere Sicherheitsquote habe als irgendeine andere Form der Beförderung.
Würden einem Reisenden auf einem Bahnhof oder einem Busdepot, oder wenn er an Bord eines Schiffs ginge, oder wenn er im eigenen Wagen aus einem Parkhaus abfuhr, spezielle Lebens- oder Unfallversicherungen mit sanftem Kaufzwang unter die Nase gehalten? Natürlich nicht.
Warum dann bei der Luftfahrt?
Demerest beantwortete seine Frage selbst. Der Grund sei, erklärte er, daß die Versicherungsgesellschaften eine Goldader erkannten, wenn sie eine vor sich sähen, und sich um die Folgen nicht kümmerten. Die Verkehrsfliegerei sei noch so neu, daß sie für viele Menschen als gefährlich gelte, trotz der nachweisbaren Tatsache, daß der Mensch in einem kommerziellen Flugzeug sicherer ist als bei sich zu Hause. Das angeborene Mißtrauen gegen das Fliegen werde durch die äußerst seltenen Flugzeugunglücke vergrößert. Der Schock wirkte dramatisch und verdunkelte die Tatsache, daß weit mehr Todesfälle und Verletzungen bei anderen, vertrauteren Verkehrsmitteln vorkämen.
Die Wahrheit über die Sicherheit des Fliegens, stellte Demerest fest, werde von den Versicherungsgesellschaften selbst bestätigt. Piloten, die dem Luftverkehr ja in viel höherem Grade ausgesetzt seien als Fluggäste, könnten normale Lebensversicherungen zu den üblichen Prämien abschließen und durch Sonderabmachungen mit ihrem Berufsverband sogar noch billiger als das sonstige Publikum.
Doch andere Versicherungsgesellschaften führen, durch geldgierige Flughafenleitungen gefördert und von fügsamen Fluggesellschaften geduldet, fort, Angst und Leichtgläubigkeit der Fluggäste auszubeuten.
Mel auf seinem Platz am Tisch der Flughafenleitung mußte im stillen zugeben, daß sein Schwager eine einleuchtende Darstellung bot, wenn auch die Bezeichnung »geldgierige Flughafenleitungen« unklug war. Die Bemerkung hatte bei mehreren Mitgliedern des Verwaltungsrates, darunter bei Mrs. Ackermann, Stirnrunzeln hervorgerufen.
Vernon Demerest schien es nicht zu bemerken. »Und nun, meine Dame und meine Herren, zu dem bedeutendsten, dem entscheidenden Punkt.«
Dieser sei, erklärte er, die sehr reale Gefahr für jeden Passagier und das gesamte fliegende Personal, den das unverantwortliche, beiläufige Verkaufen von Versicherungspolicen an Schaltern im Flughafen und durch Automaten verursache . . . »Policen, die Riesensummen, Vermögen, als Rückzahlung für nur einige Dollar Prämie versprechen.«
Demerest fuhr hitzig fort: »Das System — wenn man soweit gehen will, einen schlechten Dienst an der Öffentlichkeit mit diesem Namen zu verherrlichen, und die wenigen Piloten tun es — stellt eine in Gold gefaßte offene Aufforderung an Wahnsinnige und Verbrecher zur Sabotage und zum Massenmord dar. Sie können die primitivste Absicht haben: ihre persönliche Bereicherung oder die der von ihnen Begünstigten.
»Herr Kapitän!« Mrs. Ackermann, die Frau unter den Mitgliedern im Verwaltungsrat, beugte sich in ihrem Stuhl vor. Ihrer Stimme und ihrem Ausdruck merkte Mel an, daß die Bemerkung »geldgierige Flughafenleitungen« sie gereizt hatte. »Herr Kapitän, wir hören soviel von Ihren Meinungen. Haben Sie auch irgendwelche Fakten, um das alles zu unterstützen?«
»Gewiß, gnädige Frau. Es gibt viele Fakten.«
Vernon Demerest hatte seine Sache gründlich vorbereitet. Mit Hilfe von Tabellen und Diagrammen legte er dar, daß Unfälle während des Flugs, durch Bomben oder andere Gewaltakte, durchschnittlich anderthalb pro Jahr betrugen. Die Motive variierten, aber eine stets vorherrschende Ursache sei finanzielle Bereicherung durch Flugversicherung. Darüber hinaus habe es Bombenanschläge gegeben, die entweder nicht gelangen oder verhindert wurden, und andere Unfälle, bei denen Sabotage vermutet, aber nicht nachgewiesen wurde.
Er nannte klassische Vorfälle: Canadian Pacific Airlines, 1949 und 1965; Western Airlines, 1957; National Airlines, 1960, und ein Verdacht auf Sabotage, 1959; zwei Mexican Airlines, 1952 und 1953; Venezuelan Airlines, 1960; Continental Airlines, 1962; Pa-cific Air Lines, 1964; United Air Lines, 1950 und 1955, und ein Verdacht auf Sabotage, 1965. Bei neun dieser dreizehn Vorfälle waren alle Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen.
Es stimme selbstverständlich: wenn Sabotage festgestellt worden sei, sei jede Versicherungspolice, die von den daran Beteiligten abgeschlossen worden war, automatisch für ungültig erklärt worden. Kurz: Sabotage mache sich nicht bezahlt, und normale, einsichtige Menschen wüßten das. Sie wüßten auch, daß selbst nach einem Unglück, bei dem es keine Überlebenden gab, das Wrack aber gefunden wurde, festgestellt werden konnte, ob eine Explosion stattgefunden hatte, und in der Regel, wodurch sie entstanden war.
Aber das seien ja keine normalen Menschen, erinnerte Demerest den Verwaltungsrat, die Bombenattentate oder brutale Gewaltakte begingen. Es seien Anomale, Psychopathen, verbrecherische Geisteskranke, gewissenlose Massenmörder. Menschen dieser Sorte seien selten einsichtig, und selbst wenn sie es wären, hätten Psychopathen die Eigenschaft, nur das wahrzunehmen, was ihnen genehm sei, und die Fakten dem anzupassen, was sie gern glauben wollten.
Mrs. Ackerman machte hier wieder eine Zwischenbemerkung; diesmal war ihre Feindseligkeit gegenüber Demerest unverkennbar: »Ich weiß nicht, ob einer von uns, selbst Sie, Herr Kapitän, qualifiziert ist, darüber zu diskutieren, was im Hirn von Psychopathen vor sich geht.«
»Ich habe doch nicht darüber diskutiert«, widersprach Demerest ungeduldig. »Auf jeden Fall ist das auch nicht der entscheidende Punkt.«
»Entschuldigen Sie, Sie haben darüber diskutiert. Und ich finde zufällig, daß es doch der entscheidende Punkt ist.«
Vernon Demerest stieg das Blut zu Kopf. Er war daran gewöhnt, zu befehlen, und nicht daran, verhört zu werden. Sein Temperament, das ohnehin leicht reizbar war, ging mit ihm durch. »Madam, sind Sie von Haus aus so einfältig, oder geben Sie sich bewußt so beschränkt?«
Der Vorsitzende klopfte scharf mit seinem Hammer, und Mel mußte sich eisern das Lachen verbeißen.
Na, dachte Mel, jetzt könnten wir eigentlich damit Schluß machen. Vernon sollte sich ans Fliegen halten, davon versteht er was, und die Diplomatie meiden, in der er eben ausgerutscht ist. Die Aussichten, daß der Verwaltungsrat irgend etwas von dem tun würde, was Kapitän Demerest wollte, waren im Augenblick gleich Null — es sei denn, Mel half Demerest aus der Patsche. Einen Augenblick überlegte er, ob er das tun solle. Er vermutete, Demerest habe gemerkt, daß er zu weit gegangen sei. Jedenfalls war es nicht zu spät, dem, was eben passiert war, eine heitere Wendung zu geben, über die alle lachen konnten, einschließlich Mildred Ackerman. Mel hatte Geschick für derlei Sachen, verstand es, Differenzen auszugleichen und dabei beiden Seiten zu helfen ihr Gesicht zu wahren. Er wußte auch, daß er bei Millie Ackerman einen Stein im Brett hatte, sie kamen gut miteinander aus, und stets hörte sie aufmerksam auf alles, was er sagte.