Dann sagte er sich: Ach, zum Teufel damit. Er bezweifelte, ob sein Schwager im umgekehrten Fall für ihn das gleiche tun würde. Sollte Vernon doch mit seinem verfahrenen Karren allein fertig werden. Jedenfalls würde Mel in wenigen Minuten auch das Seine zu sagen haben.
»Kapitän Demerest«, sagte der Vorsitzende kühl, »die letzte Bemerkung war nicht am Platze und ungehörig; Sie werden sie bitte zurücknehmen.«
Demerests Züge waren noch erregt. Einen Augenblick zögerte er, dann nickte er.
»Also gut, ich nehme es zurück.« Er blickte flüchtig zu Mrs. Ackerman hinüber. »Ich bitte die Dame um Entschuldigung. Vielleicht kann sie verstehen, daß dies ein Thema ist, das mir, ebenso wie dem größten Teil des Flugpersonals, sehr am Herzen liegt. Wenn es irgend etwas gibt, das mir so klar vorkommt . . .« Er ließ den Satz unvollendet.
Mrs. Ackermans Augen funkelten. Die Entschuldigung in dieser Form war schlecht angekommen, dachte Mel. Nun war es zu spät, öl auf die Wogen zu gießen, selbst wenn er es gewollt hätte.
Ein anderes Mitglied des Verwaltungsrates fragte: »Kapitän Demerest, was wollen Sie nun wirklich von uns?«
Demerest trat einen Schritt vor. Seine Stimme bekam einen beschwörenden Ton. »Ich appelliere dringend an Sie, Versicherungsautomaten und den Abschluß von Versicherungen am Schalter auf diesem Flughafen abzuschaffen, sowie für die Zukunft fest zuzusagen, daß Sie es ablehnen werden, je wieder Raum für besagten Zweck zu vermieten.«
»Sie möchten den Verkauf von Versicherungen völlig abschaffen?«
»Auf Flughäfen — jawohl. Ich darf mitteilen, meine Dame und meine Herren, daß der Pilotenverband andere Flughäfen drängt, dasselbe zu tun. Wir richten auch eine Eingabe an den Kongreß, Gesetze zu verabschieden, die den Verkauf von Versicherungen auf Flughäfen verbieten.«
»Aber was für einen Sinn hätte es, das für die Vereinigten Staaten zu tun, da doch der Flugverkehr international ist?«
Demerest lächelte ein wenig. »Diese Kampagne ist ebenfalls international.«
»Wieso international?«
»Wir haben die aktive Unterstützung der Pilotenvereinigungen in achtundvierzig anderen Ländern. Die Mehrzahl ist der Meinung, wenn in Nordamerika entweder die Vereinigten Staaten oder Kanada ein Beispiel gäben, würden andere folgen.«
Das gleiche Mitglied meinte skeptisch: »Ich finde, Sie alle versprechen sich ein bißchen viel.«
»Auf jeden Fall«, warf der Vorsitzende ein, »hat das Publikum doch das Recht, Flugreiseversicherungen abzuschließen, wenn es das will.«
Demerest nickte zustimmend. »Selbstverständlich. Dagegen hat auch niemand etwas.«
»Doch, Sie.« Das war wieder Mrs. Ackerman.
Um Demerests Mund spannten sich die Muskeln. »Gnädige Frau, jeder kann jede Reiseversicherung abschließen, die er haben will. Er braucht sich nur rechtzeitig die Mühe zu machen, in eine Versicherungsagentur oder ein Reisebüro zu gehen.« Mit einem Blick streifte er die anderen Mitglieder des Verwaltungsrats. »Heutzutage haben sehr viele Leute eine allgemeine Reiseunfallversicherung. Damit können sie auf jede Reise gehen, die sie machen wollen, und sind ständig versichert. Dafür bieten sich zahlreiche Möglichkeiten. Zum Beispiel die großen Reisekreditunternehmen — Diners, American Express, Carte Blanche —, die allen ihren Kreditkarteninhabern Dauerreiseversicherungen anbieten. Sie können jedes Jahr automatisch verlängert und bezahlt werden.«
Die meisten reisenden Geschäftsleute, argumentierte Demerest, besäßen wenigstens eine der genannten Kreditkarten, und somit bedeute eine Abschaffung der Versicherungen auf den Flughäfen für die Geschäftsleute keine Härte oder Unbequemlichkeit.
»Und für alle diese Pauschalpolicen sind die Prämien niedrig. Das weiß ich, weil ich selbst eine solche Versicherung abgeschlossen habe.«
Nach einer kurzen Pause fuhr Vernon Demerest fort: »Das wichtigste bei all diesen Versicherungen ist aber, daß sie ordnungsgemäß bearbeitet werden. Die Anträge werden von erfahrenen Mitarbeitern entgegengenommen und geprüft. Zwischen Antrag und Aushändigung einer Versicherungspolice vergeht mindestens ein Tag. Aus diesem Grund sind die Chancen weit größer, einen Psychopathen, einen Geistesgestörten oder einen aus dem Gleichgewicht Geratenen festzustellen und nach seinen Absichten zu forschen. Und noch etwas ist zu bedenken: Ein Kranker oder psychisch Gestörter handelt impulsiv. Und gerade bei Flugversicherungen kommt die schnelle und vorbehaltlose Methode, durch Automaten oder an Schaltern Versicherungspolicen auszugeben, diesen Impulsen entgegen.«
»Ich glaube, wir haben inzwischen alle begriffen, worauf Sie hinauswollen«, wandte der Vorsitzende scharf ein. »Sie beginnen sich zu wiederholen, Kapitän Demerest.«
Mrs. Ackerman nickte. »Ganz meiner Meinung. Ich persönlich möchte aber auch gern hören, was Mr. Bakersfeld dazu zu sagen hat.« Die Augen der Mitglieder gingen zu Mel hinüber. »Jawohl«, bestätigte er, »ich habe einige Bemerkungen zu machen. Aber ich möchte lieber warten, bis Kapitän Demerest völlig zu Ende gekommen ist.«
»Er ist zu Ende«, sagte Mildred Ackerman. »Das haben wir gerade festgestellt.«
Ein anderes Mitglied des Verwaltungsrates lachte, und der Vorsitzende klopfte mit dem Hammer. »Ja, ich glaube wirklich . . . Bitte, Mr. Bakersfeld.«
Mel erhob sich. Vernon Demerest kehrte wütend auf seinen Platz zurück.
»Ich möchte von vornherein klarstellen«, begann Mel, »daß ich in fast allem, was Kapitän Demerest vorgebracht hat, entgegengesetzter Meinung bin. Vielleicht könnte man das eine Art Familienstreitigkeit nennen.«
Die Anwesenden, die Mels Verwandtschaftsverhältnis mit Ver-non Demerest kannten, lächelten, und schon lockerte sich, wie Mel wohl spürte, die gerade eben noch herrschende Spannung. Er war an solche Sitzungen gewöhnt und wußte, daß es immer das beste war, sich ungezwungen zu geben. Vernon hätte das auch herausfinden können — hätte er sich nur die Mühe gemacht, sich zu erkundigen.
»Da gibt es verschiedene Punkte, über die man nachdenken sollte«, fuhr Mel fort. »Als erstes wollen wir die Tatsache ins Auge fassen, daß die meisten Menschen eine angeborene Angst vor dem Fliegen haben, und ich bin überzeugt, daß es diese Angst immer geben wird, gleichgültig, wie große Fortschritte wir machen und wie sehr wir unsere Betriebssicherheit steigern. Der einzige Punkt, in dem ich zufällig mit Kapitän Demerest übereinstimme, ist der, daß unsere Betriebssicherheit schon jetzt ausgezeichnet ist.«
Wegen dieser angeborenen Angst, fuhr er fort, fühlen sich nun viele Passagiere durch Flugversicherungen beruhigt und sicherer. Die Leute wünschen sie. Sie wollen sie auch auf Flughäfen abschließen können, eine Tatsache, die durch den enormen Umsatz durch Automaten und Versicherungsschalter auf Flughäfen bewiesen werde. Es sei eine Frage der Freiheit, daß Fluggäste das Recht und die Möglichkeit hätten, Versicherungen abzuschließen oder nicht. Was einen vorherigen Abschluß von Versicherungen angehe, so sei es doch einfach eine Tatsache, daß Menschen dergleichen meistens vergäßen. Außerdem, fügte Mel hinzu, wenn Flugversicherungen auf diese Weise abgeschlossen würden, ginge ein Großteil der Einnahmen der Flughäfen — auch für Lincoln International — verloren. Bei der Bemerkung über Flughafeneinnahmen lächelte Mel. Die Verwaltungsräte lächelten ebenfalls.