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»Doch, verdammt noch mal, ich nehme es übel«, antwortete Demerest. Der Höhepunkt seines Ärgers war zwar überschritten, aber seine Augen waren hart.

Die Mitglieder des Verwaltungsrats kamen nacheinander aus dem Beratungszimmer und sahen die beiden neugierig an. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Lunch. In wenigen Augenblicken würde Mel sich ihnen anschließen.

Verächtlich sagte Demerest: »Menschen wie du haben es ja leicht — bodenverhaftet, an den Schreibtisch gebunden, mit einem Spatzenhirn. Wenn du so viel in der Luft wärest wie ich, hättest du andere Ansichten.«

Mel sagte scharf: »Ich habe nicht immer an einem Schreibtisch gesessen.«

»Ach, komm, um Himmels willen, nicht mit dem >Helden der Luft Stußc. Jetzt bist du auf Höhe Null Komma Null. Das erkennt man daran, wie du jetzt denkst. Wenn du es nicht wärst, würdest du die Versicherungsgeschichte ebenso betrachten wie jeder Pilot mit etwas Selbstachtung.«

»Meinst du wirklich Selbstachtung und nicht Selbstanbetung?« Wenn Vernon einen Wortstreit haben wollte, fand Mel, nur zu, das konnte er ihm bieten. Jetzt war niemand in Hörweite. »Das Schlimme bei den meisten von euch Piloten ist, daß ihr euch so daran gewöhnt habt, euch als Halbgötter und Herren der Wolken zu fühlen, daß ihr euch einredet, eure Gehirne seien gleichfalls etwas Wunderbares. Also, abgesehen von ein paar spezialisierten Gebieten sind sie es nicht. Manchmal denke ich, der Rest hat bei dir unter dem zu langen Sitzen in der verdünnten Luft oben gelitten, während die Selbststeuerung die Arbeit tut. Und wenn jemand mit einer ehrlichen Meinung auftaucht, die zufällig eurer entgegensteht, dann benehmt ihr euch wie verzogene Kinder.«

»Ich will diesen Unsinn überhören«, antwortete Demerest. »Wenn aber hier jemand kindisch ist, dann bist gerade du es. Mehr noch, du bist unehrlich.«

»Also, hör mal, Vernon . . .«

»Eine ehrliche Meinung, hast du gesagt.« Demerest schnaufte leicht angeekelt. »Ehrliche Meinung: Holzauge sei wachsam! Da drinnen hast du ein >Merkblatt< einer Versicherungsgesellschaft benutzt. Daraus hast du abgelesen! Ich konnte es von meinem Platz aus sehen und habe es erkannt, weil ich das gleiche habe.« Er zeigte auf den Stoß von Papieren und Büchern, den er trug. »Du hast nicht mal den Anstand besessen, oder dir die Mühe gemacht, dir selbst deine Unterlagen auszuarbeiten.«

Mel errötete. Sein Schwager hatte ihn erwischt. Er hätte seine eigenen Unterlagen vorbereiten oder wenigstens die Notizen der Versicherungsgesellschaft überarbeiten und abtippen lassen sollen. Gewiß, er hatte in den letzten Tagen vor der Sitzung mehr als sonst zu tun gehabt, aber das war keine Entschuldigung.

»Eines Tages wird es dir vielleicht leid tun«, sagte Vernon. »Wenn das der Fall sein wird, und ich bin in der Nähe, werde ich dich daran erinnern. Bis dahin halt ich es sehr gut aus, ohne dich öfter zu sehen, als unbedingt nötig.«

Ehe Mel etwas entgegnen konnte, hatte sein Schwager sich umgedreht und entfernt.

Als Tanya in der Haupthalle des Flughafens neben ihm stand, fragte Mel sich — wie schon ein paarmal seither —, ob er sich bei dem Krach mit Vernon nicht doch hätte mehr zusammennehmen sollen. Er hatte das unbehagliche Gefühl, sich schlecht benommen zu haben. Das schloß nicht aus, daß es bei Meinungsverschiedenheiten mit seinem Schwager blieb; auch jetzt sah Mel keinen Anlaß, seine Einstellung zu ändern. Aber er hätte freundlicher sein und Taktlosigkeiten vermeiden können, die zwar zu Vernon Demerests Charakterkostüm, aber nicht zu seinem eigenen gehörten.

Seit jedem Tag hatte keine Begegnung zwischen den beiden mehr stattgefunden; bei der Fastbegegnung in der Kaffeestube heute abend hatte Mel seinen Schwager zum erstenmal wieder zu Gesicht bekommen. Mel hatte zu seiner älteren Schwester Sarah nie ein enges Verhältnis gehabt, und sie besuchten sich selten. Doch früher oder später würden die Schwäger sich begegnen müssen, wenn nicht, um ihre Differenzen zu bereinigen, so doch um sie zu applanieren. Und Mel meinte, nach den scharfen Worten im Bericht der Schneekommission zu urteilen — die fraglos durch Vernons Gegnerschaft inspiriert worden waren —, je eher, desto besser.

»Ich hätte den Versicherungskram nicht erwähnt«, sagte Tanya, »wenn ich gewußt hätte, daß er Sie so weit von mir wegtreibt.«

Da diese Erinnerungen nur für ein paar Sekunden in ihm aufgestiegen waren, wunderte Mel sich wieder einmal über Tanyas Einfühlungsvermögen ihm gegenüber. Soweit er sich erinnern konnte, hatte noch nie jemand im gleichen Maß die Fähigkeit besessen, seine Gedanken zu erraten. Das sprach für eine instinktive Verbundenheit zwischen ihnen.

Er bemerkte, daß Tanya sein Gesicht beobachtete, bemerkte ihre zärtlichen, verständnisvollen Augen, doch auch die hinter der Zärtlichkeit liegende frauliche Kraft und Sinnlichkeit, die, wie er sich instinktiv sagte, zur Flamme auflodern konnte. Plötzlich wollte er, daß ihre Verbundenheit noch tiefer würde.

»Sie haben mich nicht weggetrieben«, antwortete Mel. »Sie haben mich näher zu sich gebracht. In diesem Augenblick brauche ich Sie sehr.« Als sich ihre Augen trafen, fügte er hinzu: »In jeder Weise.«

Tanya war offen wie immer. »Ich brauche Sie auch.« Sie lächelte ein wenig. »Das tue ich schon eine ganze Weile.«

Sein erster Gedanke war, aufzubrechen und zusammen einen stillen Ort zu suchen — Tanyas Apartment vielleicht — und auf die Folgen zu pfeifen! Dann besann sich Mel aber wieder darauf, daß er ja gar nicht fort konnte. Noch nicht.

»Wir wollen uns später treffen«, versprach er ihr. »Heute abend.

Ich weiß noch nicht, wie spät es werden wird, aber wir treffen uns auf jeden Fall. Gehen Sie nicht nach Hause ohne mich.« Er wollte die Arme ausstrecken, sie umfassen, festhalten und an sich drük-ken, aber der Betrieb in der Haupthalle wogte um sie herum.

Sie streckte den Arm aus und legte ihre Fingerspitzen leicht auf seine Hand. Die Berührung war wie ein elektrischer Schlag. »Ich warte«, sagte Tanya, »werde warten, solange Sie wollen.«

Einen Augenblick danach löste sie sich und war gleich darauf vom Gedränge der Passagiere vor den Schaltern der Trans America verschlungen.

6

Trotz der Bestimmtheit, die Cindy Bakersfeld in dem Gespräch mit Mel vor einer Stunde gezeigt hatte, war sie unsicher, was sie als nächstes tun sollte. Wenn nur jemand dagewesen wäre, auf dessen Rat sie hätte vertrauen können. Sollte sie noch zum Flughafen fahren oder nicht?

Allein und einsam inmitten der Cocktailparty der Förderer des Hilfsfonds für die Kinder von Archidona brütete Cindy unentschlossen über die zwei Wege, die sie einschlagen konnte. Während des größten Teils des Abends war sie bisher von einer Gruppe zur anderen gewandert, hatte angeregt geplaudert und Menschen getroffen, die sie kannte oder kennenlernen wollte. Aber aus irgendeinem Grund störte es sie heute abend — mehr als sonst —, daß sie keine Begleitung hatte. Seit ein paar Minuten stand sie jetzt, tief in Gedanken versunken, allein da.

Sie überlegte wieder: Ohne Begleitung an dem Abendessen teilzunehmen, das bald beginnen würde, hatte sie keine Lust. Einerseits konnte sie also nach Hause fahren; andererseits konnte sie Mel aufsuchen und einen Streit vom Zaun brechen.

Bei dem Telefongespräch hatte sie darauf bestanden, hinauszufahren und ihn zu stellen. Wenn sie aber fuhr, sagte sich Cindy, bedeutete das wahrscheinlich eine unwiderrufliche und endgültige Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden. Der gesunde Menschenverstand sagte ihr, früher oder später mußte diese Auseinandersetzung sowieso kommen, also je eher, desto besser; und im Zusammenhang damit gab es ja verschiedene Dinge, die geklärt werden mußten. Fünfzehn Ehejahre ließen sich nicht so einfach abschütteln wie eine entbehrliche Regenhaut. Ungeachtet vieler Mängel und Meinungsverschiedenheiten — und Cindy fielen eine Menge ein —, wenn zwei Menschen so lange miteinander lebten, gab es einige Bindungen, gefühlsmäßige und physische, die zu zerreißen schmerzlich war.