Selbst jetzt noch glaubte Cindy, ihre Ehe könne gerettet werden, wenn sie es beide ernsthaft versuchen. Die Frage war nur: Wollten sie das? Cindy war überzeugt, daß sie es wollte — wenn Mel sich einigen ihrer Bedingungen fügte, obwohl er sich bisher geweigert hatte, und sie bezweifelte sehr, daß er sich so ändern würde, wie sie es haben wollte. Doch ohne eine Änderung miteinander so weiterzuleben, wie sie es taten, war unerträglich. In letzter Zeit waren nicht einmal mehr die Tröstungen des Sex geblieben, die früher über mancherlei Mißhelligkeiten hinweggeholfen hatten. Auf diesem Gebiet war auch etwas falsch gelaufen, wenn Cindy sich auch nicht sicher war, was. Mel reizte sie körperlich immer noch; selbst jetzt noch genügte ein Gedanke an ihn in dieser Richtung, um sie zu entflammen, und im Augenblick spürte sie die Erregung im ganzen Körper. Wenn aber die Gelegenheit gegeben war, fühlten sie sich beide durch ihre psychische Kluft irgendwie gehemmt. Das Ergebnis — bei Cindy wenigstens — waren Enttäuschung, Wut und später eine solche sexuelle Gier, daß sie einfach einen Mann haben mußte. Irgendeinen Mann.
Sie stand immer noch allein in dem La-Salle-Salon der Lake Michigan Inn, wo heute abend der Presseempfang stattfand. Die Unterhaltung um sie her drehte sich meistens um den Schneesturm und die Schwierigkeiten für jeden, herzukommen; aber schließlich hatten sie es — im Gegensatz zu Mel, dachte Cindy — doch geschafft. Gelegentlich wurde auch Archidona erwähnt, was Cindy daran erinnerte, daß sie immer noch nicht herausbekommen hatte, welchem Archidona — dem in Ekuador oder dem in Spanien — zum Teufel mit dir, Mel Bakersfeld! Also gut, ich bin nicht so gescheit wie du — ihre Wohltätigkeit galt.
Ein Arm streifte den ihren, und eine Stimme fragte liebenswürdig: »Nichts zu trinken, Mrs. Bakersfeld? Darf ich Ihnen etwas holen?«
Cindy drehte sich um. Der Frager war ein Journalist namens Derek Eden, den sie flüchtig kannte. Sein Name erschien häufig über Artikeln in der Sun-Times. Wie viele seinesgleichen war er ungezwungen und selbstsicher und hatte einen Anflug von Nonchalance. Sie wußte, daß sie beide schon bei früheren Gelegenheiten voneinander Notiz genommen hatten.
»Ja, warum nicht?« antwortete Cindy. »Bourbon mit Wasser, aber seien Sie sparsam mit dem Wasser. Und bitte nennen Sie mich beim Vornamen, den wissen Sie ja wohl, denke ich.«
»Na klar, Cindy.« Die Augen des Journalisten waren voller Bewunderung und schätzten sie unverhohlen ab. Nun ja, dachte Cin-dy, warum nicht? Sie wußte, daß sie heute abend gut aussah; sie hatte sich gut angezogen und sorgfältig geschminkt.
»Ich bin gleich wieder da«, versicherte Derek Eden. »Laufen Sie mir also bitte nicht fort, nachdem ich Sie gerade erst gefunden habe.« Zielstrebig ging er in Richtung Bar.
Während sie wartete und die vielen Menschen im La-Salle-Salon überschaute, traf sich ihr Blick mit dem einer älteren Dame mit einem Blumenhut. Sofort lächelte Cindy herzlich, und die Dame nickte, aber ihr Blick ging weiter. Es war die Kolumnistin der Seite »Aus der Gesellschaft«. Neben ihr stand ein Fotograf, und sie bereiteten Aufnahmen vor, die wahrscheinlich morgen früh eine volle Seite in der Zeitung füllen würden. Die Frau im Blumenhut hatte mehrere der Wohltätigkeitslöwen samt deren Gäste zusammengetrommelt. Sie standen verbindlich lächelnd beieinander und versuchten, ganz ungezwungen auszusehen; in Wirklichkeit waren sie jedoch sehr geschmeichelt darüber, auserwählt worden zu sein. Cindy wußte, warum sie übergangen worden war: Allein war sie nicht wichtig genug, während sie es in Mels Begleitung gewesen wäre. Im gesellschaftlichen Leben der Stadt hatte Mel seinen Rang. Ärgerlich war nur, daß Mel auf das Gesellschaftliche pfiff.
Durch den Raum schössen die Blitzlichter des Fotografen; die Frau im Hut notierte sich Namen. Cindy hätte heulen mögen. An fast jeder Wohltätigkeitsveranstaltung beteiligte sie sich, arbeitete schwer, saß in den bescheidensten Komitees, leistete alltägliche Kleinarbeit, die gesellschaftlich prominentere Frauen ablehnten: und dann so übergangen zu werden!
Noch mal verflucht, Mel Bakersfeld! Verflucht der Sau-Schnee! Und zum Teufel mit dem anspruchsvollen, dreckigen, ehenzerstörenden Flughafen!
Der Journalist kam mit Cindys Drink und einem eigenen zurück. Während er sich seinen Weg durch den Raum bahnte, sah er, daß sie ihn beobachtete und lächelte. Er sah sehr selbstsicher aus. Wie Cindy die Männer kannte, rechnete dieser da sich jetzt wahrscheinlich aus, wie groß die Chancen wären, sie heute abend rumzukriegen. Reporter, nahm sie an, verstünden sich auf vernachlässigte, einsame Frauen.
Cindy stellte ihrerseits auch Überlegungen über Derek Eden an. Anfang Dreißig, dachte sie; alt genug, um etwas erlebt zu haben, jung genug, um noch das eine oder das andere dazuzulernen und in Fahrt zu kommen, so wie Cindy es gern hatte. Dem Aussehen nach körperlich gut in Form. Er würde rücksichtsvoll, vielleicht zärtlich sein; würde ebensowohl geben wie nehmen. Und er war verfügbar; schon bevor er die Drinks holen ging, hatte er das deutlich gemacht. Verständigung zwischen zwei etwas feinfühligen Menschen, die denselben Gedanken haben, dauert ja nicht lange.
Vor ein paar Minuten noch hatte sie die beiden Möglichkeiten, nach Hause oder zum Flughafen zu fahren, gegeneinander abgewogen. Jetzt schien es noch eine dritte zu geben.
»So, bitte schön.« Derek Eden reichte ihr den Drink. Sie besah ihn sich: Es war eine reichliche Menge Bourbon, und er hatte wohl dem Barmixer gesagt, nicht zu knausern. Wirklich — Männer waren doch zu plump!
»Danke schön.« Sie nippte und sah ihn über das Glas bin an.
Derek Eden setzte sein eigenes Glas an und lächelte. »Schrecklicher Lärm hier, nicht?«
Na, dachte Cindy, für einen Journalisten ist der Dialog reichlich unoriginell. Sie nahm an, es würde nun von ihr die Antwort Ja erwartet, und als nächstes würde dann folgen: Sollen wir nicht woandershingehen, wo esruhiger ist? Was dann noch kommen würde, ließ sich gleichfalls vorhersagen.
Cindy schob ihre Antwort auf und trank wieder einen Schluck Bourbon.
Sie überlegte. Natürlich, wenn Lionel in der Stadt wäre, würde sie sich nicht mit diesem Mann aufhalten. Doch Lionel, der sonst ihr Sturmanker war und wünschte, sie solle sich von Mel scheiden lassen, damit er selbst sie heiraten könne — Lionel war in Cincinatti (oder war es Columbus?) mit dem beschäftigt, was Architekten so tun, wenn sie auf Reisen sind, und würde erst in zehn Tagen zurück sein. Vielleicht sogar später.
Mel wußte nichts von Cindy und Lionel, wenigstens nichts Genaues, obwohl Cindy vermutete, Mel hätte sie im Verdacht, sich irgendwo im Hinterhalt einen Liebhaber zu halten. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, daß es Mel ziemlich gleichgültig sei. Das gab ihm einen Vorwand, sich auf den Flughafen zu konzentrieren und sie selbst völlig auszuschließen; dieser verdammte Flughafen war für ihre Ehe hundertmal schlimmer als eine Geliebte.
Nicht immer war das so gewesen.
Zu Anfang ihrer Ehe, gleich nachdem Mel die Navy verlassen hatte, war Cindy stolz auf seinen Ehrgeiz gewesen. Als Mel dann später die unteren Ränge in der Flughafenverwaltung so schnell hinter sich brachte, hatte sie sich über seine Beförderungen und neuen Berufungen gefreut. Mit Mels Aufstieg war auch Cindys Stellung gewachsen — besonders gesellschaftlich, und damals hatten sie fast jeden Abend gesellschaftliche Verpflichtungen wahrgenommen. In ihrer beider Interesse nahm Cindy Einladungen zu Cocktailparties, Privatdiners, Premieren, Wohltätigkeitsabenden an — und wenn zwei Veranstaltungen auf einen Abend fielen, suchte Cindy sachkundig die wichtigere aus und sagte die andere ab. Diese Art des gesellschaftlichen Verkehrs, wobei man wichtige Leute kennenlernte, war für einen im Aufstieg begriffenen jungen Mann wichtig. Selbst Mel sah das ein. Er machte alles mit, was Cindy verabredete, ohne sich zu beklagen.