Das Unglück war nur, merkte Cindy jetzt, daß sie und Mel auf lange Sicht ganz verschiedene Ziele hatten.
Mel betrachtete ihr gesellschaftliches Leben als Mittel, seine ehrgeizigen Berufspläne zu verwirklichen; seine Karriere war für ihn die Hauptsache, der gesellschaftliche Verkehr nur ein Weg dazu, auf den er schließlich hatte verzichten können. Cindy dagegen betrachtete Mels Karriere als Sprungbrett zu einem noch umfassenderen — und gehobenerem — Gesellschaftsleben. Wenn Cindy zurückblickte, dachte sie manchmal, wenn jeder von ihnen von Anfang an den Standpunkt des anderen besser verstanden hätte, wären sie vielleicht zu einer Einigung gekommen. Leider hatten sie das versäumt.
Ihre Differenzen begannen um die Zeit, als Mel neben seiner Stellung als Generaldirektor von Lincoln International auch noch zum Vorsitzenden des Verbandes der Flughafendirektoren gewählt worden war.
Als Cindy erfuhr, daß die Tätigkeit ihres Mannes und sein Einfluß jetzt bis nach Washington reichten, war sie überglücklich. Die dann folgenden Aufforderungen, ins Weiße Haus zu kommen, und seine Beziehung zu Präsident Kennedy ließen Cindy glauben, sie würden nunmehr in die Gesellschaft von Washington vordringen. In rosigen Tagträumen sah sie sich bereits mit Jackie oder Ethel oder Joan in Hyannis Port oder auf dem Rasen des Weißen Hauses wandeln — und fotografiert werden.
Dazu war es nicht gekommen, nicht im entferntesten. Mel und Cindy waren nicht in das Gesellschaftsleben Washingtons vorgedrungen, obwohl es ihnen ein leichtes gewesen wäre. Statt dessen begannen sie — auf Mels hartnäckige Forderung hin — manche Einladungen abzulehnen. Mel sagte sich, sein berufliches Ansehen sei nun so weit gefestigt, daß er sich nicht mehr darum zu sorgen brauche, gesellschaftlich »dazuzugehören«, einen Status zu erwerben, auf den er sowieso nie Wert gelegt hatte.
Als Cindy begriff, was vorging, explodierte sie, und es kam zu einem erstklassigen Krach. Auch das war ein Fehler. Mel fügte sich manchmal vernünftigen Überlegungen, doch Cindys Wut bewirkte gewöhnlich, daß er eigensinnig bis zur Dickköpfigkeit wurde. Ihre Auseinandersetzungen tobten eine ganze Woche lang, und je länger sie anhielten, desto zänkischer wurde Cindy und machte dadurch alles noch schlimmer. Zänkisch sein war eine von Cindys Schwächen, und sie wußte es. In der Regel gab sie sich Mühe, es nicht dazu kommen zu lassen, aber manchmal, wenn sie auf Mels Gleichgültigkeit stieß, ging ihr hitziges Temperament mit ihr durch — so wie bei dem Telefongespräch heute abend.
Nach dem eine Woche lang dauernden Streit, der nie wirklich endete, wurden ihre Krache immer häufiger. Sie hörten auch auf, sie vor den Kindern zu verheimlichen, was sowieso nicht möglich war. Zu ihrer beider Beschämung kündigte Roberta eines Tages an, sie würde nach der Schule künftig erst einmal zu einer Freundin gehen, »weil ich hier zu Hause meine Schularbeiten nicht machen kann, wenn ihr euch zankt«.
Schließlich bildete sich ein Schema heraus. An manchen Abenden begleitete Mel Cindy zu Veranstaltungen, an anderen Abenden blieb er um Stunden länger auf dem Flughafen und kam sehr spät nach Hause. Cindy, die sich sehr allein fühlte, konzentrierte sich auf das, was Mel spöttisch »Nachwuchs-Wohltätigkeit« und »alberne gesellschaftliche Klettertouren« nannte.
Schön, dachte Cindy, vielleicht sah es für Mel manchmal albern aus. Aber sie hatte sonst nichts, und so kam es, daß ihr dieser Wettstreit um die gesellschaftliche Stellung — was es ja in Wirklichkeit war — Spaß machte. Für einen Mann war es schließlich leicht, das zu kritisieren; Männern standen viele Möglichkeiten offen, ihre Zeit auszufüllen. Bei Mel waren es seine Karriere, sein Flughafen, seine Verantwortung. Und was sollte Cindy tun? Den ganzen Tag zu Hause sitzen und Staub wischen?
Über ihre Geistesgaben machte Cindy sich selbst nichts vor. Sie besaß keine große Intelligenz und wußte, daß sie sich in vieler Hinsicht mit Mel geistig nicht messen konnte. Das war aber doch nichts Neues. In der Anfangszeit ihrer Ehe hatte Mel ihre kleinen Torheiten immer amüsant gefunden, was er heute, wenn er sie verspottete — wie er es sich in letzter Zeit angewöhnt hatte —, ganz vergessen zu haben schien. Cindy war auch realistisch gegenüber ihrer früheren Karriere als Schauspielerin. Sie wäre niemals ein Star geworden, bei weitem nicht. Es stimmte, in der Vergangenheit hatte sie manchmal angedeutet, sie hätte es wohl geschafft, wenn ihre Heirat nicht ihre Karriere abgebrochen hätte. Aber das war lediglich eine Form von Selbstschutz, eine Notwendigkeit, andere — darunter auch Mel — daran zu erinnern, daß sie auch ein Mensch für sich war, nicht nur die Frau des Flughafendirektors. Im Inneren kannte Cindy die Wahrheit, daß sie als Schauspielerin kaum jemals über kleine Rollen hinausgekommen wäre.
Das Aufgehen im Gesellschaftsleben — das Sich-in-Szene-Set-zen in der lokalen Gesellschaft — war Cindys Element. Es gab ihr das Gefühl, eine Persönlichkeit zu sein und Format zu haben. Und wenn Mel auch spottete und nicht wahrhaben wollte, daß das, was Cindy erreicht hatte, eine Leistung war, so hatte sie es doch geschafft, aufzusteigen, von gesellschaftlich prominenten Leuten, mit denen sie sonst nicht zusammengetroffen wäre, für voll genommen zu werden und an Veranstaltungen, wie der heute abend, teilzunehmen . . . mit der einen Einschränkung, daß sie Mels Begleitung gebraucht hätte, Mel aber, der wie immer zuerst an seinen verfluchten Flughafen dachte, sie im Stich gelassen hatte.
Mel, der in so hohem Maß Individualität und Prestige besaß, hatte nie Verständnis für Cindys Bedürfnis aufgebracht, auch für sich selbst Anerkennung als Persönlichkeit zu finden. Sie zweifelte, ob ihm das je gelingen würde.
Trotz alledem war Cindy ihren Weg gegangen. Auch für die Zukunft hatte sie ihre Pläne, von denen sie wußte, daß sie einen ungeheuren häuslichen Kampf auslösen würden, wenn sie und Mel verheiratet blieben. Es war Cindys Ergeiz, ihre Töchter, Roberta und später auch Libby, als Debütantinnen für den Passavant-Ball anzumelden, diesen glänzenden Höhepunkt der Debütanten-Saison von Illinois. Als Mutter der Töchter würde ihre eigene gesellschaftliche Stellung an Ansehen gewinnen.
Diesen Gedanken hatte sie bei Gelegenheit einmal Mel gegenüber erwähnt, der ärgerlich reagiert hatte: »Nur über meine Leiche!« Debütantinnen mit ihren törichten, stupide lächelnden Müttern, belehrte er Cindy, gehörten vergangenen Zeiten an. Debütan-tinnen-Bälle — Gott sei Dank gebe es die ja nur noch selten — seien eine anachronistische Fortsetzung eines Snobismus und einer Klassengesellschaft, die das Land glücklicherweise überwunden habe, wenn auch — da es immer noch Leute gab, die so dachten wie Cindy — nicht gründlich genug. Mel wollte, die Kinder sollten in der Erkenntnis aufwachsen, daß sie nichts anderes waren als die anderen, nicht aber in der dünkelhaften, irregeleiteten Vorstellung, sie wären gesellschaftlich etwas Besseres. Und so fort.
Im Gegensatz zu sonst hatte Mel, dessen Grundsatzerklärungen in der Regel kurz und präzis waren, sich noch eine ganze Weile über das Thema ereifert.
Lionel dagegen war der Meinung, das sei ein guter Gedanke.
Lionel war Lionel Urquhart. Im Augenblick geisterte er in Form eines Fragezeichens durch Cindys Leben.
Seltsamerweise war es Mel, der Cindy und Lionel zusammengebracht hatte. Mel machte sie bei einem Essen der Stadtverwaltung miteinander bekannt, an dem Lionel teilnahm, weil er irgend etwas als Architekt für die Stadt geleistet hatte, und Mel, weil er Direktor des Flughafens war. Die beiden kannten sich seit Jahren flüchtig.
Später rief Lionel Cindy dann an, und sie trafen sich ein paarmal zu einem Frühstück oder einem Essen, dann häufiger, und schließlich kam es auch zur letzten Intimität zwischen Mann und Frau.