Im Gegensatz zu vielen, für die das außereheliche Liebesleben nichts Ungewöhnliches ist, hatte Lionel die Affäre äußerst ernst genommen. Er lebte allein, nachdem er sich vor einigen Jahren von seiner Frau getrennt hatte, war aber nicht geschieden. Jetzt wollte er sich scheiden lassen und wünschte von Cindy das gleiche, damit sie heiraten konnten. Inzwischen hatte er auch erfahren, daß Cindys Ehe brüchig war.
Lionel und seine ihm entfremdete Frau hatten keine Kinder gehabt, was er, wie er Cindy anvertraute, aufs höchste bedauerte. Es sei noch nicht zu spät für Cindy und ihn selbst, ein Kind zu haben, wenn sie bald heirateten, erklärte er. Außerdem würde es ihn überglücklich machen, Roberta und Libby ein Heim zu bieten, und er würde sich die größte Mühe geben, ihnen den Vater zu ersetzen.
Cindy hatte aus verschiedenen Gründen eine Entscheidung hinausgeschoben. In erster Linie hoffte sie, die Beziehungen zwischen ihr und Mel würden sich wieder bessern, und ihre Ehe würde wieder der ähnlicher werden, die sie früher einmal geführt hatten. Mit Bestimmtheit konnte sie nicht sagen, ob sie Mel noch liebte. Liebe, fand Cindy, war etwas, dem gegenüber man mit den Jahren skeptischer wurde. Aber schließlich war sie an Mel gewöhnt. Er war nun einmal da; auch Roberta und Libby; und wie viele Frauen fürchtete Cindy sich vor einer großen Umwälzung in ihrem Leben.
Anfänglich befürchtete sie auch, eine Scheidung und eine Wiederverheiratung könnten ihr gesellschaftlich schaden. In diesem Punkt hatte sie jedenfalls ihre Meinung geändert. Viele Menschen waren geschieden worden, ohne aus der Gesellschaft zu verschwinden, und man konnte Frauen begegnen, die von der einen Woche zur nächsten ihren Mann gewechselt hatten. Manchmal hatte Cindy den Eindruck, es sei ein bißchen spießig, nicht wenigstens einmal geschieden zu sein.
Es war möglich, daß die Heirat mit Lionel Cindys gesellschaftlichen Status verbesserte. Lionel war für Empfänge und Geselligkeiten viel eher zu haben als Mel. Auch waren die Urquharts eine alte, geachtete Familie in der Stadt. Lionels Mutter residierte gleich einer Königinwitwe in einem alten verfallenden Haus nahe dem Drake-Hotel, wo ein altmodischer Butler die Gäste empfing und eine gichtgeplagte Zofe auf einem silbernen Tablett den Fünfuhrtee servierte. Lionel hatte Cindy eines Tages zum Tee mitgenommen. Hinterher hatte er berichtet, Cindy habe einen guten Eindruck gemacht, und er sei sicher, er könne seine Mutter überreden, die Patenschaft über Roberta und Libby als Debütantinnen zu übernehmen, wenn es soweit wäre.
Um diese Zeit hätte Cindy sich wegen der immer schärfer werdenden Differenzen mit Mel Hals über Kopf entscheiden und sich Lionel ausliefern können, wenn da nicht noch etwas anderes gewesen wäre. Auf sexuellem Gebiet war Lionel eine Niete.
Er gab sich große Mühe, und gelegentlich schaffte er es auch, sie zu überraschen, doch meistens war er bei ihren Liebesstunden wie eine Uhr, deren Werk kurz vor dem Stehenbleiben war. Düster sagte er eines Abends nach einem ergebnislosen Beisammensein im Schlafzimmer seines Apartments, das für beide enttäuschend gewesen war: »Du hättest mich kennen sollen, als ich achtzehn war. Da war ich ein junger Draufgänger.« Bedauerlicherweise hatte Lio-nel die Achtzehn lange hinter sich; er war achtundvierzig.
Cindy war sich darüber klar, wenn sie Lionel heiratete und sie erst zusammen lebten, würde sich selbst ein so bescheidenes Liebes-leben, wie sie es jetzt genossen, bald in Nichts auflösen. Natürlich würde Lionel trachten, es auf andere Weise auszugleichen — er war freundlich, großzügig, rücksichtsvoll —, aber war das genug? Cindy war sexuell keineswegs auf absteigender Linie. Sie war stets sehr sinnlich gewesen, und in letzter Zeit hatten ihr Verlangen und ihr sexuelles Bedürfnis anscheinend zugenommen. Aber wenn Lio-nel auf diesem Gebiet versagte, so ging es ihr in dieser Hinsicht mit Mel im Augenblick keineswegs besser. Was spielte es also für eine Rolle? Im ganzen gesehen, würde sie mit Lionel besser fahren.
Vielleicht war es die Lösung, Lionel zu heiraten und Liebhaber anderswo zu finden. Letzteres mochte schwierig werden, besonders solange sie jung verheiratet war, aber wenn sie es vorsichtig anfing, mußte es gehen. Sie wußte von anderen — Männern wie Frauen, und manche in hohen Stellungen —, daß sie das auch taten, um ihre körperlichen Bedürfnisse, zu befriedigen, ihre Ehen aber intaktzuhalten. Schließlich war es ihr auch geglückt, Mel zu betrügen. Vielleicht hatte er ganz allgemein einen Verdacht, aber Cindy war überzeugt, daß Mel weder von Lionel noch einem anderen etwas Genaues wußte.
Nun, und heute abend? Sollte sie zum Flughafen zu einer endgültigen Abrechnung mit Mel fahren, wie sie vorhin beschlossen hatte? Oder sollte sie sich für den Abend mit diesem Journalisten Derek Eden einlassen, der neben ihr stand und auf Antwort auf seine Frage wartete.
Cindy kam die Idee, sie könne vielleicht beides schaffen.
Sie lächelte Derek Eden an. »Ach, bitte noch mal. Was haben Sie gesagt?«
»Es ist so laut hier.«
»Ja, das stimmt.«
»Wir sollten das Essen schießenlassen und wohin gehen, wo es ruhiger ist.«
Cindy hätte laut herausplatzen können. Statt dessen nickte sie. »Warum nicht.«
Sie überblickte die anderen Gäste auf dem Presseempfang des Unterstützungsfonds für die Kinder von Archidona. Die Fotografen hatten ihre Aufnahmen gemacht. Für sie bestand also kein Grund mehr, länger zu bleiben. Sie konnte still und unauffällig verschwinden.
Derek Eden fragte: »Haben Sie Ihren Wagen da, Cindy?«
»Nein. Sie?« Des Wetters wegen war Cindy im Taxi gekommen. »Ja«, antwortete er.
»Also gut«, sagte sie. »Aber ich will nicht mit Ihnen zusammen rausgehen. Wenn Sie aber in Ihrem Wagen draußen warten, dann komme ich in fünfzehn Minuten durch den Haupteingang.«
»Sagen wir lieber in zwanzig Minuten. Ich habe noch ein paar Telefonate zu erledigen.«
»Gut.«
»Haben Sie einen besonderen Wunsch? Ich meine, wo wir hingehen sollen?«
»Das überlasse ich ganz Ihnen.«
Er zögerte, ehe er fragte: »Möchten Sie lieber erst essen?«
Amüsiert dachte sie: Das »erst« ist eine Ankündigung, um ihr vollkommen klarzumachen, auf was sie sich einließ.
»Nein«, antwortete Cindy. »Ich habe nicht viel Zeit. Ich muß später noch woandershin.«
Sie sah, wie Derek Eden den Blick senkte und dann wieder zu ihrem Gesicht aufsah. Sie bemerkte, wie er Atem holte, und hatte den Eindruck, daß er an sein eigenes Glück nicht recht glauben könne. »Sie sind großartig«, sagte er. »Ich kann an mein Glück erst richtig glauben, wenn Sie aus der Tür herauskommen.«
Damit entfernte er sich und verließ unbemerkt den La-Salle-Sa-lon. Eine viertel Stunde später folgte ihm Cindy unbeachtet.
Sie holte ihren Mantel, und als sie aus der Lake Michigan Inn trat, zog sie ihn fester um sich. Draußen fiel immer noch Schnee, und ein eisiger, heulender Wind fegte über die offene Fläche des Lakeshore und des Outer Drive. Das Wetter erinnerte Cindy wieder an den Flughafen. Vor ein paar Minuten hatte sie einen festen Entschluß gefaßt: sie würde noch hinausfahren, später am Abend; jetzt war es noch zu früh — nicht einmal halb zehn —, und es war noch reichlich Zeit — für alles.
Ein Portier verließ seinen geschützten Platz hinter der Tür und tippte an seine Mütze. »Taxi, Ma'am?«
»Nein, danke.«
In diesem Augenblick gingen in einem Wagen auf dem Parkplatz die Scheinwerfer an. Der Wagen fuhr an, geriet einmal auf dem lockeren Schnee ins Rutschen und fuhr dann auf den Eingang zu, vor dem Cindy stand. Der Wagen war ein mehrere Modelle alter Chevrolet. Sie sah, daß Derek Eden am Steuer saß.
Der Portier öffnete die Wagentür, und Cindy stieg ein. Als die Tür ins Schloß klappte, sagte Derek Eden: »Tut mir leid, daß der Wagen so kalt ist. Ich mußte die Zeitung anrufen und dann ein paar Abmachungen für uns treffen. Ich bin gerade eben vor Ihnen gekommen.«