Выбрать главу

Nachdem der Chefpilot gelandet war, blieb gerade noch so viel Zeit übrig, daß er die Maschine direkt zu Ausgang 47 des Flughafengebäudes rollen ließ, wo sie als Flug Zwei — The Golden Ar-gosy — abgefertigt werden sollte.

Auf diese Weise hatte der Wartungsdienst es wieder einmal geschafft — und es war nicht gepfuscht worden, um Zeit zu sparen. Sobald das Flugzeug vor dem Ausgang stand, fielen Scharen von Arbeitern darüber her und schwärmten wie nächtliche Gespenster in der Maschine und um sie herum.

Eins der wichtigsten Güter, die an Bord genommen wurden, war die Verpflegung. Fünfundsiebzig Minuten vor der Startzeit hatte die Abflugkontrolle bei der Vertragsküche der Gesellschaft angerufen und das Essen für den Flug, der Zahl der erwarteten Passagiere entsprechend, bestellt. Heute abend würden im Erste-Klasse-Abteil bei Flug Zwei nur zwei Plätze unbesetzt bleiben; die Touristenklasse würde zu drei Vierteln gefüllt sein. Der Ersten Klasse wurden wie üblich sechs zusätzliche Portionen zugebilligt; für die Touristenklasse gab es die gleiche Anzahl Portionen wie Passagiere. Daher konnte ein Passagier Erster Klasse eine zusätzliche Mahlzeit erhalten, wenn er sie verlangte; ein Passagier der Touristenklasse aber nicht.

Doch trotz der genauen Zählung bekam auch ein Fluggast, der erst in letzter Minute dazukam, eine Mahlzeit. Reserveportionen — einschließlich koscherer Speisen — standen in Behältern in der Nähe der Ausgänge zur Verfügung. Wenn ein unerwarteter Fluggast an Bord kam, während die Ausgänge schon geschlossen wurden, wurde noch ein Tablett mit seiner Verpflegung gleichzeitig mit ihm in die Maschine gebracht.

Auch die Getränke, für die eine von der Ersten Stewardess unterschriebene Empfangsbescheinigung verlangt wurde, kamen an Bord. Passagiere Erster Klasse erhielten die Getränke gratis; Passagiere der Touristenklasse bezahlten für den Drink einen Dollar oder den Gegenwert in anderen Währungen, wenn sie sich nicht eine kleine Information für Eingeweihte zunutze machten. Die Information bestand darin, daß den Stewardessen so gut wie kein Wechselgeld, manchmal überhaupt keins, ausgehändigt wurde, und wenn eine Stewardess nicht herausgeben konnte, hatte sie die Anweisung, dem oder der Reisenden das Getränk umsonst zu überlassen. Mancher regelmäßig Reisende hat in der Touristenklasse jahrelang kostenlos getrunken, nur weil er beim Bezahlen eine Fünfzig- oder Zwanzigdollarnote anbot und hartnäckig behauptete, er habe kein kleineres Geld.

Zur gleichen Zeit, während Verpflegung und Getränke an Bord kamen, wurde das übrige bewegliche Inventar der Maschine überprüft und ergänzt. Es umfaßte einige hundert verschiedene Posten, die von Windeln über Decken, Kissen, Tüten für Luftkranke und einer Gideonbibel zu Einrichtungsstücken wie »Tablett zum Ge-tränkeservieren, für acht Gläser, Größe: 5« reichten. Alle diese Gegenstände konnten ersetzt werden. Nach Beendigung eines Flugs machten sich die Gesellschaften nie die Mühe, das Inventar zu überprüfen. Was fehlte, wurde ohne weitere Fragen ergänzt, und deshalb wurden Passagiere, die irgend etwas unter dem Arm mitgehen ließen, nur selten angehalten.

Zu der gelieferten Ausstattung gehörten auch Zeitschriften und Zeitungen. Zeitungen wurden im allgemeinen auf dem Flug verteilt — mit einer Ausnahme. Bei der Trans America galt die Anweisung: Wenn eine Zeitung auf der ersten Seite über eine Flugzeugkatastrophe berichtete, wurde sie nicht an Bord der Maschine gelassen, sondern weggeworfen. Die gleiche Bestimmung bestand bei den meisten anderen Gesellschaften.

Für Flug Zwei standen heute abend genug Zeitungen zur Verfügung. Die wichtigste Nachricht befaßte sich mit dem Wetter — den Auswirkungen des dreitägigen Schneesturms auf den gesamten Mittelwesten.

Nachdem sich jetzt die Passagiere an den Schaltern einfanden, begann auch Gepäck an Bord zu kommen. Nachdem ein Passagier seinen Koffer bei der Gepäckannahme hatte verschwinden sehen, wurde der Koffer über eine Reihe von Transportbändern in einen Raum tief unter den Ausgangstoren gebracht, den das für Gepäck zuständige Personal unter sich »die Löwengrube« nannte. Diesen Namen hatte er erworben, weil — wie die Gepäckleute nach mehreren Gläsern vertraulich preisgaben — nur die Tapferen oder Naiven zuließen, daß ein Koffer, an dem ihnen gelegen war, dorthin gelangte. Mancher Koffer erreichte — wie leidgeprüfte Besitzer bezeugen konnten — die Löwengrube und ward nie wieder gesehen.

In dem Raum kontrollierte ein diensthabender Angestellter jeden ankommenden Koffer. Dem Anhänger mit dem Bestimmungsort entsprechend betätigte er dann einen Hebel an einer Schalttafel, und einen Augenblick später reckte sich ein mechanischer Arm aus, der den Koffer ergriff und ihn neben anderen für den gleichen Flug abstellte. Von diesem Augenblick an beförderten andere, eine ganze Mannschaft, die Koffer weiter zu den richtigen Flugzeugen.

Es war ein ausgezeichnetes System — wenn es funktionierte. Unglücklicherweise tat es gerade das recht oft nicht.

Die Gepäckbeförderung war — das gaben die Fluggesellschaften vertraulich zu — die unbefriedigendste Seite im Flugverkehr. In einer Zeit, in der die menschliche Erfindungsgabe eine Raumkapsel von der Größe eines Hausboots in den Weltraum befördern konnte, war Tatsache, daß ein Passagier sich nicht darauf verlassen konnte, daß sein Koffer zuverlässig in Pine Bluff, Arkansas, oder Minneapolis-St. Paul und gar noch zur gleichen Zeit wie der Reisende selbst eintreffen werde. Eine erstaunliche Menge von Fluggepäck — von hundert Koffern mindestens einer — wurde an einen falschen Bestimmungsort gebracht, kam verzögert an oder ging ganz und gar verloren. Direktoren der Fluggesellschaften wiesen wehklagend auf die vielen Möglichkeiten für menschliches Versagen bei der Gepäckbeförderung hin. Rationalisierungsfachleute überprüften in regelmäßigen Abständen das System der Gepäckbehandlung bei den Fluggesellschaften, und in regelmäßigen Abständen wurde es verbessert. Doch noch keiner hatte ein System entwickelt, das unfehlbar war oder dem wenigstens nahekam. Infolgedessen beschäftigten alle Fluggesellschaften auf sämtlichen Flughäfen Personal, dessen ausschließliche Aufgabe darin bestand, nach vermißtem Gepäck zu forschen. Es kam nur selten vor, daß diese Leute arbeitslos waren.

Erfahrene und durch Schaden klug gewordene Reisende gaben sich die größte Mühe, sich selbst davon zu überzeugen, daß die Anhänger, die an den Schaltern der Fluggesellschaften an ihrem Gepäck befestigt wurden, den richtigen Bestimmungsort angaben. Oft war das nicht der Fall. Überraschend oft wurden in der Eile falsche Anhänger angebracht und mußten ausgetauscht werden, wenn auf den Irrtum hingewiesen wurde. Selbst dann konnte man, sobald der Koffer außer Sicht kam, nicht das Gefühl unterdrücken, sich auf ein Lotteriespiel eingelassen zu haben, und dem Reisenden blieb nichts anderes übrig, als zu beten, daß er eines Tages irgendwo wieder zu seinem Koffer kommen möge.

An diesem Abend war auf Lincoln International das Gepäck für Flug Zwei bereits unvollständig, obwohl das noch niemand ahnte. Zwei Koffer, die nach Rom bestimmt waren, wurden in diesem Augenblick an Bord einer Maschine nach Milwaukee verladen.

In einem stetigen Strom wurde jetzt Luftfracht für Flug Zwei verladen. Gleichfalls Postsäcke. An diesem Abend waren es viereinhalbtausend Kilo Post in farbigen Nylonsäcken; einige für Städte in Italien: Mailand, Palermo, Vatikanstadt, Pisa, Neapel, Rom; andere waren zur Weiterbeförderung in fernere Gegenden bestimmt, deren Namen an Marco Polo erinnerten: Sansibar, Khartum, Mom-bassa, Jerusalem, Athen, Rhodos, Kalkutta . . .