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Die ungewöhnlich hohe Zuladung an Post war für die Trans America ein Extraverdienst. Einer Maschine der British Overseas Airways Corporation, die flugplanmäßig kurz vor Flug Zwei der Trans America starten sollte, war gerade eine Verspätung von drei Stunden bekanntgegeben worden. Der Postinspektor auf der Rampe, der Flugpläne und Verzögerungen ständig scharf überwachte, hatte sofort eine Verlegung der Postbeförderung von der BOAC auf die Trans America angeordnet. Die britische Gesellschaft mochte sich darüber ärgern, denn die Postbeförderung brachte hohe Gewinne ein und der Konkurrenzkampf um die Postbeförderung war hart. Alle Gesellschaften sandten uniformierte Vertreter in die Postämter auf den Flughäfen, deren Aufgabe darin bestand, den Durchlauf an Post im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, daß ihre Gesellschaft »einen gerechten Anteil« — oder mehr, wenn es ging — an der Beförderung der ausgehenden Post erhielt. Die Vorsteher der Postämter hatten unter den Vertretern der Fluggesellschaften ihre Freunde, die sie begünstigten und denen sie Beförderungsaufträge zukommen ließen. Aber wenn Startverzögerungen auftraten, galt Freundschaft nichts mehr. In solchen Augenblicken zählte nur ein unerbittliches Gesetz: Die Post wurde auf dem schnellsten Weg befördert.

In einem der unteren Stockwerke des Flughafengebäudes und nur wenige hundert Schritte von der Boeing 707 entfernt, die jetzt Flug Zwei war, befand sich die Einsatzzentrale der Trans America (Lincoln International). Die Zentrale bestand aus einer geschäftigen, dichtgedrängten, geräuschvollen Ansammlung von Menschen, Schreibtischen, Telefonen, Fernschreibern, gesellschaftseigenen Fernsehanlagen und Anschlagtafeln. Das dort arbeitende Personal war für die Überwachung der Vorbereitungen für Flug Zwei und alle anderen Flüge der Trans America verantwortlich. An Tagen wie heute, an denen infolge des Schneesturms sämtliche Flugpläne chaotisch durcheinandergeraten waren, bildete die Zentrale den reinsten Hexenkessel, und ihr Anblick glich der Lokalredaktion einer Zeitung aus alten Zeiten, wie Hollywood sie gern heute noch zeigt.

In einer Ecke der Zentrale befand sich die Verladekontrollstelle. Die Platte des Schreibtisches war unter einem Wust von Papieren begraben, der Schreibtisch selbst war von einem jungen bärtigen Mann mit dem unwahrscheinlichen Namen Fred Phirmphoot besetzt. Seine Freizeit vertrieb sich Phirmphoot als Amateurmaler abstrakter Bilder. Kürzlich war er dazu übergegangen Farben auf die Leinwand zu schleudern und dann mit einem Kinderfahrrad darauf herumzufahren. Er stand in dem Ruf, an den Wochenenden LSD zu nehmen und litt außerdem unter starkem Körpergeruch. Das letztere war für seine Kollegen in der Einsatzzentrale, in der es auch heute abend trotz der bitteren Kälte draußen heiß und stickig war, ein ständiger Stein des Anstoßes, und mehr als einmal hatte Fred Phirmphoot sich anhören müssen, er solle doch öfters baden.

Aber paradoxerweise besaß Phirmphoot einen scharfen mathematischen Verstand, und seine Vorgesetzten schworen, er sei einer der besten Verladekontrolleure in der ganzen Luftfahrt. Im Augenblick meisterte er gerade die Beladung für Flug Zwei.

Ein Flugzeug, erklärte Fred Phirmphoot gelegentlich seinen gelangweilten Beatfreunden, »das ist ein Vogel, der hin und her taumelt, Mann. Und wenn du nicht aufpaßt, Mann, dann taumelt so ein Vogel hin oder her, vielleicht sogar beides. Aber ich, mein Junge, ich sorge schon dafür, daß das nicht passiert.«

Der Trick bestand darin, das Gewicht richtig im ganzen Flugzeug zu verteilen, damit sein Hebelpunkt und sein Schwerpunkt an vorausbestimmten Stellen lagen. Dann war die Maschine ausbalanciert und lag stabil in der Luft. Fred Phirmphoots Aufgabe bestand darin, zu berechnen, wieviel Last an Bord von Flug Zwei (und anderer Flüge) untergebracht werden konnte und an welcher Stelle. Kein Postsack, kein einzelnes Stück Frachtgut kam ohne seine Anweisung an irgendeine Stelle im Frachtraum des Flugzeugs. Gleichzeitig war er darum bemüht, soviel wie möglich in die Maschine hineinzupacken. »Von Illinois nach Rom«, konnte man von Fred häufig hören, »Mann, das zieht sich hin wie Spaghetti. Das läßt sich nicht hinkleckern wie Marmelade.«

Er arbeitete mit Tabellen, Ladelisten, Aufstellungen, einer Addiermaschine, im letzten Augenblick eingegangenen Mitteilungen, einem Sprechfunkgerät, drei Telefonen und einem unfehlbaren Instinkt.

Der Rampeninspektor hatte gerade über Sprechfunk um Erlaubnis gebeten, weitere hundertfünfzig Kilo Post im vorderen Laderaum zu verstauen.

»Kann gemacht werden«, stimmte Fred Phirmphoot zu. Er blätterte in Papieren, verglich mit der Passagierliste, die in den vergangenen zwei Stunden länger geworden war. Fluggesellschaften setzten für die Flugreisenden ein Durchschnittsgewicht ein: Hundertsiebzig Pfund im Winter und zehn Pfund weniger im Sommer. Der Durchschnitt erwies sich immer als richtig, mit einer Ausnahme: wenn eine Fußballmannschaft mitflog. Die kräftig gebauten Fußballspieler warfen jede Berechnung über den Haufen, und die Verladekontrolleure berichtigten das Gewicht nach eigener Schätzung; die schwankte je nachdem, wie gut er die Mannschaft kannte. Baseball- und Hockeyspieler stellten keine Probleme, denn da sie kleiner waren, fügten sie sich dem allgemeinen Durchschnitt ein. Die Passagierliste für heute abend wies aus, daß Flug Zwei nur normale Reisende zu befördern hatte.

»Das mit der Post geht in Ordnung, Junge«, antwortete Fred Phirmphoot über Sprechfunk, »aber ich will diesen Sarg da in das hintere Abteil geschafft haben; dem Wiegezettel nach muß der Tote ein Fettwanst gewesen sein. Dann ist da noch der verpackte Generator von Westinghouse. Bringt den in der Mitte unter. Die übrige Fracht könnt ihr darum herumpacken.«

Zu Phirmphoots Problemen war gerade noch die Anordnung der Besatzung von Flug Zwei hinzugekommen, zusätzlich tausend Kilo Brennstoff für die Rollzeit auf dem Boden über die normalen Reserven hinaus zu tanken. Auf dem Flugfeld draußen wurden heute abend alle Maschinen durch lange Verzögerungen mit laufenden Motoren vor dem Start aufgehalten. Eine Düsenmaschine, die auf dem Boden operierte, soff Brennstoff wie ein durstiger Elefant, und die Kapitäne Demerest und Harris wollten keinen kostbaren Treibstoff vergeuden, den sie auf dem Flug nach Rom vielleicht brauchen würden. Gleichzeitig mußte Fred Phirmphoot errechnen, daß der ganze zusätzliche Treibstoff, der jetzt in die Flügeltanks der NC-731-TA gepumpt wurde, vor dem Start vielleicht nicht verbraucht wurde; deshalb mußte ein gewisser Teil dem Gesamtgewicht beim Start zugeschlagen werden. Die Frage war nur: wieviel?

Für das Gesamtgewicht beim Start bestand eine Sicherheitsgrenze, doch jede Fluggesellschaft hätte das Ziel, auf jedem Flug soviel Ladung wie möglich mitzuführen, um den Maximalgewinn zu erzielen. Fred Phirmphoots schmutzige Fingernägel tanzten über die Addiermaschine und machten eine hastige Berechnung. Er brütete über dem Ergebnis, wühlte in seinem Bart, und sein Körpergeruch war noch unerträglicher als sonst.

Die Entscheidung für den zusätzlichen Treibstoff war eine der vielen Entscheidungen, die Kapitän Vernon Demerest in der letzten halben Stunde getroffen hatte. Oder richtiger, er hatte Kapitän Anson Harris die Entscheidung treffen lassen, und dann hatte Demerest sie als prüfender Kapitän mit der letzten Verantwortung gebilligt. Vernon Demerest genoß seine passive Rolle heute abend —jemand anderen zu haben, der den größten Teil der Arbeit leisten mußte, aber dennoch nichts von der eigenen Autorität einzubüßen. Bisher hatte Demerest noch nichts an irgendeiner der Entscheidungen von Anson Harris auszusetzen gehabt. Das war nicht überraschend, denn die Erfahrung und das Dienstalter von Harris waren fast ebenso groß wie die von Demerest.

Harris war mürrisch und schlecht gelaunt gewesen, als sie sich an diesem Abend zum zweiten Male im Mannschaftsraum des Hangars der Trans America begegneten. Amüsiert hatte Demerest festgestellt, daß Harris ein vorschriftsmäßiges Hemd trug, obwohl es ihm etwas zu klein war, und hin und wieder hob Harris die Hand zum Hals, um den Kragen zu lockern. Kapitän Harris war es gelungen, sein Hemd mit einem hilfsbereiten Ersten Offizier zu tauschen, der die Geschichte später eilfertig seinem eigenen Kapitän weitererzählte.