Aber nach wenigen Minuten ließ Harris' Spannung nach. Als einem bis zu den buschigen, angegrauten Augenbrauen durch und durch erfahrenen Fachmann war ihm bewußt, daß keine Flugbesatzung erfolgreich zusammenarbeiten konnte, wenn im Cockpit eine feindselige Stimmung herrschte.
Im Mannschaftsraum sahen beide Kapitäne in ihre Postfächer, und wie üblich enthielten sie einen Packen Post, darunter Rundschreiben ihrer Fluggesellschaft, die sie noch vor dem Start heute abend lesen mußten. Das übrige — Mitteilungen vom Chefpiloten, der ärztlichen Beratungsstelle, der Forschungsabteilung, dem kartographischen Büro und anderes — würden sie mit nach Hause nehmen, um es später anzusehen.
Während Kapitän Harris zwei Ergänzungen in sein Flughandbuch einheftete — das Kapitän Demerest zu überprüfen beabsichtigte, wie er angekündigt hatte —, studierte Vernon Demerest die Anschlagtafel mit dem Einsatzplan für die Besatzungen.
Der Einsatzplan wurde monatlich aufgestellt. Er nannte die Daten, an denen Kapitäne und Erste sowie Zweite Offiziere zu fliegen hatten und auf welchen Routen. Eine ähnliche Anschlagtafel gab es für die Stewardessen in deren Aufenthaltsraum weiter unten am Gang.
Jeder Pilot reichte für jeden Monat seine Wünsche für die Routen ein, die er fliegen wollte, und die mit dem höchsten Dienstalter hatten den Vorrang. Demerest bekam immer unweigerlich, was er sich wünschte; Gwen Meighen gleichfalls, deren Dienstalter unter den Stewardessen ihr einen gleich hohen Rang verlieh. Dieses Wunschsystem ermöglichte es Piloten und Stewardessen, Pläne für gemeinsame »Layovers« zu machen, wie Demerest und Gwen es im voraus für den heutigen Tag getan hatten.
Anson Harris war mit der hastigen Ergänzung seines Flughandbuchs fertig.
Vernon Demerest grinste. »Ich nehme an, daß Ihr Handbuch völlig in Ordnung ist, Anson. Ich habe es mir überlegt. Ich werde mir die Nachprüfung sparen.«
Kapitän Harris zeigte keinerlei Reaktion, außer einer leichten Spannung seiner Mundwinkel.
Der Zweite Offizier für den Flug, ein junger Zweistreifer namens Cy Jordan, war zu ihnen getreten. Jordan war Flugingenieur, aber auch ausgebildeter Pilot. Er war hager und eckig, hatte ein trauriges, hohlwangiges Gesicht und sah immer so aus, als müsse er sich einmal gründlich sattessen. Die Stewardessen ließen ihm immer Extraportionen zukommen, aber das schien nichts zu helfen.
Der Erste Offizier, der im allgemeinen als Demerests Stellvertreter mit ihm flog, hatte den Befehl erhalten, zu Hause zu bleiben, wenn er auch nach dem Tarifvertrag mit dem Pilotenverband die volle Bezahlung für den Hin- und Rückflug nach Rom erhielt. In Abwesenheit des Ersten Offiziers würde Demerest einen Teil von dessen Pflichten übernehmen, Jordan den Rest. Anson Harris würde die meiste Zeit die Maschine steuern.
»Also los«, sagte Demerest zu den beiden. »Gehen wir.«
Der Mannschaftswagen, schneebedeckt und mit innen beschlagenen Scheiben, wartete vor dem Tor des Hangars. Die fünf Stewardessen für Flug Zwei saßen bereits in dem Kleinbus und grüßten im Chor: »Guten Abend, Herr Kapitän — guten Abend, Herr Kapitän«, als Demerest und Harris, gefolgt von Jordan, einstiegen. Ein Windstoß und Schneeflocken begleiteten die Piloten. Der Busfahrer schloß hastig die Tür.
»Halle, ihr Mädchen!« Vernon Demerest winkte vergnügt und blinzelte Gwen zu. Etwas förmlicher ließ Kapitän Harris ein »Guten Abend« folgen.
Der Sturm ließ den Bus schwanken, während der Fahrer sich behutsam seinen Weg über die gefegte Zufahrtsstraße suchte, an deren beiden Seiten der Schnee in hohen Bänken aufgehäuft war. Der Vorfall mit dem Verpflegungswagen der United Airlines hatte sich auf dem Flughafen herumgesprochen, und infolgedessen waren alle Fahrer sehr vorsichtig. Als der Mannschaftswagen sich seinem Ziel näherte, wurden ihm die hellen Lichter des Flughafengebäudes zum Richtpunkt in der Dunkelheit. Weit draußen auf dem Flugfeld startete und landete ein stetiger Strom von Flugzeugen.
Der Bus hielt, und die Besatzung kletterte hinaus und suchte eilends Schutz hinter der nächsten Tür. Sie befand sich jetzt im untersten Stockwerk des Flügels der Trans America im Flughafengebäude. Die Ausgänge für die Passagiere — einschließlich Ausgang 47, vor dem die Maschine für Flug Zwei startbereit gemacht wurde —, lagen höher.
Die Stewardessen gingen voraus, um ihre eigenen Vorbereitungen für den Start zu beenden, während die drei Piloten die interkontinentale Einsatzzentrale der Trans America aufsuchten.
Wie immer hatte der Einsatzleiter einen Ordner mit den vielfältigen Informationen vorbereitet, die die Flugzeugbesatzung brauchte. Er breitete ihn auf der Barriere aus, und die drei Piloten beugten sich über die Aufzeichnungen. Hinter der Barriere war ein halbes Dutzend Leute dabei, weltweite Informationen über Flugrouten, Verhältnisse auf Flughäfen und das Wetter zusammenzustellen, die andere internationale Flüge der Trans America in dieser Nacht noch benötigen würden. Eine ähnliche Einsatzzentrale für Flüge innerhalb der Vereinigten Staaten lag weiter unten am gleichen Gang.
Das war der Augenblick, in dem Kapitän Harris mit seinem Pfeifenstiel auf den vorläufigen Lagebericht klopfte und zusätzlich tausend Kilo Treibstoff für den Weg über die Rollbahnen zum Start verlangte. Er sah den Zweiten Offizier Jordan, der Kurven über den Treibstoffverbrauch prüfte, an, und dann Demerest. Beide nickten zustimmend, und der Einsatzleiter füllte eine Anweisung aus, die an die Treibstoffkontrolle an der Rampe weitergegeben wurde.
Der Meteorologe der Gesellschaft trat zu den vier Männern an der Barriere. Er war ein blasser junger Mann mit dem Gesicht eines Gelehrten, trug eine randlose Brille und sah aus, als ob er sich persönlich nur selten unwirtlichem Wetter aussetzte.
Demerest fragte: »Was haben uns die Computer heute abend beschert, John? Hoffentlich etwas Besseres als das hier.«
In zunehmendem Maß wurden Wettervoraussagen und Flugpläne der Fluggesellschaften von Computern ausgespuckt. Die Trans America und andere Gesellschaften bewahrten aber noch das Moment des Persönlichen durch Menschen, die sie zwischen die Computer und die Flugbesatzungen einschalteten, aber es wurde bereits vorausgesagt, daß die menschlichen Wetterfrösche bald verschwinden würden.
Der Meteorologe schüttelte den Kopf, während er mehrere Wetterkarten ausbreitete. »Besseres haben Sie erst mitten über dem Atlantik zu erwarten, fürchte ich. Wir können hier bald mit besserem Wetter rechnen, aber da Sie nach Osten fliegen, holen Sie das ein, was wir hinter uns gebracht haben. Der Sturm, in dem wir uns jetzt befinden, erstreckt sich von hier bis nach Neufundland und noch darüber hinaus.« Mit der Spitze seines Bleistifts zog er das breite Gebiet des Sturmes nach. »Übrigens, die beiden Flughäfen auf Ihrem Weg, Detroit Metropolitan und Toronto, sind geschlossen worden.«
Der Einsatzleiter warf einen Blick auf ein Fernschreiben, das ihm gerade gereicht worden war. Er mischte sich ein: »Setzen Sie Ottawa dazu. Dort wird auch gerade geschlossen.«
»Jenseits der Atlantikmitte«, sagte der Meteorologe, »sieht alles gut aus. Über ganz Südeuropa verstreut sind Störungen, wie Sie selbst sehen können, aber in Ihrer Höhe sollten die Sie nicht behindern. In Rom ist das Wetter klar und sonnig und wird es für mehrere Tage bleiben.«
Kapitän Demerest beugte sich über die Karte von Südeuropa. »Wie sieht es in Neapel aus?«
Der Meteorologe war überrascht. »Ihr Flug führt doch nicht dorthin.«
»Nein, aber es interessiert mich.«
»Neapel liegt im gleichen Hochdruckgebiet wie Rom. Das Wetter wird gut sein.«