Er nahm an, er könne sich nach der Ankunft im Flughafen — vorausgesetzt, Flug Zwei war noch nicht abgegangen — beim Abfertigungsschalter der Trans America melden und dann darauf bestehen, daß ihm noch die Zeit zugestanden wurde, eine Flugversicherung abzuschließen, ehe die Maschine startete. Aber gerade das würde mit sich bringen, was er verzweifelt zu vermeiden wünschte: noch einmal die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wie er es bereits einmal getan hatte — und nur wegen der dümmsten Unterlassung, die er überhaupt begehen konnte.
Er hatte nämlich versäumt, außer dem kleinen dünnen Aktenkoffer mit der Dynamitbombe irgendein weiteres Gepäckstück mitzubringen.
An dem Anmeldeschalter im Stadtbüro hatte der Flugscheinkontrolleur gefragt: »Ist das Ihr Gepäck, Sir?« Er hatte auf eine Reihe Koffer gezeigt, die dem hinter ihm stehenden Mann gehörten.
»Nein.« D. O. Guerrero hatte gezögert und dann das kleine Köf-ferchen vorgewiesen: »Ich — eh — habe sonst nichts weiter.«
Der Kontrolleur hatte die Augenbrauen hochgezogen. »Weiter nichts für einen Flug nach Rom, Sir? Sie reisen wirklich mit leichtem Gepäck.« Dann hatte er auf das Köfferchen gewiesen. »Wünschen Sie das aufzugeben?«
»Nein, danke.« Alles, was Guerrero jetzt noch wollte, war seinen Flugschein, von dem Schalter fortzukommen und sich einen unauffälligen Platz im Flughafenbus zu sichern. Aber der Kontrolleur hatte ihn ein zweitesmal neugierig angesehen, und Guerrero hatte gewußt, daß man sich, von diesem Augenblick an, an ihn erinnern würde. Er hatte sich untilgbar in das Gedächtnis des Kontrolleurs eingegraben — nur, weil er vergessen hatte, ein Gepäckstück mitzubringen, was doch so einfach gewesen wäre. Selbstverständlich hatte er dafür rein instinktiv einen Grund gehabt. D. O. Guerrero wußte ja, im Gegensatz zu anderen, daß Flug Zwei nie seinen Bestimmungsort erreichen würde; deshalb brauchte er auch kein Gepäck. Zur Tarnung hätte er aber Gepäck haben müssen. So aber würde bei der Untersuchung, die unvermeidlich nach dem Verlust der Maschine folgen mußte, sich jemand daran erinnern, daß ein Passagier — eben er — ohne Gepäck an Bord gegangen war, und diese Tatsache zur Sprache bringen! Das würde jeden Verdacht, der gegen D. O. Guerrero bis dahin vielleicht schon bestände, nur noch verstärken.
Aber wenn keine Trümmer gefimden werden, beruhigte er sich selbst, was können sie dann beweisen?
Gar nichts! Die Flugversicherung mußte zahlen.
Kam denn der Bus nie zum Flughafen?
Die Kinder der italienischen Familie tobten lärmend im Mittelgang des Busses hin und her. Ein paar Sitze weiter hinten plapperte die Mutter immer noch auf italienisch mit ihrem Mann; sie hatte ein laut brüllendes Baby im Arm. Weder die Frau noch der Mann schienen das Schreien zu bemerken.
Guerreros Nerven waren gespannt und gereizt. Er hätte das Baby packen und erwürgen und den anderen zubrüllen mögen: »Ruhe! Ruhe!«
Hatten die denn gar kein Gefühl? . . . Wußten die Dummköpfe nicht, daß jetzt nicht die Zeit für albernes Gequatsche war? . . .
Nicht die Zeit, da doch Guerreros ganze Zukunft — wenigstens die seiner Familie — der Erfolg des so mühevoll ausgearbeiteten Plans — alles, alles davon abhing, so zeitig am Flughafen anzukommen, daß er noch etwas Bewegungsfreiheit hatte.
Eins der herumtobenden Kinder, ein Junge von fünf oder sechs Jahren mit einem hübschen, intelligenten Gesicht, stolperte in dem Gang und fiel zur Seite auf den freien Sitz neben D. O. Guerrero. Nach Gleichgewicht suchend, streckte der Junge die Hand aus und stieß gegen den Aktenkoffer auf Guerreros Knien. Der Koffer rutschte zur Seite, und Guerrero griff danach. Es gelang ihm gerade noch, ihn vor dem Fallen zu bewahren, und er wandte sich mit wutverzerrtem Gesicht und zum Zuschlagen erhobener Hand dem Kind zu. Mit erschrockenen Augen blickte der Junge ihn an. Leise sagte er: »Scusi!«
Mühsam beherrschte Guerrero sich. Andere im Bus konnten vielleicht zusehen. Wenn er sich nicht zusammennahm, würde er wieder die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Nach ein paar Worten suchend, die er von Italienern aufgeschnappt hatte, die bei Bauvorhaben für ihn gearbeitet hatten, sagte er schwerfällig: »E troppo ru-morosa.«
Das Kind nickte ernsthaft. »Si.« Es blieb stehen, wo es stand.
»Na schön«, sagte Guerrero. »Das ist alles. Hau ab! Sene vada!«
»Si«, sagte der Junge wieder. Sein Blick war unangenehm fest, und für einen Augenblick ging Guerrero der Gedanke durch den Kopf, daß dieses Kind und noch andere an Bord von Flug Zwei sein würden. Aber das ließ sich nicht ändern. Es hatte keinen Sinn, jetzt sentimental zu werden; nichts mehr konnte ihn von seiner Absicht abbringen. Außerdem, sobald es geschah, sobald er an der Schnur des Aktenkoffers ziehen würde und das Flugzeug zerbarst, war alles schnell vorbei, noch ehe jemand — besonders die Kinder — etwas davon merkte.
Der Junge drehte sich um und ging zu seiner Mutter.
Endlich! — Der Bus fuhr schneller — kam in Fahrt! Wie Guerre-ro durch die Windschutzscheibe sehen konnte, lockerte sich der Verkehr, bewegten sich die Rücklichter vor ihnen schneller. Sie konnten — konnten eben — für ihn rechtzeitig genug den Flughafen erreichen, damit er noch seine Flugversicherung abschließen konnte, ohne unnötige Aufmerksamkeit zu wecken. Aber es würde knapp werden. Er hoffte, daß an dem Versicherungskiosk kein allzu starker Betrieb war.
Er bemerkte, daß die Kinder der italienischen Familie jetzt auf ihren Plätzen saßen, und er gratulierte sich selbst dazu, soeben keine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Hätte er das Kind geschlagen, wie es beinahe geschehen wäre, dann hätten die Leute ein großes Wesen darum gemacht. Wenigstens das hatte er vermieden. Ärgerlich war nur, daß er bei der Anmeldung im Büro der Fluggesellschaft so aufgefallen war. Aber wenn er es genau überlegte, konnte dadurch kein nicht wiedergutzumachender Schaden entstanden sein.
Oder womöglich doch?
Eine neue Sorge bedrückte ihn.
Angenommen, der Mann am Schalter, der wegen des fehlenden Gepäcks so überrascht gewesen war, erinnerte sich an den Vorfall, nachdem der Bus abgefahren war. Guerrero wußte, daß er dabei einen zerfahrenen Eindruck gemacht hatte. Angenommen, das wäre diesem Mann aufgefallen und er hätte Verdacht geschöpft? Angenommen, er hätte dann mit irgend jemand, etwa einem Inspektor, darüber geredet, und der hätte daraufhin vielleicht schon den Flughafen angerufen? Schon in diesem Augenblick konnte irgendwer — die Polizei? — auf die Ankunft des Busses warten, um D. O. Guer-rero zu verhören. Um sein einzelnes kleines Köfferchen mit dem verdammenden Beweis darin zu öffnen. Zum erstenmal fragte Guerrero sich, was geschehen würde, falls man ihn erwischte. Er würde verhaftet und käme ins Gefängnis. Dann dachte er: Ehe er das zuließe — wenn er angehalten wurde, wenn eine Entlarvung drohen sollte —, würde er an der Schnur, die aus dem Köfferchen heraushing, ziehen und sich selbst samt allen, die in seiner Nähe waren, in die Luft sprengen. Er streckte seine Hand aus. Unter dem Griff tastete er nach der Schlaufe, aber nicht zu fest. Das war beruhigend . . . Jetzt wollte er versuchen, an etwas anderes zu denken.