Er fragte sich, ob Inez seinen Zettel gefunden hatte.
Sie hatte ihn gefunden.
Müde kam Inez Guerrero in die armselige Wohnung in der 51. Straße zurück, streifte die Schuhe ab, die sie gedrückt hatten, und zog den von geschmolzenem Schnee durchnäßten Mantel und den Schal aus. Sie spürte eine Erkältung nahen und fühlte sich restlos erschöpft. Ihre Arbeit als Kellnerin war heute anstrengender als sonst gewesen, die Gäste knauseriger und die Trinkgelder kleiner. Außerdem war sie noch nicht daran gewöhnt, und das machte es für sie noch schwerer.
Vorzwei Jahren, als die Guerreros noch in einer bequemen, ausreichend großen Wohnung in einem Vorort der Stadt wohnten, war Inez, wenn auch nie eine schöne, so doch eine gutaussehende, gepflegte Frau gewesen. Seitdem aber hatten die Zeit und die Umstände auf ihrem Gesicht ihre verheerenden Spuren hinterlassen und sie, die früher jünger ausgesehen hatte als sie war, wurde nun für beträchtlich älter gehalten. Heute abend hätte Inez, wenn sie noch in ihrem eigenen Haus gewohnt hätte, Erholung und Entspannung in einem heißen Bad gesucht, das sie in schweren Zeiten stets zu beruhigen schien — und schwere Zeiten hatte es im Eheleben der Guerreros sehr oft gegeben. Zwar gab es am Ende des Korridors eine Art Badezimmer, in das sich drei Parteien teilten, aber es war ungeheizt, hatte einen abblätternden Anstrich und einen Gasboiler, der mit Münzen gespeist werden mußte. Schon der Gedanke daran ließ sie schaudern. Sie entschloß sich, eine Weile in dem schäbigen Wohnzimmer sitzen zu bleiben und dann zu Bett zu gehen. Sie hatte keine Ahnung, wo ihr Mann war.
Es dauerte eine ganze Zeit, bis sie den Zettel auf dem Wohnzimmertisch entdeckte.
»Ich komme für ein paar Tage nicht nach Hause. Ich fahre fort. Ich hoffe, daß ich bald gute Nachrichten habe, die dich überraschen werden.«
Nur selten hatte D. O. Guerrero seine Frau noch überraschen können. Unberechenbar war er immer gewesen, und in jüngster Zeit geradezu unvernünftig. Gute Neuigkeiten wären tatsächlich eine Überraschung, aber sie konnte beim besten Willen nicht mehr daran glauben, daß so etwas noch kommen würde. Inez hatte zu oft die ehrgeizigen Pläne ihres Mannes ins Wanken geraten und zusammenstürzen sehen, um noch an die Wahrscheinlichkeit auch nur eines einzigen Erfolgs zu glauben.
Aber der erste Teil der Nachricht war ihr rätselhaft. Wohin ging D. O. für ein paar Tage? Ebenso geheimnisvoll war ihr: Woher hatte er Geld dazu? Am Abend vorher hatten sie beide Kassensturz gemacht. Das Ergebnis war: Sechsundzwanzig Dollar und ein paar Cent. Außer diesem Geld gab es nur noch ein Stück, das sich im Pfandhaus zu versetzen gelohnt hätte, und das gehörte Inez — der Ring ihrer Mutter. Von ihm sich zu trennen, hatte sie sich bisher geweigert. Aber auch er würde wohl bald diesen Weg gehen müssen.
Von den rund sechsundzwanzig Dollar hatte Inez achtzehn für den Einkauf von Lebensmitteln und Mietabzahlung an sich genommen. Sie hatte die Verzweiflung in D. O.'s Gesicht gesehen, als er die übriggebliebenen acht Dollar und das Kleingeld einsteckte.
Inez beschloß, sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, sondern ihre Absicht wahrzumachen und schlafenzugehen. Sie war sogar zu erschöpft, sich besorgt zu fragen, wie es den Kindern gehen mochte, obwohl sie seit über einer Woche nichts von ihrer Schwester in Cleveland, bei der die Kinder waren, gehört hatte. Sie drehte das Licht im Wohnzimmer aus und ging in das enge, schäbige Schlafzimmer.
Sie konnte ihr Nachthemd nicht finden. Der Inhalt der wackligen Kommode schien durcheinandergebracht zu sein. Schließlich fand sie das Nachthemd, zusammen mit drei von D. O.'s Hemden. Das waren seine letzten. Also hatte er, wohin er auch gegangen war, keine Wäsche zum Wechseln mitgenommen. Unter einem der Hemden fand sie ein zusammengefaltetes Blatt gelbes Papier. Sie zog es heraus und entfaltete es.
Das gelbe Blatt war ein gedrucktes Formular, das mit Schreibmaschine ausgefüllt war. Was Inez da vor sich hatte, war ein Durchschlag. Als sie erkannte, was es bedeutete, setzte sie sich ungläubig aufs Bett. Um sicherzugehen, daß sie nichts mißverstanden hatte, las sie das Formular noch einmal durch.
Es war ein Ratenzahlungsvertrag zwischen den Trans America Airlines und D. O. »Buerrero« — der Name hatte, wie sie sah, einen Tippfehler. Der Vertrag bestätigte, daß »Buerrero« einen Rückflugschein nach Rom, Touristenklasse, gegen eine Anzahlung von siebenundvierzig Dollar erhalten hatte und sich verpflichtete, den Rest von vierhundertundsiebenundzwanzig Dollar, plus Zinsen, in Raten innerhalb von vierundzwanzig Monaten zu bezahlen.
Sie begriff das alles nicht.
Inez starrte wie vor den Kopf geschlagen auf das gelbe Formular. In ihrem Kopf jagten sich die Fragen.
Wozu brauchte D. O. überhaupt einen Flugschein? Und wenn einen Flugschein, warum dann nach Rom? Und wie war es mit dem Geld? Er konnte doch unmöglich die Abzahlungen aufbringen, wenn ihr auch diese Seite der Angelegenheit wenigstens verständlich war. D. O. Guerrero war schon so oft Verpflichtungen eingegangen, die er doch nicht bezahlen konnte. Schulden machten ihm nie Sorgen, Inez dafür um so mehr. Doch ganz abgesehen von diesen Schulden: Woher stammten die siebenundvierzig Dollar für die Anzahlung? Das Formular bestätigte den Empfang. Und vor zwei Abenden hatte D. O. noch erklärt, außer dem, was vor ihnen auf dem Tisch läge, hätte er kein Geld mehr. Und was er sonst auch immer tun mochte, eines wußte Inez: Er belog sie nie.
Doch irgendwoher mußten die siebenundvierzig Dollar ja gekommen sein. Woher nur?
Plötzlich fiel ihr der Ring ein. Er war aus Gold und trug einen einzelnen Brillanten in einer Platinfassung. Bis vor einer Woche hatte Inez ihn regelmäßig getragen, aber in letzter Zeit waren ihre Hände immer sehr geschwollen. Darum hatte sie ihn abgezogen und in ein Etui in einer Schublade im Schlafzimmer gelassen. Zum zweitenmal an diesem Abend durchsuchte sie die Schubladen. Das Etui war da — aber leer. Offenbar hatte D. O. den Ring versetzt, um an die siebenundvierzig Dollar zu kommen.
Ihre erste Reaktion war Trauer. Dieser Ring hatte Inez viel bedeutet; er war das letzte Bindeglied mit ihrer Vergangenheit, mit ihrer in alle Welt verstreuten Familie, mit ihrer toten Mutter, die sie in verehrender Erinnerung bewahrte. Doch realistischer: Der Ring, wenn auch nicht besonders wertvoll, war ein letzter Notanker gewesen. Solange der Ring da war, hatte sie das Gefühl, daß er, wie schlimm es auch kommen möge, ihnen einmal für ein paar weitere Tage den Lebensunterhalt sichern würde. Nun war er fort und mit ihm auch dieser letzte kleine Rückhalt.
Zwar wußte sie nun, woher das Geld für den Flugschein gekommen war; das gab ihr jedoch noch keine Antwort auf die Frage wozu? Wozu eine Flugreise? Wozu nach Rom? Immer noch auf dem Bett sitzend, bemühte sich Inez, scharf nachzudenken. In diesem Augenblick setzte sie sich über ihre Müdigkeit hinweg.
Eine besonders intelligente Frau war Inez nicht. Wäre sie das gewesen, hätte sie die fast zwanzigjährige Ehe mit D. O. Guerrero nicht ausgehalten. Auch würde sie sich nicht damit begnügen müssen, als Kaffeehaus-Kellnerin gegen einen armseligen Lohn zu schuften, wenn ihre geistigen Gaben größer gewesen wären. Aber gelegentlich gelang es Inez, durch langes, angestrengtes Nachdenken und mit Hilfe ihres Instinkts zu richtigen Schlußfolgerungen zu kommen. Besonders, wenn es ihren Mann betraf.
Mehr als ihr Verstand alarmierte sie ihr Instinkt, daß D. O. Guer-rero in Schwierigkeiten sei — größeren Schwierigkeiten, als alles, was ihnen bisher zugestoßen war. Zwei Dinge überzeugten sie davon: Seine geistige Verstörtheit in letzter Zeit und die Weite der geplanten Reise. In der gegenwärtigen Lage der Guerreros konnte nur eine unermeßliche Verzweiflungstat einen Flug nach Rom erklären. Sie holte den Zettel aus dem Wohnzimmer und las ihn noch einmal. Im Laufe der Jahre hatte sie viele derartige Zettel vorgefunden. Inez spürte aber, daß dieser etwas anderes meinte, als er besagte.