Zu weiteren Schlüssen kam sie allerdings nicht, aber sie hatte das Gefühl, ja die sich von Minute zu Minute steigernde Gewißheit, daß es irgend etwas gab, das sie tun sollte, unbedingt tun mußte.
Inez kam nicht auf den Gedanken, völlig zu resignieren und D. O. den Folgen seiner jüngsten Torheit, mochte es sein, was es wolle, zu überlassen. Im Grunde hatte sie ein schlichtes Gemüt und war ganz unkompliziert. Vor achtzehn Jahren hatte sie D. O. Guerrero ihr Jawort gegeben »für gute und für schlechte Zeiten«. Daß es meistens schlechte geworden waren, das änderte für Inez nichts an ihrer Verantwortung als Ehefrau.
Vorsichtig und behutsam überlegte sie weiter. Zuerst wollte sie feststellen, ob D. O. bereits abgeflogen war; wenn nicht, dann hatte sie vielleicht noch Zeit, ihn zurückzuhalten. Sie hatte weder eine Ahnung, ob D. O. bereits im Flugzeug saß, noch vor wie vielen Stunden sein Zettel an sie geschrieben worden war. Sie nahm das gelbe Formular wieder vor, jedoch über Tag und Stunde war daraus nichts zu erfahren. Aber sie konnte ja die Fluggesellschaft anrufen — Trans America. So schnell sie konnte, begann Inez die Kleidungsstücke, die sie gerade erst abgelegt hatte, wieder anzuziehen.
Ihre Straßenschuhe drückten sie unverändert, und in ihrem Mantel spürte sie wieder die unangenehme Feuchtigkeit, als sie die enge Treppe hinunterstieg. Im unteren Vorplatz war Schnee unter der Haustür hereingeweht worden und bedeckte die nackten Dielen im Eingang. Draußen lag der Schnee jetzt noch höher als zuvor. Als sie aus dem Schutz des Hauses kam, fiel der eisige, rauhe Wind sie an und fegte ihr wieder Schnee ins Gesicht.
In ihrer Wohnung war kein Telefon. Inez hätte zwar den Telefonapparat in dem Schnellimbiß im Parterre benutzen können, sie wollte aber eine Begegnung mit dem Besitzer vermeiden, der gleichzeitig Wohnungsvermieter war. Er hatte für den nächsten Tag mit der Ausweisung gedroht, wenn der Mietrückstand nicht bezahlt würde. Das war auch etwas, das sie für heute abend aus ihren Gedanken verdrängt hatte und was sie allein auszubaden hatte, wenn D. O. bis morgen nicht zurückkam.
Ein Drugstore mit einer Telefonzelle befand sich anderthalb Block weiter.
Die Uhrzeit war ein Viertel vor zehn.
Das Telefon im Drugstore war durch zwei junge Mädchen besetzt, und Inez mußte fast zehn Minuten warten, bis es frei wurde. Als sie dann die Nummer der Trans America wählte, teilte ihr ein Tonband mit, daß sämtliche Telefonleitungen besetzt seien und sie bitte warten solle. Sie wartete, während das Band sich mehrmals wiederholte, bis eine lebhafte Frauenstimme verkündete, sie sei Miss Young und womit sie dienen könne?
»Ach, bitte«, sagte Inez, »ich möchte mich erkundigen über Flüge nach Rom.«
Als ob auf einen Knopf gedrückt worden wäre, antwortete Miss Young, Trans America habe direkte Non-Stop-Flüge von Lincoln International nach Rom, dienstags und freitags. Über New York gäbe es täglich direkte Anschlüsse, und ob die Anruferin gleich buchen wolle?
»Nein«, antwortete Inez. »Ich will selbst nicht fliegen. Es handelt sich um meinen Mann. Sagten Sie nicht, es gäbe freitags einen Flug, also heute abend?«
»Ja, Madam, unser Flug Zwei, The Golden Argosy. Er startet um zweiundzwanzig Uhr Ortszeit. Allerdings, heute abend wird der Abflug wegen der Wetterlage ausnahmsweise um eine Stunde verschoben.«
Inez konnte die Drugstoreuhr sehen. Im Augenblick war es fünf Minuten nach zehn.
Schnell sagte sie: »Das heißt also, das Flugzeug ist noch nicht fort?«
»Nein, Madam, noch nicht.«
»Bitte . . .« Wie es ihr oft passierte, mußte Inez nach Worten suchen. »Bitte, es ist für mich sehr wichtig, zu erfahren, ob mein Mann mitfliegt. Sein Name ist D. O. Guerrero, und . . .«
»Bedaure sehr, wir dürfen keine Auskunft erteilen.« Miss Young war höflich, aber bestimmt.
»Ich glaube, Sie verstehen nicht, Miss. Ich rede von meinem Mann. Ich bin seine Frau.«
»Ich verstehe sehr wohl, Mrs. Guerrero, und ich bedaure sehr. Aber es ist eine Vorschrift der Gesellschaft.« Miss Young war in den Vorschriften ebensogut geschult wie andere ihresgleichen und kannten deren Grund. Viele Geschäftsleute nahmen ihre Sekretärin oder eine Geliebte mit auf die Reise und schrieben sie als ihre Ehefrauen ein, um von dem Rabatt für Familienangehörige zu profitieren. In letzter Zeit waren ein paar argwöhnische Ehefrauen skeptisch geworden und hatten Passagieren — ihren Ehemännern — Scherereien gemacht. Danach waren die Männer gekommen und hatten sich bitter über Vertrauensbrüche beschwert. Der Erfolg war, daß jetzt die Fluggesellschaften grundsätzlich keine Passagiernamen mehr bekanntgaben.
Inez fragte zögernd: »Besteht denn gar keine Möglichkeit . . .?«
»Wirklich keine.«
»Ach, du lieber Gott!«
»Verstehe ich richtig«, erkundigte sich Miss Young. »Sie glauben, Ihr Mann würde mit Flug Zwei abreisen, wissen es aber nicht genau?«
»Ja, das stimmt.«
»Dann wäre das einzige, was Sie tun könnten, Mrs. Guerrero, daß Sie zum Flughafen hinausfahren. Vielleicht ist die Maschine noch nicht abgefertigt. Wenn Ihr Mann also da ist, könnten Sie ihn dort treffen. Selbst wenn er an Bord gegangen ist, könnte man Ihnen an der Ausgangssperre helfen. Sie müßten sich aber beeilen.«
»Also gut«, sagte Inez. »Wenn es die einzige Möglichkeit ist, werde ich es versuchen.« Sie hatte keine Vorstellung davon, wie sie in weniger als einer Stunde zu dem über zwanzig Meilen entfernten Flughafen kommen sollte. Und dazu der Sturm!
»Warten Sie mal.« Miss Young schien zu zögern, ihre Stimme klang menschlicher, so, als wäre etwas von Inez' Verzweiflung durch den Draht gedrungen. »Ich dürfte es ja eigentlich nicht, Mrs. Guerrero, aber ich will Ihnen einen kleinen Tip geben.«
»Ach ja, bitte!«
»Wenn Sie auf dem Flughafen zur Abflugsperre kommen, sagen Sie nicht, Sie glaubten, Ihr Mann wäre an Bord. Sagen Sie, Sie wüßten, daß er an Bord ist, und Sie müßten ihm noch etwas sagen. Wenn er nicht in der Maschine ist, bekommen Sie das ja heraus. Ist er es aber, dann erleichtert es das dem Mann an der Sperre, Ihnen zu sagen, was Sie wissen wollen.«
»Ich danke Ihnen«, sagte Inez. »Danke Ihnen vielmals.«
»Aber bitte, gern geschehen, Madam.« Miss Young war nun wieder der Automat in Person. »Gute Nacht und vielen Dank für den Anruf bei Trans America.«
Als Inez den Hörer einhängte, fiel ihr etwas ein, was sie beim Hineingehen bemerkt hatte. Vor dem Lokal stand ein Taxi. Jetzt sah sie den Fahrer. Er trug seine gelbe Schirmmütze, stand vor dem Getränkeausschank und unterhielt sich mit einem anderen Mann.
Ein Taxi würde teuer sein, aber wenn sie vor elf Uhr auf dem Flughäfen sein wollte, war das wahrscheinlich die einzige Möglichkeit.
Inez ging zur Theke und berührte den Mann am Arm. »Entschuldigen Sie.«
Der Taxifahrer drehte sich zu ihr um. »Ja, was ist denn?« Er hatte ein ordinäres, gedunsenes Gesicht und war unrasiert.
»Ich möchte gern wissen, was ein Taxi zum Flughafen kostet.«
Der Fahrer musterte sie mit zugekniffenen, berechnenden Augen. »Von hier aus vielleicht neun, zehn Dollar, nach der Uhr.«
Inez wandte sich ab. Das war zuviel — mehr als die Hälfte des geringen Betrages, der ihr noch geblieben war; und dabei war sie nicht einmal sicher, ob. D. O. in der Maschine sein würde.
»Heda! Warten Sie mal!« Der Fahrer leerte seine Cola und folgte Inez, die er an der Tür einholte. »Wieviel haben Sie denn?«
»Darum geht es nicht.« Inez schüttelte den Kopf. »Es ist — das ist einfach mehr, als ich mir leisten kann.«
Der Taxifahrer schnaubte. »Manche Leute denken, sie können so 'ne Fahrt für 'n Butterbrot kriegen. Es ist weit bis da raus.«