»Also los! Machen wir uns auf den Weg!« Rechtsanwalt Free-mantle erhob die Hände gleich einem Moses des Jet-Zeitalters und zitierte falsch: »Denn ich habe Gelöbnisse getan, die Mühe verlangen, eh' ich schlafen kann.«
Das Lachen ging in erneuten Beifall über, und die Leute begannen, sich zum Ausgang hin in Bewegung zu setzen.
Da bemerkte er das Mikrofon, das von der Kirche ausgeliehen worden war, und ordnete an, die Lautsprecheranlage mitzunehmen.
Floyd Zanetta, der Vorsitzende der Versammlung, der praktisch ignoriert wurde, seit Freemantle ihm die Schau gestohlen hatte, beeilte sich, der Anweisung zu folgen.
Freemantle selbst stopfte die unterzeichneten Formulare in seine Mappe. Ein flüchtiger Überschlag zeigte, daß er vorhin zu niedrig geschätzt hatte — es waren mehr als einhundertsechzig Formulare oder ein Honorar von über sechzehntausend Dollar, die er einkassieren konnte. Dazu hatten auch noch viele, die nach vorn gekommen waren, um ihm die Hand zu schütteln, versichert, sie würden ihm am nächsten Morgen ihre Formulare mit beigefügtem Scheck per Post schicken. Anwalt Freemantle strahlte.
Von dem, was auf dem Flughafen wirklich passieren würde, hatte er keine klare Vorstellung, ebensowenig wie er heute abend einen festen Plan dafür gehabt hatte, wie er die Versammlung an sich reißen solle. Elliott Freemantle war gegen feste Pläne. Er zog es vor zu improvisieren, die Dinge sich entwickeln zu lassen und sie dann zu seinem Vorteil in die eine oder andere Richtung zu lenken. Seine Freilaufmethode hatte sich schon einmal an diesem Abend bewährt. Warum nicht ein zweites Mal?
Hauptsache war, die Einwohner von Meadowood in der Überzeugung zu halten, sie hätten einen temperamentvollen Vertreter, der etwas erreichen würde. Man mußte sie in diesem Glauben lassen — bis die Quartalszahlungen, die die Vollmachten vorsahen, geleistet waren. Danach aber, wenn Freemantle sein Geld auf der Bank hatte, war ihre Meinung nicht mehr so wichtig.
Also mußte der Zustand zehn oder elf Monate lang, überlegte er sich, lebendig erhalten werden — und dafür wollte er schon sorgen. Er würde den Leuten alle Aktivität geben, die sie sich nur wün- schen konnten. Es mußten noch weitere Versammlungen und Demonstrationen, außer der heutigen, stattfinden, weil sie den Zeitungen Stoff für Berichte lieferten. Sehr oft gaben Gerichtsverfahren das nicht her. Obwohl er vor ein paar Minuten gesagt hatte, legale Mittel seien die Grundlage, würden die Gerichtsverhandlungen voraussichtlich unspektakulär und wenig ergiebig sein. Selbstverständlich würde er sein Bestes tun, auch vor Gericht ein paar große Auftritte zu inszenieren, obwohl nur noch wenige Richter auf Rechtsanwalt Freemantles aufsehenerregende Praktiken hereinfielen, sondern sie unerbittlich unterdrückten. Aber wirkliche Probleme waren das nicht, vorausgesetzt, daß er sich daran erinnerte — was er in solchen Fällen stets tat —: die Hauptsache war und blieb, für das Wohl und die Ernährung von Elliot Freemantle zu sorgen.
Er konnte sehen, wie einer der Reporter — Tomlinson von der Tribune — draußen vor der Halle eine Telefonzelle benutzte; der andere Reporter war in der Nähe. Gut so! Das bedeutete, daß die Redaktionen in der Stadt alarmiert waren und über alles, was auch immer sich auf dem Flughafen abspielte, berichten würden. Außerdem, wenn frühere Arrangements, die Freemantle getroffen hatte, klappten, würde auch das Fernsehen nicht fehlen.
Die Menge lichtete sich. Es war Zeit zu gehen.
10
Kurz vor dem hellangestrahlten Haupteingang zum Flughafengebäude erlosch das aufblinkende rote Warnlicht des Streifenwagens, der Joe Patroni von der Unfallstelle mit dem umgestürzten Sattelschlepper vorausgefahren war. Der Wagen verlangsamte sein Tempo, und der Polizist am Steuer fuhr an den Bordstein. Er wink- te dem Leiter der Wartungsabteilung der TWA zu, vorbeizufahren. Patroni gab Gas. Als sein Buick Wildcat überholte, winkte Patroni zum Gruß mit seiner Zigarre und drückte zweimal kurz auf die Hupe.
Zwar hatte Patroni den letzten Teil seiner Fahrt schnell zurückgelegt, dennoch hatte er insgesamt drei Stunden für die Strecke von seinem Haus zum Flughafen gebraucht, die er im allgemeinen in vierzig Minuten fuhr. Er hoffte, jetzt einen Teil der verlorenen Zeit aufholen zu können.
Gegen den Schnee und die glatte Fahrbahn ankämpfend, schlängelte er sich durch den Verkehrsstrom zum Flughafen und bog in eine Abzweigung ein, die zum Bereich der Hangars führte. Bei einem Schild »TWA — Wartung« steuerte er scharf nach rechts. Wenige hundert Meter weiter ragte düster und gewichtig die Wartungshalle der Fluggesellschaft auf. Das Haupttor stand offen. Er fuhr direkt hinein.
In der Halle wartete bereits ein Einsatzwagen mit Sprechfunkausrüstung und Fahrer auf ihn. Er sollte Patroni auf das Flugfeld hinausbringen — zu der festgefahrenen Düsenmaschine der Aereo Mexican, die unverändert die Startbahn Drei-Null blockierte. Der Leiter des Wartungsdienstes stieg aus und blieb nur so lange stehen, um unter Mißachtung des Schildes »Rauchen verboten« seine Zigarre wieder anzuzünden, dann hievte er seinen stämmigen Körper in das Führerhaus des Lasters. Er befahl dem Fahrer: »Los, mein Junge, jetzt jagen Sie mal die Nadel hoch.«
Der Wagen raste los, und während sie fuhren, ließ Patroni sich vom Kontrollturm freie Fahrt für ihren Weg geben. Sobald sie den Hangar hinter sich gelassen hatten, hielt sich der Fahrer dicht an die blauen Taxilichter, der einzige Hinweis in der Schneewüste für die Grenze zwischen fester Fahrbahn und unpassierbarem Schnee. Auf Anweisung des Turms hielten sie dicht vor einer Landebahn, auf der eine DC-9 der Delta Air Lines in aufwirbelndem Schnee landete und mit donnernden rückwärts geschalteten Düsenmotoren an ihnen vorbeiraste. Die Bodenkontrolle gab ihnen den Weg über die Landebahn frei und fragte dann: »Spricht dort Joe Patroni?«
»Ja.«
Es folgte eine Unterbrechung, weil der Kontroller sich anderem Verkehr widmen mußte, dann meldete er sich wieder. »Bodenkontrolle an Patroni. Wir haben eine Nachricht von der Flughafendirektion für Sie. Haben Sie verstanden?«
»Hier Patroni. Verstanden.«
»Die Nachricht lautet: Joe, ich wette eine Kiste Zigarren gegen zwei Eintrittskarten zum Baseball, daß Du die festsitzende Maschine auf Drei-Null heute nacht nicht freikriegst, und ich wäre froh, wenn Du gewinnen würdest.< Unterschrift: >Mel Bakersfeld.< Ende der Nachricht.«
Joe Patroni mußte unwillkürlich lachen, als er auf den Schalter des Mikrofons drückte. »Patroni an Bodenkontrolle. Richten Sie ihm aus: >Angenommen.< «
Er hängte das Mikrofon zurück und trieb den Fahrer an: »Machen Sie zu, Mann. Jetzt habe ich was zu gewinnen.«
An der blockierten Kreuzung der Startbahn Drei-Null kam Ingram, der Leiter des Wartungsdienstes der Aereo Mexican, auf den Wagen zu, sobald er anhielt. Ingram hüllte sich fest in seinen Anorak und schützte sein Gesicht, so gut es ging, vor dem beißenden Wind und dem Schnee.
Joe Patroni biß die Spitze einer frischen Zigarre ab, zündete sie diesmal aber nicht an, und kletterte aus dem Führerhaus des Wagens. Auf der Fahrt vom Hangar aufs Flugfeld hinaus hatte er seine Überschuhe gegen ein Paar schwere, pelzgefütterte Stiefel vertauscht. Doch so hoch die Stiefel auch waren, er sank bis über ihren Rand in dem tiefen Schnee ein.
Patroni zog ebenfalls seinen Anorak fest um sich und nickte Ingram zu. Die beiden Männer waren flüchtig miteinander bekannt.
»Also los«, begann Patroni. Er mußte brüllen, um sich bei dem starken Sturm verständlich zu machen. »Erzählen Sie mir, wie es hier aussieht.«
Wie ein ungeheurer, riesiger Albatros ragten Tragfläche und Rumpf der festgefahrenen Boeing 707 in die stürmische Nacht über den beiden Männern auf, während Ingram berichtete. Unter dem Rumpf der großen Düsenmaschine blinkte unaufhörlich die rote Warnleuchte, und nach wie vor stand dicht zusammengedrängt auf dem Taxiweg neben der Maschine die Ansammlung von Lastwagen und Hilfsfahrzeugen, darunter der Bus für das Einsatzkommando und ein dröhnender Generatorwagen.