Der Wartungsleiter der Aereo Mexican faßte zusammen, was er bisher unternommen hatte: das Ausladen der Passagiere und den ersten fehlgeschlagenen Versuch, die Maschine mit eigener Kraft von der Stelle zu bewegen. Anschließend, berichtete er Patroni, habe er die Maschine so weit wie möglich von ihrer Zuladung befreit — von Fracht, Post, Passagiergepäck und dem größten Teil des Treibstoffs, der in Tankwagen übergepumpt worden war. Dann war ein zweiter Versuch unternommen worden, das Flugzeug durch die Triebkraft seiner eigenen Düsenmotoren freizubekommen, der ebenfalls mit einem Fehlschlag endete.
Patroni kaute auf seiner Zigarre, statt sie zu rauchen — eine der seltenen Konzessionen des Wartungschefs der TWA an die Feuersgefahr; denn es roch stark nach dem Treibstoff der Maschine —, und trat näher an das Flugzeug heran. Ingram folgte ihm, und den beiden schlössen sich mehrere Männer des Bergungskommandos an, die aus dem Schutz der Busse auftauchten. Einer der Leute schaltete die transportablen Scheinwerfer «in, die im Halbkreis um die Nase des Flugzeugs aufgebaut waren, damit Patroni sich vom Stand der Dinge ein Bild machen konnte. Die Besichtigung ergab, daß das Hauptfahrwerk teilweise unsichtbar geworden war, eingebettet in einem schwarzen Schlammbad unter der Schneedecke. Das Flugzeug war nur wenige Meter von Startbahn Drei-Null eingesunken, dich an der Kreuzung mit dem Taxiweg, von dem der Pilot der Aereo Mexican in der Dunkelheit und bei dem Schneegestöber abgekommen war. Es war reines Pech, erkannte Patroni, daß ausgerechnet an dieser Stelle der Boden so wasserdurchtränkt war, daß nicht einmal drei Tage Schnee und Frost ausgereicht hatten, ihn genügend zu festigen. Infolgedessen hatten die beiden Versuche, die Maschine durch die Kraft ihrer eigenen Motoren freizubekommen, nur dazu geführt, daß sie noch tiefer in den Schlamm eingesunken war. Jetzt befanden sich die Gehäuse der vier Düsenmotoren unter den Tragflächen bedenklich nahe am Boden.
Ohne den Schnee zu beachten, der ihn wie in einer Szene aus Mit Scott zum Südpol umwirbelte, überprüfte Patroni die Situation und erwog die Erfolgsaussichten.
Noch bestand eine den Versuch lohnende Chance, die Maschine durch die Kraft ihrer eigenen Motoren aus dem Schlamm herauszu-bekommeni entschied er. Wenn das geschafft werden konnte, war es der schnellste Weg. Wenn nicht, mußte man riesige, aufblasbare Bälge aus einem Nylongewebe einsetzen — insgesamt elf —, die unter die Tragflächen und den Rumpf plaziert und mit Hilfe eines Kompressors aufgeblasen wurden. Wenn die Bälge an Ort und Stelle angebracht waren, mußte mit Hilfe schwerer Hebegeräte das Fahrwerk des Flugzeugs angehoben und dann darunter eine solide Unterlage gebaut werden. Aber das würde eine langwierige, schwere und anstrengende Arbeit sein. Joe Patroni hoffte, daß er um sie herumkommen würde.
Er verkündete: »Wir müssen vor dem Fahrwerk tief und breit ausgraben. Ich brauche zwei sechs Fuß breite Gräben bis zu der Stelle, wo die Räder jetzt sind. Unmittelbar vor den Rädern müssen sie waagerecht laufen und dann langsam aufwärts führen.« Er wandte sich Ingram zu. »Da haben wir eine Menge zu graben.«
Ingram nickte: »Kann man wohl sagen.«
»Wenn wir damit fertig sind, starten wir die Motoren und lassen sie alle vier mit voller Kraft laufen.« Patroni deutete auf das bewegungsunfähige stille Flugzeug. »Auf diese Weise sollten wir sie in Gang bekommen. Sobald sie anrollt und die Steigung in den Gräben überwunden hat, schwingen wir sie in diese Richtung.« Er stampfte mit den schweren Stiefeln, die er in dem Lastwagen angezogen hatte, von dem weichen Boden bis zu dem betonierten Taxiweg eine tiefe Spur in den weichen Schnee. »Noch etwas. Vor die Räder wollen wir schwere Bohlen in die Gräben legen, so viele wie möglich. Haben Sie welche hier?«
»Ein paar«, antwortete Ingram. »Auf einem der Lastwagen.«
»Lassen Sie die abladen, und schicken Sie den Fahrer auf dem Flughafen herum, um so viele wie möglich heranzuschaffen. Versuchen Sie es bei allen Gesellschaften und der Wartungsabteilung des Flughafens.«
Die Leute um Patroni und Ingram riefen nach den anderen, die aus dem Bus ausstiegen. Zwei Männer schlugen eine schneebedeckte Zeltbahn von einem Lastwagen zurück, der Schaufeln und andere Werkzeuge geladen hatte. Die Schaufeln wurden von den schattenhaften Gestalten, die sich außerhalb des erleuchteten Halbkreises bewegten, aneinander weitergereicht. Der treibende Schnee machte es den Männern manchmal schwer, sich gegenseitig zu erkennen. Sie warteten auf den Befehl, anzufangen.
Die Einstiegtreppe, die zur vorderen Kabinentür der 707 führte, war bisher stehengelassen worden. Patroni deutete darauf. »Sind die Fliegerknaben noch an Bord?«
»Sind sie«, knurrte Ingram. »Dieser verdammte Kapitän und sein Erster Offizier.«
Patroni sah ihn scharf an. »Haben sie Ihnen Ärger gemacht?«
»Nicht durch das, was sie gemacht, sondern durch das, was sie nicht gemacht haben«, antwortete Ingram verdrossen. »Als ich herkam, wollte ich, daß sie die Motoren mit voller Kraft laufen ließen, genauso wie Sie gesagt haben. Wenn sie das auch gleich gemacht hätten, wäre die Maschine vermutlich freigekommen, aber dazu hatten sie nicht den Mumm, und deshalb sitzen sie jetzt noch tiefer drin. Der Kapitän hat heute abend schon einen dicken Patzer gemacht, das weiß er. Und jetzt hat er eine Todesangst, er könnte die Maschine auf die Schnauze stellen.«
Joe Patroni grinste. »An seiner Stelle ginge es mir wahrscheinlich genauso.« Er hatte seine Zigarre zu Fetzen zerkaut. Er warf sie in den Schnee und griff unter seinen Anorak nach einer neuen. »Mit dem Kapitän spreche ich später. Ist ein Telefon zum Cockpit angeschlossen?«
»Ja.«
»Dann rufen Sie an. Sagen Sie, daß wir an der Arbeit sind und ich bald zu ihm hinaufkäme.«
»Wird gemacht.« Während Ingram näher an das Flugzeug heranging, rief er den etwa zwanzig versammelten Männern des Arbeitskommandos zu: »Los jetzt, Leute. Fangen wir an zu graben.«
Joe Patroni griff selbst nach einer Schaufel, und gleich darauf schaufelte die ganze Gruppe Schnee, Schlamm und Erde auf die Seite.
Nachdem Ingram über das an den Rumpf angeschlossene Telefon mit den Piloten hoch oben in ihrem Cockpit gesprochen hatte, begann er mit vor Kälte klammen Händen in dem eisigen Schlamm herumzutasten, um mit Hilfe eines Mechanikers die erste Bohle vor den Rädern des Flugzeugs auszulegen.
Weit entfernt über dem Flugfeld, wo sich in dem wehenden Schnee die Sichtweite ständig veränderte, wurden gelegentlich die Positionslichter startender und landender Flugzeuge sichtbar, und der Wind trug das hohe, schrille Jaulen der Düsenmotoren an die Ohren der arbeitenden Männer. Aber Startbahn Drei-Null, ganz in der Nähe, lag weiterhin still und verlassen.
Joe Patroni rechnete nach. Wahrscheinlich würde eine Stunde vergehen, ehe die Grabarbeit beendet war und die Motoren der Boeing 707 angelassen und versucht werden konnte, den großen Luftkreuzer durch die Gräben aus dem Schlamm herausrollen zu lassen. Die Gräben begannen schon Form anzunehmen, aber die Männer, die sie gruben, mußten in Schichten arbeiten und sich abwechselnd in dem Mannschaftsbus, der nach wie vor auf dem Taxiweg stand, ausruhen und aufwärmen.
Jetzt war es halb elf. Mit etwas Glück, überlegte Joe Patroni, konnte er kurz nach Mitternacht wieder zu Hause und im Bett sein — bei Marie.
Um diese Aussicht der Verwirklichung näher zu bringen, aber auch um sich warm zu halten, schaufelte Joe Patroni noch angestrengter weiter.
11
Im Cloud Captain's Coffee Shop bestellte Kapitän Vernon De-merest Tee für Gwen und schwarzen Kaffee für sich selbst.
Kaffee hielt ihn — wie er es sollte — munter; von hier bis Rom würde er vermutlich noch ein Dutzend weitere Tassen brauchen. Obwohl Kapitän Harris heute nacht die Hauptarbeit beim Steuern von Flug Zwei zufiel, beabsichtigte Demerest nicht, sich geistig zu entspannen. Das tat er in der Luft selten. Er wußte, wie die meisten erfahrenen Kapitäne, daß nur die Flieger die Chance hatten, in ihrem Bett an Altersschwäche zu sterben, die während ihrer Laufbahn immer imstande waren, sofort mit dem Unerwarteten fertig zu werden.