»Wir sind beide so ungewöhnlich schweigsam«, sagte Gwen mit ihrem sanften englischen Akzent. »Kaum ein Wort haben wir gesprochen, seit wir auf den Flughafen gekommen sind.«
Vor ein paar Minuten erst hatten sie nach Bekanntgabe der ein-stündigen Verspätung das Gedränge an der Abfertigung verlassen. Es war ihnen gelungen, eine Nische im rückwärtigen Teil der Kaffeestube zu ergattern, und Gwen blickte nun in den Spiegel ihrer Puderdose und brachte ihr Haar in Ordnung, das voll und glänzend unter der schnittigen Trans-America-Stewardessmütze hervorquoll. Ihre dunklen, ausdrucksvollen Augen bildeten flüchtig vom Spiegel zu Vernons Gesicht auf.
»Ich habe nicht geredet«, sagte Demerest, »weil ich nachdachte, das ist alles.«
Gwen befeuchtete ihre Lippen, aber benutzte keinen Lippenstift — die Fluglinien hatten strenge Vorschriften über das Zurechtmachen der Stewardessen in der Öffentlichkeit. Ohnehin benutzte Gwen sehr wenig Make-up: Ihr Teint hatte diesen Milch-und-Ro-sen-Ton, der so vielen englischen Mädchen angeboren zu sein scheint.
»Nachgedacht worüber? Dein traumatisches Erlebnis — die Ankündigung, daß wir Eltern werden?« Gwen lächelte ironisch und sagte dann: »Kapitän Vernon Waldo Demerest und Miß Gwendo-lyn Meighen geben die baldige Ankunft ihres ersten Kindes bekannt, eines — ja, was denn? . . . Das wissen wir ja noch nicht. Noch sieben Monate lang nicht. Na, wir brauchen nicht lange zu warten.«
Er blieb schweigsam, während Kaffee und Tee gebracht wurden, dann protestierte er: »Um Gottes willen, Gwen, laß uns ernst bleiben.«
»Warum denn? Besonders, wo ich es nicht mal ernst nehme.
Wenn sich schon einer Sorgen machen muß, sollte ich das doch sein.«
Er war schon im Begriff, etwas zu erwidern, als Gwen unter dem Tisch seine Hand ergriff. Ihr Ausdruck ging in Mitgefühl über.
»Entschuldige. Ich glaube, das Ganze zerrt ein bißchen an unseren Nerven.«
Das war die Äußerung, auf die Demerest gewartet hatte. Vorsichtig sagte er: »Es braucht uns nicht zu beunruhigen. Denn, wenn wir nicht wollen, müssen wir nicht Eltern werden.«
»Gut«, sagte Gwen sachlich. »Ich habe mich schon gefragt, wann du damit herausrücken würdest.« Sie klappte ihre Puderdose zu und steckte sie ein. »Im Wagen warst du beinah so weit, nicht wahr? Dann hast du dir es anders überlegt.«
»Was anders überlegt?«
»Nein, wirklich, Vernon! Warum heucheln? Wir wissen beide ganz genau, wovon du sprichst. Du bist für eine Abtreibung, daran hast du immer gedacht, seit ich dir gesagt habe, daß ich schwanger bin. Hab' ich recht?«
Er nickte zögernd. »Ja.« Er fand Gwens Direktheit immer noch entwaffnend.
»Was ist los? Hast du gedacht, ich hätte noch nie im Leben von Abtreibung gehört?«
Demerest schielte über die Schulter, aus Angst, sie könnten gehört werden, aber das Geschirrklappern und Stimmengeräusch übertönte alles.
»Ich war nicht sicher, was du dazu sagen würdest.«
»Ich bin selbst nicht sicher.« Nun war es an Gwen, ernst zu werden. Sie sah auf ihre Hände hinunter, die langen, schlanken Finger, die er so bewunderte und die sie nun vor der Brust gefaltet hatte. »Ich habe darüber nachgedacht, aber ich weiß es immer noch nicht.«
Er fühlte sich ermutigt. Wenigstens war das keine zugeschlagene Tür, keine glatte Ablehnung.
Er versuchte die reine Vernunft sprechen zu lassen. »Es ist wirklich das einzig Vernünftige. In gewisser Weise ist es vielleicht unangenehm, daran zu denken, aber schließlich geht es schnell vorüber, und wenn es ordentlich gemacht wird, therapeutisch, ist keine Gefahr damit verbunden, keine Komplikation zu befürchten.«
»Ja, ich weiß«, sagte Gwen. »Es ist alles schrecklich einfach. Tust du's oder tust du's nicht?« Sie blickte ihn direkt an. »So ist es doch?«
»So ist es.«
Er trank seinen Kaffee. Vielleicht war es einfacher, als er gedacht hatte.
»Vernon«, sagte Gwen leise, »hast du auch einmal daran gedacht, daß das, was jetzt in mir ist, ein Menschenwesen ist? Daß es lebendig ist, eine Persönlichkeit — schon jetzt? Wir haben uns geliebt. Es ist wie du und ich; ein Teil von uns!« Ihre Augen, beunruhigter, als er sie je gesehen hatte, suchten auf seinem Gesicht eine Antwort.
Mit nachdrücklicher Betonung und in absichtlich barschem Ton sagte er: »Das stimmt nicht. Ein Fötus ist in diesem Stadium kein menschliches Wesen; noch keine Persönlichkeit, noch nicht. Vielleicht später, aber jetzt noch nicht. Das lebt nicht, atmet nicht und fühlt nicht. Eine Abtreibung — besonders so zeitig — ist nicht dasselbe, wie ein Menschenleben zu vernichten.«
Gwen reagierte aufgebracht, wie schon im Auto bei der Herfahrt. »Du meinst, später wäre es nicht so in Ordnung? Wenn wir noch warteten und dann eine Abtreibung machten, wäre es vielleicht nicht so ethisch. Wenn das Baby schon fertig ausgebildet ist, seine Finger und Zehen schon alle fertig sind? Es dann umzubringen, wäre schlimmer als jetzt? Ist das richtig, Vernon?« Demerest schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber du hast es so gemeint?«
»Wenn es so klang, war das nicht meine Absicht. Auf jeden Fall verdrehst du die Worte.«
Gwen seufzte. »Ich bin eben eine Frau.«
»Niemand hat ein größeres Recht dazu.«
Er lächelte; seine Augen wanderten zu ihr hinüber. Der Gedanke an Neapel, mit Gwen — in wenigen Stunden —, erregte ihn immer noch.
»Ich liebe dich, Vernon. Wirklich, das tu ich.«
Unter dem Tisch ergriff er wieder ihre Hand. »Ich weiß es. Deshalb ist es auch so schwer für uns beide.« »Ja, das ist es«, bestätigte Gwen langsam, als dächte sie laut. »Ich habe noch nie ein Kind empfangen, und bis das geschieht, fragt sich eine Frau immer, ob sie überhaupt dazu fähig ist. Wenn man dann erfährt, wie ich es jetzt erfuhr, daß die Antwort ein >Ja< ist, dann ist das eine Art Geschenk, ein Gefühl — das nur eine Frau hat, das ist so groß und wundervoll. Und dann plötzlich, wie in unserer Situation, steht man davor, daß alles aus ist, daß alles vergeudet wird, was geschenkt worden ist.« Ihre Augen waren feucht. »Kannst du das verstehen, Vernon? Richtig verstehen?«
Er antwortete zart: »Ja. Ich glaube, ja.«
»Der Unterschied zwischen dir und mir ist, daß du schon ein Kind gehabt hast!«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Kinder. Sarah und ich . . .«
»Nicht in deiner Ehe. Aber da war doch ein Kind, wie du erzähltest. Ein kleines Mädchen; das durch das 3-PPP-Programm« — sie zeigte den Anflug eines Lächelns —, »das adoptiert wurde. Was nun auch passieren mag, da ist immer irgendwo jemand, der wieder du ist.«
Er sagte nichts.
Gwen fragte: »Denkst du noch manchmal an es? Fragst du dich manchmal, wo es wohl sein mag, wie es wohl aussieht?«
Es gab keinen Grund zu lügen. »Ja«, sagte er, »manchmal tu ich das.«
»Gibt es keine Möglichkeit, es zu finden?«
Er schüttelte den Kopf. Er habe sich einmal erkundigt, aber erfahren, nach erfolgter Adoption würden die Akten vernichtet. Es gebe keine Möglichkeit, nie.
Gwen trank einen Schluck Tee. Über den Tassenrand hinweg betrachtete sie die überfüllte Kaffeestube. Er spürte, daß ihre Fassung wiedergekehrt war; die Vorahnung von Tränen war verschwunden.
Lächelnd sagte sie: »Du lieber Himmel, was für eine Menge Unannehmlichkeiten ich dir mache!«
Er antwortete, und es war ihm ernst: »Meine Sorgen spielen keine Rolle. Nur das, was für dich das Beste ist.«