Выбрать главу

Außerdem legten die Fluglinien keinen Wert darauf, Fluggäste zu verschnupfen, die es vielleicht verärgerte, eine Versicherung nicht in der gewohnten Weise abschließen zu können. Daher hatten die Piloten allein die Initiative ergriffen — und auch die Schmähungen auf sich genommen.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, war Kapitän Demerest ein paar Sekunden lang stehengeblieben und hatte die Geschäftigkeit an dem Versicherungskiosk betrachtet. Jetzt sah er einen Neuankömmling sich der Schlange anschließen — ein nervös wirkender spindeldürrer Mann mit gebeugtem Rücken und einem kleinen sandfarbenen Schnurrbart. Der Mann trug einen kleinen Aktenkoffer und schien wegen der Zeit beunruhigt zu sein; wiederholt blickte er zu der Zentraluhr hinauf und verglich sie mit seiner eigenen Uhr. Die Länge der Schlange vor ihm machte ihn sichtlich ungeduldig.

Mißbilligend dachte Demerest, der Mann hat sich nicht genug Zeit genommen, er sollte die Versicherung vergessen und machen,

daß er an Bord seines Flugzeugs kommt.

Dann mahnte Demerest sich selbst, daß er in die Pilotenkanzel von Flug Zwei zurück mußte. Schnell machte er sich auf den Weg zur Abfertigung der Trans America; jeden Augenblick konnte jetzt der erste Aufruf, an Bord zu gehen, erfolgen. Ah — da war er schon!

»Trans America gibt den Abflug von Flug Zwei nach Rom bekannt, The Golden Argosy.«

Kapitän Demerest war länger im Hauptgebäude geblieben, als er beabsichtigt hatte. Während er sich beeilte, ging die Ansage klar und deutlich über dem Lärm in der Halle weiter.

12

». . . Flug Zwei, The Golden Argosy, nach Rom. Die Maschine ist jetzt bereit zum Einsteigen. Die Fluggäste mit bestätigten Buchungen . . .«

Eine Abflugankündigung hat für die Leute, die sie hören, verschiedene Bedeutungen. Für einen Teil ist es reine Routine, ein Aufruf zu einer weiteren ermüdenden Geschäftsreise, die manche, wenn sie die Wahl hätten, nicht machen würden. Für andere bedeutet eine Flugankündigung den Beginn von Abenteuern; für wieder andere die Annäherung an ein Ziel — die Heimkehr. Einigen bringt sie Betrübnis und Abschied; anderen, im Gegenteil, Aussicht auf Wiedersehen und Freude. Einige hören Flugankündigungen nur für andere, für Freunde oder Verwandte, die die Reise antreten; für sie selbst sind die Namen der Bestimmungsorte mit sehnsuchtsvollen flüchtigen Vorstellungen weit entfernter Gegenden verbunden, die sie nie zu Gesicht bekommen würden. Bei einer Handvoll lösen sie Angst aus; wenige nur nehmen sie gleichgültig hin. Sie sind das Signal, daß ein Aufbruch begonnen hat. Ein Flugzeug steht bereit; es ist Zeit, an Bord zu gehen, aber nicht Zeit, um zu trödeln, denn nur selten warten Fluglinien auf einzelne Passagiere. In Kürze würde die Maschine in das für die Menschen unnatürliche Element, die Luft, aufsteigen; und da es unnatürlich war, umwitterte den Aufbruch stets ein Hauch von Abenteuer und Romantik, der immer bestehenbleiben würde.

An der technischen Ankündigung eines Flugs ist nichts Romantisches. Sie geht von einem Gerät aus, das in mancher Beziehung einem Musikautomaten ähnelt, nur daß die Druckknöpfe betätigt werden, ohne daß Münzen gebraucht werden. Die Druckknöpfe befinden sich auf einem Armaturenbrett in der Fluginformationskontrolle, einem Miniaturkontrollturm — jede Fluggesellschaft hat ihre eigene F.I.K. oder etwas Entsprechendes über den Ausgängen. Eine Angestellte drückt auf diese Knöpfe in einer bestimmten Reihenfolge, und alles weitere übernimmt das Gerät.

Fast alle Flugankündigungen wurden vorher auf Tonbänder aufgenommen. Obwohl jede Ankündigung für das Ohr in sich geschlossen klang, war sie das nie, denn sie bestand aus drei verschiedenen Bändern. Das erste Band nannte die Fluglinie und den Flug, das zweite beschrieb die Ladephase, Vorbereitung, Anbordnahme, oder Schluß;das dritte Band bezeichnete die Nummern des Ausgangs. Da die drei Aufzeichnungen ohne Pause aufeinanderfolgten, klangen sie zusammenhängend, und das sollten sie auch.

Menschen, die quasi-menschliche Automaten nicht liebten, freuten sich manchmal, wenn die Tonbänder verkehrt arbeiteten. Gelegentlich verklemmte sich irgendwas in dem Gerät, und die Folge war, daß Passagiere für ein halbes Dutzend Flüge an ein und denselben Ausgang dirigiert wurden. Das dadurch hervorgerufene Chaos in Form von tausend oder noch mehr verwirrten und ungeduldigen Passagieren war für die Fluglinienangestellten ein Alptraum.

Für Flug Zwei funktionierte die Apparatur heute abend.

». . . Passagiere mit bestätigten Buchungen wollen sich bitte zum Ausgang siebenundvierzig begeben, der blaue Warteraum >D<.«

Nunmehr hatten Tausende im Flughafen die Ansage von Flug Zwei gehört. Einige ging es mehr an als die anderen. Einige, die es jetzt noch nichts anging, würden davon betroffen sein, ehe die Nacht um war.

Mehr als hundertfünfzig Passagiere von Flug Zwei hörten die Ankündigung. Diejenigen, die abgefertigt waren, aber Ausgang siebenundvierzig noch nicht erreicht hatten, hasteten dorthin, darunter ein paar, die eben erst angekommen waren und sich im Gehen noch den Schnee von den Kleidern klopften.

Die rangälteste Stewardess, Gwen Meighen, brachte einige Familien mit kleinen Kindern an Bord, als die Ansage über die Gangway hallte. Sie benutzte das Bordtelefon, um Kapitän Anson Harris zu verständigen, und machte sich auf den Ansturm der Passagiere in den nächsten paar Minuten gefaßt. Noch vor den Passagieren kam Kapitän Vernon Demerest an Bord, eilte nach vorn und schloß die Tür der Pilotenkanzel hinter sich.

Anson Harris, der mit dem Zweiten Offizier Cy Jordan zusammenarbeitete, hatte bereits mit der Flugvorkontrolle begonnen.

»Da wären wir«, sagte Demerest. Er schob sich auf den Platz des Ersten Offiziers auf der rechten Seite und nahm den Hefter mit der Kontrolliste an sich. Jordan nahm wieder seinen ständigen Platz hinter den beiden anderen ein.

Mel Bakersfeld war immer noch in der Haupthalle, hörte die Ansage und erinnerte sich, daß The Golden Argosy ja Vernon Deme-rests Flug war. Mel bedauerte ehrlich, daß wieder einmal eine Gelegenheit, die Feindseligkeiten zwischen sich und seinem Schwager zu beenden, oder wenigstens zu vermindern, versäumt worden war. Nun waren ihre persönlichen Beziehungen womöglich noch schlechter als vorher. Mel fragte sich, wieviel Schuld dabei auf sein eigenes Konto ginge; ein Teil bestimmt, denn Vernon Demerest schien die Gabe zu haben, die schlechtesten Eigenschaften in ihm wachzurufen, aber Mel glaubte ehrlich, daß ihr Streit vorwiegend auf Ver-nons Kappe ging. Zum Teil beruhten die Schwierigkeiten darauf, daß Vernon sich selbst als ein höheres Wesen betrachtete und es übelnahm, wenn andere das nicht widerspruchslos hinnahmen. Aber eine ganze Reihe von Piloten, die Mel kannte — vor allem Kapitäne —, hatten die gleiche hohe Meinung von sich.

Mel kochte immer noch, wenn er daran dachte, wie Vernon nach jener Verwaltungsratssitzung behauptet hatte, Menschen wie Mel seien »bodenverhaftet, schreibtischgebunden, hätten Spatzengehirne«. Als ob das Fliegen eines Flugzeuges, dachte Mel, im Vergleich mit anderen Tätigkeiten so etwas verdammt Extra-Besonderes wäre!

Doch trotzdem wünschte sich Mel, er könnte heute nacht wieder einmal für ein paar Stunden Pilot sein und stünde — so wie Ver-non — vor einem Flug nach Rom. Es fiel ihm ein, wie Vernon Demerest vom Genießen der Sonne in Italien gesprochen hatte. Mel hätte davon im Augenblick etwas vertragen können und etwas weniger Luftfahrtlogistik am Boden. Heute abend schienen die sicheren Bindungen an die Erde noch zäher als sonst zu sein.

Polizeileutnant Ned Ordway, der vor ein paar Minuten Mel Bakersfeld verlassen hatte, hörte durch den offenstehenden Eingang einer kleinen Wache direkt an der Haupthalle die Ansage von Flug Zwei. Ordway erhielt gerade einen telefonischen Bericht von seinem Sergeanten in der Hauptwache der Flughafenpolizei. Der Funkmeldung eines Polizeiwagens zufolge sei ein starker Zustrom von vollbesetzten Privatwagen auf die Parkplätze zu verzeichnen, und es würden Schwierigkeiten entstehen, sie alle unterzubringen. Überprüfungen hätten ergeben, daß die Mehrzahl der Wageninsassen aus der Gemeinde Meadowood stammten, also Teilnehmer der Antilärmdemonstration seien, von der Leutnant Ordway ja schon gehört habe. Wie der Leutnant befohlen habe, seien bereits Polizeiverstärkungen unterwegs zum Flughafen.