Ein paar hundert Meter von Leutnant Ordway entfernt, in einer Wartenische für Fluggäste, machte die kleine alte Dame aus San Diego, Mrs. Ada Quonsett, eine Pause in ihrer Unterhaltung mit dem jungen Peter Coakley von der Trans America, während die beiden auf die Ankündigung von Flug Zwei horchten.
Sie saßen nebeneinander auf einer der ledergepolsterten Bankreihen. Mrs. Quonsett hatte gerade die Verdienste ihres verstorbenen Mannes in Ausdrücken beschrieben, wie Queen Victoria sie benutzt haben muß, wenn sie von Prinz Albert sprach. »So ein liebenswerter Mann, so verständig und gutaussehend. Er begegnete mir ja erst in seinen späteren Jahren, doch stelle ich mir vor, daß er Ihnen in seinen jungen Jahren sehr ähnlich gesehen haben muß.«
Peter Coakley grinste einfältig, so wie er es in den vergangenen anderthalb Stunden schon oft getan hatte. Seit er Tanya Livingston mit ihrem Auftrag verlassen hatte, bei der alten Schwarzflugdame bis zum Abgang ihres Rückfluges nach Los Angeles zu bleiben, hatte ihr Gespräch in der Hauptsache aus einem Monolog von Mrs. Quonsett bestanden, in dem Peter Coakley oft und schmeichelhaft mit dem verstorbenen Herbert Quonsett verglichen worden war. Es war ein Thema, das Peter entschieden ermüdet hatte. Er merkte nicht, daß Ada Quonsett listigerweise gerade das im Schilde führte.
Verstohlen gähnte Peter; mit solcher Art Arbeit hatte er nicht gerechnet, als er bei der Trans America als Passagieragent eintrat. Er kam sich wie ein Hanswurst vor, da in Uniform zu sitzen und das Kindermädchen für eine harmlose, schwatzhafte alte Dame zu spielen, die gut seine Urgroßmutter hätte sein können. Er hoffte, dieser Dienst hätte nun bald ein Ende. Es war Pech, daß Mrs. Quonsetts Flug nach Los Angeles, wie die meisten anderen heute abend, des Sturmes wegen verschoben war; sonst wäre die alte Schachtel bereits seit einer Stunde unterwegs. Er hoffte, daß der Flug nach Los Angeles bald aufgerufen würde. Indessen ging die Ankündigung von Flug Zwei weiter, und das war eine willkommene, wenn auch kurze Erholungspause. Der junge Peter Coakley hatte Tanyas zur Vorsicht mahnenden Worte schon vergessen: »Vergessen Sie nicht — sie hat einen Sack voll Tricks.«
»Hören Sie nur!« sagte Mrs. Quonsett, als die Ansage zu Ende war. »Ein Flug nach Rom! Ach, ein Flughafen ist doch zu interessant, finden Sie nicht? Besonders für einen intelligenten jungen Mann wie Sie. Wenn es einen Ort gibt, von dem mein lieber Mann wünschte, daß wir ihn gemeinsam sehen sollten, dann war es Rom.« Sie faltete die Hände, zwischen denen sie ein winziges Spitzentaschentuch hielt, und seufzte. »Es war uns nie vergönnt.«
Während sie redete, arbeitete es in Ada Quonsetts Kopf mit der Präzision einer guten Schweizer Uhr. Was sie wollte, war: diesem Kind in Männeruniform zu entwischen. Wenn es ihm auch sichtlich langweilig wurde, so war doch Langeweile an sich nicht genug: er war und blieb da. Was sie nun tun mußte, das war, für eine Situation zu sorgen, in der aus Langeweile Unachtsamkeit würde. Es mußte aber bald sein.
Mrs. Quonsett hatte ihre ursprüngliche Absicht nicht vergessen — sich in einen Flug nach New York einzuschmuggeln. Sie hatte sorgfältig auf die Ansagen der Abflüge nach New York geachtet, und fünf Flüge verschiedener Linien waren aufgerufen worden, aber keiner im richtigen Augenblick, das heißt, mit einer aussichtsreichen Chance, unbemerkt ihrem jungen Bewacher zu entkommen.
Sie wußte nicht, ob noch ein weiterer Abflug nach New York bevorstand, ehe die Maschine der Trans America nach Los Angeles startete — der Flug, den sie benutzen sollte, aber nicht wollte.
Alles andere ist besser, sagte sich Mrs. Quonsett, als nach Los Angeles zurückzufliegen. Aber auch alles! — Sogar — plötzlich hatte sie einen Einfall —, sogar an Bord der Maschine zu jenem Flug nach Rom zu gehen.
Noch zögerte sie. Aber warum eigentlich nicht? Vieles vom dem, was sie heute abend über Herbert gesagt hatte, stimmte nicht, aber richtig war, daß sie sich zusammen einmal Ansichtspostkarten von Rom angesehen hatten . . . Und wenn sie nicht weiter als bis zum Flughafen von Rom käme, wäre sie doch wenigstens einmal dort gewesen; dann könnte sie doch Blanche etwas erzählen, wenn sie schließlich nach New York käme. Ebenso wohltuend würde es sein, der rothaarigen Hexe von der Passagierbetreuung eins auszuwischen . . . Aber würde sie es schaffen? Und wie war die Nummer des Ausgangs, die sie gerade angesagt hatten? War es nicht. . . Ausgang siebenundvierzig im Blauen Warteraum »D«? Ja, sie war sicher.
Natürlich konnte der Flug voll besetzt und kein Platz mehr für einen blinden Passagier oder sonst jemanden sein, aber das war ja ein Risiko, das man immer einging. Und außerdem, fiel ihr ein, brauchte man für einen Flug nach Italien einen Paß, um an Bord zu kommen. Sie mußte überlegen, wie das zu machen war. Und selbst jetzt noch, wenn ein Flug nach New York angesagt würde . . . Hauptsache war jetzt, nicht dazusitzen, sondern irgend etwas zu unternehmen. Mrs. Quonsett begann mit ihren zarten faltigen Händen zu zittern. »O Gott!« stöhnte sie, »O Gott!« Die Finger ihrer rechten Hand nestelten an ihrer altmodisch hochgeschlossenen Bluse, sie betupfte ihren Mund mit dem Spitzentüchlein und ließ einen leisen, tiefen Seufzer hören.
Ein Ausdruck höchster Beunruhigung erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes. »Was ist denn, Mrs. Quonsett? Was fehlt Ihnen?«
Ihre Augen schlössen sich und öffneten sich wieder. »Es tut mir so leid. Ich fühle mich gar nicht wohl.«
Peter Coakley erkundigte sich besorgt: »Soll ich Hilfe holen? Einen Arzt?«
»Ich möchte doch keine Umstände machen.«
»Das sind doch keine . . .«
»Nein«, Mrs. Quonsett schüttelte schwach den Kopf. »Ich glaube, ich werde mal zur Toilette gehen. Ich denke, es geht vorüber.«
Dem jungen Angestellten schien das zweifelhaft. Er wollte nicht riskieren, daß ihm die alte Dame unter den Händen starb, und danach sah es beinahe aus. Besorgt fragte er: »Glauben Sie wirklich?«
»Ja, ganz sicher.« Mrs. Quonsett hatte nicht die Absicht, hier in der Haupthalle des Flughafens Aufsehen zu erregen. Es waren zu viele Menschen in der Nähe, die sie beobachten würden. »Bitte helfen Sie mir auf — danke — wenn Sie mir jetzt Ihren Arm geben wollen — ich glaube, die Toiletten sind da drüben!« Auf dem Weg dahin stöhnte sie ein paarmal leise, was bei Peter Coakley ängstliche Blicke zur Folge hatte. Sie beruhigte ihn: »Ich habe schon einmal so einen Anfall gehabt. Ich bin sicher, es wird bald besser.«
Vor der Tür zur Damentoilette gab sie Coakleys Arm frei. »Sie sind wirklich freundlich zu einer alten Dame. So viele junge Männer sind heutzutage — o Gott! —« Sie verwarnte sich selbst: Das war jetzt genug; sie mußte sich vor Übertreibungen hüten. »Werden Sie hier auf mich warten? Sie werden doch nicht weggehen?«
»O nein. Ich bleibe hier.«
»Danke!« Sie öffnete die Tür und verschwand. Im Innern waren zwanzig oder dreißig Frauen. Überall auf dem Flughafen blühte heute abend das Geschäft, dachte Mrs. Quonsett, sogar bei den Toiletten. Nun brauchte sie einen Bundesgenossen. Sorgsam sondierte sie das Schlachtfeld, bis sie sich eine Frau vom Typ Sekretärin ausgesucht hatte, die es nicht sehr eilig zu haben schien. Mrs. Quonsett schlich sich zu ihr hinüber.
»Entschuldigen Sie, ich fühle mich nicht ganz wohl. Würden Sie mir vielleicht helfen?« Die kleine alte Dame aus San Diego fummelte mit ihren Händen, schloß die Augen und öffnete sie wieder, wie sie es bei Peter Coakley getan hatte.