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Zum ersten Male merkte er, wie wirkungsvoll dieses Lächeln war und warum kein wirklicher Protest von den anderen erfolgte. Als das Mädchen ihn direkt ansah, hatte Guerrero, auf den Frauen selten Eindruck machten, das Gefühl dahinzuschmelzen. Sie hatte aber auch den größten Busen, den er je gesehen hatte.

»Mein Name ist Bunnie«, sagte das Mädchen mit seinem europäischen Akzent. »Wie ist der Ihre?« Ihr Kugelschreiber war gezückt.

Als Verkäuferin von Versicherungspolicen auf dem Flughafen war Bunnie Vorobioff bemerkenswert erfolgreich. Sie stammte nicht, wie D. O. Guerrero gedacht hatte, aus Ungarn, sondern aus Glauchau in Ostdeutschland und war über die Berliner Mauer in die Staaten gekommen. Bunnie, die damals noch Gretchen Vorobioff hieß und die schlichte, flachbrüstige Tochter eines kleinen kommunistischen Funktionärs und selbst Jungkommunistin war, kam nachts mit zwei männlichen Kameraden über die Mauer. Die beiden jungen Männer wurden von den Scheinwerfern erfaßt und erschossen. Bunnie dagegen hatte Glück; sie entging den Suchlich-tern und Schußwaffen und überlebte, denn Überleben war eine Fähigkeit, die für sie ganz natürlich zu sein schien.

Später, bei ihrer Ankunft in den USA, als Einwanderin von zwanzig Jahren, hatte sie das amerikanische freie Unternehmertum und seine Wohltaten mit der Begeisterung eines religiösen Konvertiten in sich aufgenommen. Sie arbeitete schwer als Hilfskraft in einem Krankenhaus, wo sie eine gewisse Ausbildung erhielt, und gleichzeitig nachts als Kellnerin. In die noch übrige Zeit quetschte sie irgendwie einen Englischkurs bei der Berlitz-School, und es gelang ihr auch noch ins Bett zu gehen — manchmal nur um zu schlafen, meistens aber mit Assistenzärzten des Krankenhauses. Die Assistenzärzte belohnten Gretchens sexuelle Gunstbeweise damit, daß sie sie mit Brustinjektionen behandelten. Es begann zufällig und endete als heiteres Gruppenexperiment, um einmal zu sehen, wie groß ihre Brüste wohl werden würden. Ehe sie mehr als gargantuanisch werden konnten, erprobte sie glücklicherweise ihre neugefundene Freiheit und gab das Krankenhaus für eine besser bezahlte Tätigkeit auf. Irgendwo unterwegs wurde sie nach Washington mitgenommen und besichtigte das Weiße Haus, das Kapitol und den Playboy-Club. Nach letzterem amerikanisierte sie sich noch mehr, indem sie den Namen Bunnie annahm.

Nun, ein Jahr später, war Bunnie Vorobioff völlig assimiliert. Sie nahm an einen Tanzkurs teil, war im Blue Cross und Columbia Record Club, hatte ein Kreditkonto bei Carson Pirie Scott, war auf Reader's Digest und TV abonniert, kaufte in Raten die World Book Encyclopedia, besaß einen Volkswagen, sammelte Rabattmarken und nahm die Pille.

Bunnie nahm auch begeistert an Wettbewerben aller Art teil, besonders solchen, die eine greifbare Belohnung versprachen. Das war auch der Grund dafür, daß ihr die jetzige Tätigkeit mehr behagte als alles, was sie vorher getan hatte. Es war die Tatsache, daß die Versicherungsgesellschaften von Zeit zu Zeit für ihre Angestellten Umsatzwettbewerbe mit Warenpreisen veranstalteten. Ein solcher Wettbewerb war nun gerade im Gange. Er sollte heute abend zu Ende gehen.

Dieser Wettbewerb war der Grund dafür, daß Bunnie so erfreut reagiert hatte, als D. O. Guerrero sagte, er sei auf dem Wege nach Rom. Im Augenblick brauchte Bunnie noch vierzig Punkte, um ihr Ziel in dem Wettbewerb zu erreichen: eine elektrische Zahnbürste. Eine Zeitlang hatte sie heute abend daran gezweifelt, daß sie ihre Punktzahl noch rechtzeitig zusammen bekäme, weil die Policen, die sie heute ausgestellt hatte, vorwiegend Inlandflüge betrafen. Denn diese Abschlüsse brachten geringere Prämien und weniger Wettbewerbspunkte. Wenn sie nun noch eine Höchstprämie für einen Überseeflug erringen konnte, würde ihr das fünfundzwanzig Punkte bringen, und der dann noch verbleibende Rest wäre leicht zu schaffen. Die Frage war nur: Eine wie hohe Police wollte der Fluggast nach Rom haben und gesetzt, sie läge unter dem Maximum, könnte Bunnie sie höher treiben?

In der Regel konnte sie das. Bunnie setzte einfach ihr verführerischstes Lächeln auf, das sie wie einen sofort wärmespendenden Ofen zu benutzen gelernt hatte, beugte sich nahe an den Kunden heran, so daß ihr Busen ihn verwirrte, und machte ihm dann klar, eine wie viel größere Chance sich ihm für etwas mehr Geld bot. Meistens zog das und war die Erklärung für Bunnies Erfolg als Versicherungsangestellte.

Nachdem D. O. Guerrero seinen Namen buchstabiert hatte, fragte sie: »An welche Police dachten Sie, Sir?«

Guerrero schluckte. »Volle Lebensversicherung — fünfundsieb-zigtausend Dollar.«

Nachdem er es ausgesprochen hatte, wurde ihm der Mund trok-ken. Er bekam plötzlich Angst, seine Worte hätte jedermann in der Schlange hinter ihm stutzig gemacht, und dachte, ihre Augen bohrten sich ihm in den Rücken. Er zitterte am ganzen Leib, er war sicher, daß es bemerkt werden würde. Um das zu verdecken, zündete er sich eine Zigarette an, aber seine Hand zitterte derart, daß er Mühe hatte, Flamme und Zigarette zusammenzubringen. Gott sei Dank hatte das Mädchen, deren Stift über der Spalte »Versicherungssumme« schwankte, anscheinend nichts gemerkt.

Bunnie äußerte: »Das würde zwei Dollar und fünfzig Cent kosten.«

»Was? — Ach so, ja.« Guerrero gelang es, seine Zigarette anzuzünden, dann ließ er das Streichholz fallen. Er griff in seine Taschen, das wenige Geld, das er noch hatte, hervorzuholen.

»Aber es ist nur eine sehr kleine Police.« Bunnie Vorobioff hatte die Summe noch nicht eingetragen. Nun beugte sie sich vor und brachte dem Kunden ihren Busen näher. Sie konnte sehen, wie er fasziniert darauf herunterschaute; das taten die Männer immer. Manchmal spürte sie, daß sie am liebsten zupacken würden. Dieser Mann jedoch nicht.

»Klein?« Guerrero sprach verlegen und stockend. »Ich dachte — es wäre die größte.«

Selbst Bunnie bemerkte nun die starke Nervosität des Mannes. Sie vermutete, das käme durch den baldigen Abflug. Sie schickte ein blendendes Lächeln über den Tisch.

»Aber nein, Sir. Sie können eine Dreihunderttausend-Dollar-Po-lice haben. Die meisten Reisenden nehmen sie, und sie kostet nur zehn Dollar Prämie. Das ist doch wirklich nicht viel für den großen Schutz, den sie bietet, nicht wahr?« Sie behielt ihr Lächeln eingeschaltet; die Antwort konnte eine Differenz von beinahe zwanzig Punkten bedeuten; sie konnte sie die elektrische Zahnbürste gewinnen oder verlieren lassen.

»Sie sagten — zehn Dollar?«

»Ganz richtig — für dreihunderttausend.«

D. O. Guerrero dachte: Wenn ich das gewußt hätte! Er hatte angenommen, fünfundsiebzigtausend Dollar seien die Höchstgrenze für auf Flughäfen abgeschlossene Versicherungen bei Überseeflügen. Diese Kenntnis hatte er aus einem Versicherungsformular gewonnen, das er vor ein oder zwei Monaten auf einem anderen Flughafen an sich genommen hatte. Jetzt fiel ihm aber ein, daß jenes Formular ja aus einem Automaten stammte. Der Gedanke war ihm nicht gekommen, daß Policen am Schalter viel höher sein könnten.

Dreihunderttausend Dollar!

»Ja«, sagte er. »Bitte — ja.«

Bunnie strahlte. »Den vollen Betrag, Mr. Guerrero?«

Er war im Begriff zustimmend zu nicken, als ihm die höchste Ironie aufging. Zehn Dollar besaß er wahrscheinlich gar nicht mehr. Er sagte: »Miss — warten Sie mal!« und begann in seinen Taschen zu wühlen und alles, was er an Geld noch besaß, zusammenzusuchen.

Die Leute in der Schlange fingen allmählich an, ungeduldig zu werden. Der Mann, der sich zu Anfang gegen »Guerrero gewandt hatte, protestierte nun bei Bunnie: »Sie sagten, es dauert nur eine Minute!«

Guerrero hatte vier Dollar und siebzig Cent zusammengekratzt.

Vor zwei Nächten, als D. O. Guerrero und Inez ihr letztes verbliebenes Geld zusammengeworfen hatten, hatte er acht Dollar und ein bißchen Kleingeld an sich genommen. Nachdem er Inez' Ring versetzt und die Ausgaben für den Flugschein gemacht hatte, waren ihm nur ein paar Dollar geblieben; genau wußte er es nicht, aber nachdem er für Essen, Untergrundbahnfahrten und den Flughafenbus bezahlt hatte . . . Er hatte gewußt, daß er zweieinhalb Dollar für die Versicherung brauchte, und diesen Betrag sorgfältig in einer Extratasche gelassen. Darüber hinaus aber hatte er sich keine Gedanken gemacht, weil er sich gesagt hatte, sobald er erst einmal an Bord von Flug Zwei wäre, hätte Geld ja keinen Wert mehr.