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»Wenn Sie kein Bargeld haben«, sagte Bunnie Vorobioff, »können Sie mir auch einen Scheck geben.«

»Mein Scheckbuch habe ich zu Hause gelassen.« Das war eine Lüge; er hatte Schecks in der Tasche. Aber wenn er einen ausschrieb, würde dieser platzen und die Versicherung ungültig machen.

Bunnie sagte hartnäckig: »Wie ist es mit italienischem Geld, Mr. Guerrero? Ich kann ja Lire zum richtigen Kurs nehmen.«

Er murmelte: »Italienisches Geld habe ich auch nicht.« Dann verfluchte er sich selbst, weil er das gesagt hatte. In der Stadt hatte er sich für einen Flug nach Rom ohne Gepäck gemeldet. Nun hatte er wahrscheinlich vor Zuschauern gezeigt, daß er kein Geld, weder amerikanisches noch italienisches, hatte. Wer würde schon ohne Gepäck und ohne einen Pfennig einen Überseeflug antreten, es sei denn jemand, der wußte, daß der Flug nie seinen Bestimmungsort erreichen würde.

Dann sagte sich Guerrero aber, außer in seiner Vorstellung hätten die beiden Vorfälle — in der Stadt und hier — ja gar keinen Zusammenhang. Sie würden erst später in Zusammenhang gebracht werden, doch dann war es belanglos.

Er überlegte weiter, wie er es schon auf dem Weg hierher getan hatte: Der Grad der Verdächtigung spielte gar keine Rolle, der entscheidende Faktor war, daß es kein Wrack, keinen Beweis gab.

Erstaunlicherweise, und trotz seines letzten Fehlers, entdeckte er, daß seine Zuversicht wuchs.

Er legte noch ein paar Zehncentstücke und Pennies zu dem Haufen Kleingeld auf den Schalter. Da fand er, wie durch ein Wunder, in einer Innentasche noch eine Fünfdollarnote.

Ohne seine Erregung zu verbergen, rief Guerrero aus: »Da haben wir es! Ich habe genug!« Es blieb sogar noch ungefähr ein Dollar übrig.

Nun aber kamen sogar Bunnie Zweifel. Anstatt die Dreihundert-tausend-Dollar-Police auszuschreiben, zögerte sie.

Während er in seinen Taschen gesucht hatte, hatte sie sein Gesicht studiert.

Natürlich war es seltsam, daß dieser Mann ohne Geld nach Übersee flog, aber das war schließlich seine eigene Angelegenheit. Dafür konnte es alle möglichen Gründe geben. Was sie wirklich irritierte, waren seine Augen; eine Spur von Irrsinn, von Verzweiflung lag in ihnen. Das waren Zustände, die Bunnie aus ihrer Vergangenheit gut kannte. Sie hatte sie bei anderen erlebt. Und in Augenblicken — obwohl es schon so lange her zu sein schien — hatte sie selbst dicht davorgestanden. Bunnies Arbeitgeber bei der Versicherungsgesellschaft hatten eine feststehende Vorschrift: Beantragte jemand eine Flugversicherung, der gestört oder ungewöhnlich erregt schien, oder betrunken war, so war dieses Faktum der Fluggesellschaft zu melden, mit der er flog. Die Frage für Bunnie war: Lag hier ein Anlaß vor, die Regel zu befolgen?

Sie war sich nicht sicher.

Die Versicherungsangestellten diskutierten diese Vorschrift öfters untereinander. Einige der Mädchen hatten etwas dagegen und befolgten sie nicht. Sie machten den Einwand, sie seien angestellt, um Versicherungen auszustellen, nicht um als unbezahlte, ungeprüfte Psychologen zu arbeiten. Andere sagten, viele Menschen, die auf einen Flughafen Versicherungen abschlössen, seien nervös; wie könne einer ohne Spezialausbildung entscheiden, wo Nervosität aufhöre und Irrsinn anfange. Bunnie selbst hatte nie einen erregten Passagier gemeldet, wenn sie auch ein Mädchen kannte, die es getan hatte, wobei sich nachher herausstellte, daß es der Vizepräsident einer Fluggesellschaft war, der so aufgeregt war, weil seine Frau ein Kind bekam. Es waren alle möglichen Verwicklungen in dieser Beziehung vorgekommen.

Immer noch zögerte Bunnie. Sie hatte ihre Unsicherheit dadurch überspielt, indem sie das Geld des Mannes vor dem Schalter zählte. Nun fragte sie sich, ob Marj, die Kollegin, die neben ihr arbeitete, wohl irgend etwas Ungewöhnliches bemerkt hätte. Marj war mit dem Ausschreiben einer Police und dem Verdienen ihrer Wettbewerbspunkte beschäftigt.

Am Ende war es Bunnie Vorobioffs Vergangenheit, die ihre Entscheidung beeinflußte. Ihre Jugendzeit — das besetzte Europa, ihre Flucht in den Westen, die Berliner Mauer — hatte sie überleben gelehrt und ihr die Erfahrung eingebracht: Die Neugier beherrschen und keine unnötigen Fragen stellen. Fragen führten zu Verwicklungen, und Verwicklung — in anderer Leute Probleme — war etwas, das vermieden werden mußte, wenn man seine eigenen hatte.

Ohne weitere Fragen zu stellen und dabei zugleich ihr Problem — wie gewinne ich eine elektrische Zahnbürste — lösend, schrieb Bunnie Vorobioff eine Flugversicherungspolice für dreihunderttausend Dollar auf D. O. Guerreros Leben aus.

Auf dem Weg zu Ausgang siebenundvierzig zu Flug Zwei steckte D. O. Guerrero die Police an seine Frau Inez in den Briefkasten.

13

Zollinspektor Harry Standish hörte die Ansage des bevorstehenden Abflugs von Flug Zwei nicht, doch wußte er, daß sie erfolgt war. Flugansagen wurden nicht zur Zollabfertigung durchgegeben da nur die aus dem Ausland ankommenden Besucher dorthin gehen. Folglich erhielt Standish seine Information von der Trans-America-Fluglinie über das Telefon. Ihm wurde gesagt, daß Flug Zwei mit dem Anbordgehen begonnen habe und zur neu festgesetzten Zeit, um 23 Uhr, starten würde.

Standish sah auf die Uhr und wollte in einigen Minuten zum Ausgang siebenundvierzig gehen, nicht dienstlich, sondern um sich von seiner Nichte Judy zu verabschieden, der Tochter seiner Schwester, die zu ihrer Ausbildung für ein Jahr nach Europa flog. Früher am Abend hatte er eine Weile mit seiner Nichte, einem netten, selbstsicheren Mädchen von achtzehn Jahren, verbracht und gesagt, er würde noch einmal kommen und sich verabschieden, ehe ihr Flug abginge.

Indessen war Inspektor Standish dabei, vor Ende eines mühevollen Tages, ein lästiges Problem zu lösen.

»Madam«, sagte er in aller Ruhe zu der hoheitsvollen, starkknochigen Dame, deren verschiedene Koffer geöffnet auf dem Zolluntersuchungstisch zwischen ihnen lagen, »sind Sie sicher, daß Sie ihre Darstellung nicht mehr berichtigen wollen?«

Sie stieß hervor: »Sie wollen damit wohl andeuten, ich hätte gelogen. Dabei habe ich Ihnen nur die Wahrheit gesagt. Manchmal frage ich mich, ob wir hier nicht in einem Polizeistaat leben.«

Harry Standish ignorierte die letzte Bemerkung, weil sich Zollbeamte angewöhnt haben, die vielen Beleidigungen, die sie zu hören bekommen, zu übergehen, und antwortete höflich: »Ich will gar nichts andeuten, Madam. Ich frage lediglich, ob Sie ihre Angaben über diese Dinge — die Kleider, die Pullover und den Pelzmantel — korrigieren möchten.«

Die Frau, deren amerikanischer Paß sie als Mrs. Harriet Du Barry Mossman aus Evenston auswies, und die eben von einem einmonatigen Aufenthalt in England, Frankreich und Dänemark zurückkam, antwortete scharf: »Nein, das möchte ich nicht. Außerdem, wenn der Anwalt meines Mannes von dieser Ausfragerei erfährt . . .«

»Schön, Madam«, sagte Harry Standish. »In dem Fall möchte ich Sie bitten, dies Formular zu unterschreiben. Wenn Sie wünschen, erkläre ich es Ihnen.«

Die Kleider, Pullover und der Pelzmantel lagen ausgebreitet auf dem Tisch. Den Pelz — ein Zobelmantel — hatte Mrs. Mossman bis vor einigen Minuten getragen, als Inspektor Standish zur Zollkontrolle Nr. 11 kam; er hatte sie gebeten, den Mantel auszuziehen, damit er ihn genauer ansehen könne. Kurz vorher hafte ein Rotlicht auf einem Wandbrett, weiter in der Mitte der großen Zollabfertigungshalle, Standish herbeigerufen. Diese Lichtsignale — eines für jeden Platz — meldeten, daß ein Zollbeamter vor einem Problem stand und die Hilfe seines Vorgesetzten brauchte.