Nun stand der junge Zöllner, der bisher mit Mrs. Mossman zu tun hatte, neben Inspektor Standish. Die meisten anderen Passagiere, die an Bord einer DC-8 der Scandinavian Airlines von Kopenhagen angekommen waren, hatten die Zollkontrolle hinter sich und waren gegangen. Nur diese gutgekleidete Dame gab ein Problem auf, indem sie darauf bestand, alles, was sie in Europa gekauft habe, sei etwas Parfüm, billiger Modeschmuck und Schuhe.
»Warum soll ich irgend etwas unterschreiben?« fragte Mrs. Har-riet Du Barry Mossman.
Standish blickte zu einer Uhr hinauf, es war Viertel nach zehn. Er hatte also noch Zeit, das hier zu Ende zu bringen und Flug Zwei vor Abflug noch zu erreichen. Höflich antwortete er: »Um Ihnen die Sache zu erleichtern, Madam. Wir bitten nur, uns schriftlich zu bestätigen, was Sie uns bereits gesagt haben. Sie sagten, die Kleider wären in . . .«
»Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Sie sind in Chicago und New York gekauft, ehe ich nach Europa flog; ebenso die Pullover. Der Pelz ist ein Geschenk — gekauft in den Vereinigten Staaten. Ich bekam ihn vor sechs Monaten.«
Warum, fragte sich Standish, taten die Menschen nur so etwas? Die gemachten Angaben, das wußte er genau, waren lauter Lügen.
Zunächst einmal waren aus allen Kleidern — sechs, und alle von erster Qualität — die Etiketts herausgetrennt. Das tat niemand nur einfach so; in der Regel waren Frauen stolz auf Etiketts in erstklassigen Sachen. Wesentlicher war: Die Machart der Kleider war eindeutig französisch, ebenso der Schnitt des Pelzes — obwohl ein Etikett von Saks Fifth Avenue recht ungeschickt in das Futter genäht worden war. Daß Menschen wie diese Mrs. Mossman sich nie klarmachten, daß ein erfahrener Zollbeamter keine Etiketts zu sehen braucht, um zu wissen, woher Kleidungsstücke stammen. Schnitt, Näharbeit — sogar die Art, wie ein Reißverschluß eingenäht ist — waren für sie wie eine bekannte Handschrift, und auch so unterscheidbar.
Dasselbe galt auch für die drei teuren Pullover. Die waren auch ohne Etiketts und stammten unverkennbar aus Schottland, in typisch englischen, gedeckten Farben, wie sie in den Vereinigten Staaten nicht zu haben waren. Wenn Geschäfte in den Staaten solche Pullover bestellten, machten die schottischen Strickereien sie in viel knalligeren Farben, wie sie der amerikanische Markt bevorzugt. All dieses und vieles andere lernten die Zollbeamten bei ihrer Ausbildung.
Mrs. Mossman erkundigte sich: »Und was passiert, wenn ich unterschreibe?«
»Dann können Sie gehen, Madam.«
»Und kann meine Sachen mitnehmen? Alles?«
»Gewiß.«
»Wenn ich es aber nun ablehne?«
»Dann sind wir genötigt, Sie hier festzuhalten, solange die Nachforschungen dauern.«
Es entstand eine ganz kurze Pause: »Also gut. Füllen Sie das Formular aus, und ich unterschreibe.«
»Nein, Madam, Sie füllen es aus. Hier führen sie die Gegenstände auf, und hier geben Sie an, wo Sie sie gekauft haben. Bitte nennen Sie die Geschäfte und auch, von wem Sie den Pelz geschenkt bekommen haben . . .«
Harry Standish dachte: In einer Minute muß ich gehen; jetzt ist es zehn vor elf. Er wollte doch nicht bei Flug Zwei ankommen, wenn die Türen geschlossen waren. Aber erst einmal hatte er einen Verdacht . . .
Morgen früh würde ein Beamter der Zollfahndungsstelle die Erklärung prüfen, die Mrs. Mossman soeben abgegeben hatte. Die Kleider und Pullover würden sichergestellt und in den Geschäften, in denen sie angeblich gekauft waren, vorgezeigt werden; der Pelzmantel würde zu Saks in der Fifth Avenue gebracht werden, die ihn zweifellos für nicht von ihnen stammend erklären würden. Mrs Mossman hatte — obwohl sie es noch nicht wußte — große Scherereien, einschließlich hoher Zollgebühren und wohl auch einer gehörigen Geldbuße, zu erwarten.
»Madam«, sagte Inspektor Standish, »haben Sie sonst noch irgend etwas zu verzollen?«
Mrs. Mossman entgegnete empört: »Nein, ganz bestimmt nichts!«
»Sind Sie ganz sicher?«
Ihn keiner Antwort würdigend, schüttelte sie verächtlich den Kopf.
»Dann bitte ich Sie«, sagte der Inspektor, »doch einmal ihre Handtasche zu öffnen.«
Zum erstenmal verriet die hochmütige Frau Unsicherheit. »Aber Handtaschen werden doch nie kontrolliert! Ich bin so oft durch den Zoll gekommen.«
»Im allgemeinen nicht. Aber wir haben das Recht dazu.«
Das Kontrollieren von Damenhandtaschen kam selten vor. Wie die Hosentaschen bei Männern, galten Handtaschen als persönliche Sphäre und wurden fast nie beachtet. Wenn aber jemand Schwierigkeiten machte, dann konnten die Zöllner auch schwierig werden.
Zögernd klappte Mrs. Harriet Du Barry Mossman ihre Handtasche auf.
Harry Standish prüfte einen Lippenstift und eine goldene Puderdose. Als er den Puder in der Dose untersuchte, zog er einen Ring mit einem Brillanten und einem Rubin heraus; er blies den Puder von dem Ring. Dann kam eine halbvolle Tube mit Handcreme zum Vorschein. Als er die Tube aufrollte, sah er, daß das Ende aufgemacht worden war. Als er die Tube an der Spitze befühlte, bemerkte er etwas Hartes im Inneren. Er fragte sich, wann die Schmuggler sich endlich einmal etwas Neues einfallen lassen würden. So alte Tricks! Die hatte er alle schon oft gesehen.
Mrs. Mossman erbleichte sichtlich. Ihre ganze Arroganz war dahin.
»Madam«, sagte Standish, »ich muß für einen Augenblick fort, bin aber bald zurück. Auf jeden Fall wird das hier etwas länger dauern.« Er instruierte den jungen Kollegen neben ihm: »Kontrollieren Sie alles sehr sorgfältig. Sehen Sie sich das Futter der Handtasche und der Koffer an, die Säume und Nähte von allen Sachen. Machen Sie eine Liste. Sie wissen ja, was Sie zu tun haben.«
Als er gehen wollte, rief Mrs. Mossman hinter ihm her: »Herr Zollinspektor!«
Er blieb stehen. »Ja, Madam?«
»Mit dem Mantel und den Kleidern, da habe ich mich vielleicht geirrt — ich war so verwirrt. Die habe ich gekauft, und da sind vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten . . .«
Standish schüttelte den Kopf. Wenn die Leute doch endlich begreifen wollten, daß irgendwo eine Grenze sein mußte, nach der keine Zusammenarbeit mehr möglich war. Er sah, daß der Kollege noch etwas anderes gefunden hatte.
»Bitte! Ich bitte Sie sehr — mein Mann . . .«
Als der Inspektor ging, wurde das Gesicht der Frau weiß und eingefallen.
Mit schnellen Schritten nahm Harry Standish eine Abkürzung, die unterhalb des für die Allgemeinheit zugänglichen Teils des Flughafens hindurchführte, um zum Warteraum »D« und Ausgang siebenundvierzig zu kommen. Unterwegs dachte er über die Torheit dieser Mrs. Mossman und der vielen ihresgleichen nach. Wäre sie mit dem Mantel und den Kleidern ehrlich gewesen und hätte sie sie angegeben, dann wäre die Zollgebühr nicht sehr hoch gewesen, besonders für jemand, der offensichtlich wohlhabend war. Wenn der junge Kollege die Pullover auch bemerkt hätte, hätte er sich wahrscheinlich gar nicht damit aufgehalten; und sicher wäre dann auch nicht ihre Handtasche kontrolliert worden. Die Zollbeamten wußten ja genau, daß alle zurückkehrenden Reisenden ein bißchen schmuggelten, und waren da nachsichtig. Und wenn sie gebeten wurden, halfen sie den Leuten, ihre hochverzollbaren Dinge innerhalb der Grenze für zollfreie Einfuhr unterzubringen und andere. Artikel, für die niedrigere Sätze galten, zum Verzollen zu deklarieren.
Leute, die geschnappt, hart angepackt und manchmal angeklagt wurden, waren immer und ewig nur solche, wie Mrs. Mossman, die versuchten, mit allem glatt durchzukommen. Deprimiert hatte Harry Standish heute nur die große Zahl von ihresgleichen.
Erleichtert sah er, daß die Türen zu Flug Zwei noch nicht geschlossen waren und bei der Ausgangskontrolle noch einige Reisende standen. Seine Zolluniform galt für ihn auf dem Flughafen als Passierschein, und der beschäftigte Angestellte am Ausgang blickte kaum auf, als Inspektor Standish vorbeikam. Der Angestellte am Ausgang wurde, wie Standish bemerkte, von einer rothaarigen Frau in Uniform unterstützt, in der er Mrs. Livingston erkannte.