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Der Inspektor betrat die Gangway zur Touristenklasse. Eine Stewardess stand am hinteren Eingang des Flugzeugs. Er lächelte. »Es dauert nur einen Augenblick. Starten Sie aber nicht mit mir an Bord.«

Er fand seine Nichte auf dem äußeren Platz einer dreisitzigen Reihe. Sie beschäftigte sich mit einem Kind, das einem jungen Ehepaar auf den beiden anderen Plätzen gehörte. Wie immer schien diese Touristenkabine erdrückend überfüllt zu sein, die Plätze unbequem eng nebeneinander. Bei den wenigen Flugreisen, die Inspektor Standish selbst gemacht hatte, war er auch in der Touristenklasse geflogen und hatte stets ein Gefühl von Platzangst gehabt. Heute abend beneidete er keinen dieser Leute um die zehnstündige Reise, die vor ihnen lag.

»Onkel Harry!« rief Judy. »Ich habe schon gedacht, du würdest es nicht mehr schaffen.« Sie gab das Kind der Mutter zurück.

»Ich bin nur schnell gekommen, um noch einmal Adieu zu sagen!« meinte er. »Ich wünsche dir ein gutes Jahr, und wenn du zurückkommst, versuche nicht zu schmuggeln!«

Sie lachte. »Das werde ich nicht. Auf Wiedersehn, Onkel Harry.«

Sie hielt ihm das Gesicht hin, und er küßte sie herzlich. Nein, um Judy hatte er keine Angst. Er hatte das Gefühl, sie würde einmal nicht so werden wie Mrs. Mossman.

Nachdem er das Flugzeug mit einem freundlichen Lächeln zur Stewardess hin verlassen hatte, blieb er einen Augenblick am Ausgang stehen und sah zu. Die letzten Augenblicke vor dem Start eines Fluges, besonders nach entfernten Gegenden, faszinierten ihn immer wieder, wie es ja vielen Menschen geht.

»Trans America Airlines geben den sofortigen Start von Flug Zwei The Golden Argosy. . .« hieß es gerade im Lautsprecher.

Das Menschenknäuel, das darauf wartete, an Bord zu gehen, hatte sich bis auf zwei verringert. Die rothaarige Passagierbetreuerin, Mrs. Livingston, sammelte ihre Papiere ein, während sich der Mann an der Sperre mit dem vorletzten Ankömmling beschäftigte — einem großen blonden Mann, hutlos, in einem Kamelhaarmantel. Nun verließ der blonde Mann die Sperre und betrat die Gangway zur Touristenklasse. Mrs. Livingston verließ ebenfalls die Sperre und ging zur Haupthalle des Flughafens.

Während er zusah, bemerkte Standish, eigentlich mehr im Unterbewußtsein, noch jemanden, der vor einem Fenster stand und der Sperre den Rücken zukehrte. Jetzt drehte sich die Gestalt um, und er sah, daß es eine alte Dame war. Sie wirkte klein, gesetzt und zart. Sie war schwarz gekleidet, in einem altmodischen Stil, und trug eine schwarze Perlenhandtasche. Sie sah aus, als brauche sie jemanden, der sich ihrer annahm, und er wunderte sich, daß jemand, der so alt und offensichtlich einsam war, noch so spät in der Nacht hier war.

Flinker als erwartet, ging die alte Dame zu dem Angestellten der Trans Amerika, der mit den letzten Reisenden für Flug Zwei beschäftigt war. Standish hörte bruchstückweise, was gesagt wurde. Die Worte der alten Dame wurden übertönt von dem Lärm der Flugzeuge, die draußen starteten. »Entschuldigen Sie — mein Sohn ist gerade an Bord gegangen — blondes Haar, ohne Hut, Kamelhaarmantel — Brieftasche vergessen — sein ganzes Geld.« Die alte Dame zeigte, wie Standish sehen konnte, etwas vor, das aussah wie eine Brieftasche. Der Angestellte blickte ungeduldig auf. Er sah abgekämpft aus; das taten die Männer an der Sperre gewöhnlich in den letzten Minuten vor einem Abflug. Der Mann wollte die Brieftasche ergreifen, sah aber dann die alte Dame, überlegte es sich anders und sagte schnell irgendwas. Er wies auf die Gangway zur Touristenklasse, und Standish hörte ihn sagen: »Bitten Sie die Stewardess.« Die alte Dame lächelte, nickte und ging zur Gangway. Einen Augenblick später war sie außer Sicht.

Alles, was Zollinspektor Standish beobachtet hatte, dauerte nur wenige Augenblicke, vielleicht weniger als eine Minute. Nun sah er einen anderen Ankömmling erscheinen — einen spindeldürren Mann mit gebeugtem Rücken, der durch den Warteraum »D« auf Ausgang siebenundvierzig zueilte. Der Mann hatte ein hageres Gesicht und einen dünnen sandfarbenen Schnurrbart. Er trug einen kleinen Aktenkoffer.

Standish wollte sich gerade abwenden, da erregte irgend etwas an dem Mann seine Aufmerksamkeit. Es war die Art, wie er seinen Koffer hielt — beschützend unter seinem Arm. Harry Standish hatte oft Leute dasselbe tun sehen, wenn sie durch die Zollabfertigung kamen. Es war ein Eingeständnis, daß sie das, was auch immer in dem Koffer oder der Tasche war, verbergen wollten. Wenn dieser Mann aus dem Ausland gekommen wäre, hätte Standish ihn den Koffer öffnen lassen und dessen Inhalt kontrolliert. Aber der Mann verließ ja die Vereinigten Staaten.

Kurz gesagt: Es ging Harry Standish nichts an.

Doch irgend etwas — ein sechster Sinn, den Zollbeamte sich aneignen, dazu eine persönliche Verbindung durch Judy mit Flug Zwei —, irgend etwas ließ den Inspektor weiterbeobachten, hielt seinen Blick an dem Aktenkoffer fest, den der dünne Mann da immer noch ans Herz drückte.

Das Gefühl der Zuversicht, das bei D. O. Guerrero am Versicherungsschalter wiedergekehrt war, hatte angehalten. Als er sich dem Ausgang siebenundvierzig näherte und bemerkte, daß er noch rechtzeitig zum Flug Zwei kam, war er der Überzeugung, im großen ganzen seien seine Schwierigkeiten vorüber. Von nun an, sagte er sich zur Beruhigung, würde alles wie geplant ablaufen. Dieser Erwartung entsprechend, gab es an der Sperre kein Problem. Wie er von Anfang an geplant hatte, machte er auf die Diskrepanz zwischen dem Namen »Buerrero« auf seinem Flugschein und Guerrero in seinem Paß aufmerksam. Nach einem flüchtigen Blick in den Paß korrigierte der Mann an der Sperre sowohl den Schein wie auch seine Passagierliste und entschuldigte sich: »Bedaure Sir, manchmal sind unsere Buchungsmaschinen unzuverlässig.« Guer-rero stellte mit Genugtuung fest, daß sein Name richtig eingetragen war. Es würde also später, wenn Flug Zwei als vermißt galt, keinen Zweifel an seiner Identität geben.

»Ich wünsche einen angenehmen Flug, Sir.« Der Mann gab ihm den Flugschein zurück und wies einladend auf die Gangway zur Touristenklasse.

Als D. O. Guerrero an Bord ging, seinen Koffer nach wie vor fest an sich gedrückt, liefen die Steuerbordmaschinen bereits.

Sein numerierter Platz — am Fenster, in einer Reihe von drei Sitzen — war ihm zugeteilt worden, als er sich im Stadtbüro gemeldet hatte. Eine Stewardess wies ihm den Weg. Ein männlicher Mitreisender, der bereits auf dem Sitzplatz am Gang saß, erhob sich etwas, um Guerrero vorbeizulassen, der Platz zwischen ihnen war unbesetzt.

D. O. Guerrero balancierte sein Köfferchen vorsichtig auf den Knien, als er sich anschnallte. Sein Platz lag in der Mitte des Abteils, auf der linken Seite. Überall in der Kabine waren die Leute damit beschäftigt, sich einzurichten, Handgepäck und Mäntel unterzubringen. Einige Menschen blockierten den Mittelgang. Eine der Stewardessen bewegte tonlos ihre Lippen und sah aus, als wünschte sie, daß alle einmal ruhig wären, denn sie war bei der Kopfzählung.

Zum ersten Male, seit D. O. Guerrero seine Wohnung verlassen hatte, entspannte er sich, lehnte sich in seinen Sitz zurück und schloß die Augen. Seine Hände, die jetzt ruhiger waren, lagen fest auf dem Aktenkoffer. Ohne die Augen zu öffnen, tastete er mit den Fingern unter dem Griff und überzeugte sich, daß die wichtige Schlinge noch da war. Das Gefühl war beruhigend. Er würde genau so sitzen, beschloß er bei sich, wenn er in etwa vier Stunden daran zöge und den elektrischen Stromkreis schloß, der die Dynamitladung im Köfferchen zur Explosion bringen würde. Und wenn dann der Augenblick käme, fragte er sich, wieviel Zeit würde ihm wohl bleiben, um es zu merken?