Diese Frage beantwortete er mit der Überlegung, daß es nur einen Moment dauern würde — den Bruchteil einer Sekunde —, um seinen Erfolg zu genießen. Dann, barmherzigerweise, war alles zu Ende.
Nun, da er an Bord und bereit war, wünschte er, der Flug möge starten. Doch als er die Augen öffnete, war dieselbe Stewardess immer noch beim Zählen.
Im Augenblick waren zwei Stewardessen in der Touristenklasse. Mrs. Ada Quonsett hatte beide beobachtet, indem sie von Zeit zu Zeit einen Spalt der Toilettentür öffnete, hinter der sie sich verbotgen hielt.
Die Vorstartkopfzählung durch eine Stewardess, die nun statt- fand, kannte Mrs. Quonsett. Sie wußte auch, daß in diesem Augen- blick jemand, der illegal an Bord war, der Entdeckung am stärksten ausgesetzt war. Wenn ein blinder Passagier aber diese Zählung überstand, hatte er oder sie die Chance, erst viel später, falls überhaupt, entdeckt zu werden.
Glücklicherweise war die Stewardess, die nun die Kopfzählung machte, nicht die gleiche, der Mrs. Quonsett begegnet war, als sie an Bord kam. Mrs. Quonsett hatte ein paar angstvolle Augenblicke hinter sich gebracht, als sie vorsichtig die rothaarige Hexe von der Passagierbetreuung beobachtete, die sie zu ihrer Bedrängnis am Ausgang siebenundvierzig im Dienst fand. Gott sei Dank verschwand die Frau, ehe das An-Bord-Gehen für den Flug beendet war, und der Mann an der Sperre erwies sich als leichtgläubig.
Danach wiederholte Mrs. Quonsett ihre Geschichte mit der Brieftasche bei der Stewardess, die an der Tür des Flugzeugs Dienst hatte. Die Stewardess, mit den Fragen verschiedener Personen, die sich am Eingang herumdrückten, beschäftigt, lehnte es ab, die Brieftasche zu übernehmen, als sie hörte, es sei eine »Menge Geld« darin — eine Reaktion, mit der Mrs. Quonsett gerechnet hatte. Wie erwartet, wurde also der kleinen alten Dame gesagt, sie könne ihrem Sohn die Brieftasche ja selbst geben, wenn sie sich beeile.
Der große blonde Mann, der unwissentlich ein Sohn von Mrs. Quonsett war, nahm seinen Platz in der vorderen Kabine ein. Mrs. Quonsett ging in seine Richtung vor, aber nur wenige Schritte. Sie beobachtete heimlich die Stewardess an der Tür und wartete darauf, daß deren Aufmerksamkeit abgelenkt würde. Und das wurde sie auch gleich.
Mrs. Quonsett hatte ihre Pläne elastisch gehalten. Da war ein Platz, ganz in der Nähe, den sie hätte einnehmen können; jedoch hatte eine plötzliche Bewegung mehrerer Reisender auf einmal einen Weg zu einer Toilette freigegeben. Ein oder zwei Momente später sah sie durch die leicht geöffnete Toilettentür, wie die ursprüngliche Stewardess nach vorne ging und verschwand und eine andere Stewardess mit der Kopfzählung, und zwar von vorn, begann.
Als die zweite Stewardess, immer noch zählend, sich dem hinteren Teil des Flugzeugs näherte, tauchte Mrs. Quonsett aus der Toilette auf und ging schnell mit einem gemurmelten »Entschuldigung« an ihr vorbei. Sie hörte die Stewardess ärgerlich mit der Zunge schnalzen. Mrs. Quonsett wußte, daß sie nun in die Zählung eingerechnet war — aber das war alles.
Ein paar Reihen weiter vorn, auf der linken Seite, war in einer Reihe von drei Plätzen der mittlere unbesetzt. Durch ihre Erfahrung als blinder Passagier hatte die kleine alte Dame aus San Diego gelernt, sich solche Plätze auszusuchen, weil die meisten Reisenden sie nicht gern mochten; daher wurden sie auch als letzte bei Vorbestellungen belegt, und wenn ein Flugzeug nicht restlos besetzt war, blieben sie leer.
Einmal auf ihrem Platz, ließ Mrs. Quonsett den Kopf sinken und versuchte so unverdächtig wie möglich auszusehen. Sie machte sich nicht vor, sie könne ewig unentdeckt bleiben. In Rom würde es Paßkontrollen und Zollformalitäten geben, die es ihr unmöglich machten, so ungehindert vom Flughafen zu kommen, wie sie es nach ihren illegalen Reisen nach New York gewohnt war. Mit etwas Glück aber würde sie die Sensation erleben, Italien zu erreichen. Inzwischen würde es auf diesem Flug ein gutes Essen geben, einen Film und vielleicht eine gute Unterhaltung mit ihren beiden Platznachbarn.
Ada Quonsett war neugierig auf ihre Reisegefährten. Sie hatte festgestellt, daß beides Männer waren, aber sie vermied es, sich den auf ihrer Rechten anzusehen, weil das bedeutet hätte, ihr Gesicht dem Mittelgang und den beiden Stewardessen zuzuwenden, die beide nun vor und zurück gingen und eine neue Kopfzählung machten. Mrs. Quonsett musterte inzwischen den Mann zu ihrer Linken, was ihr durch die Tatsache erleichtert wurde, daß er zurückgelehnt saß und die Augen geschlossen hatte. Es war ein hagerer, dünner Mann mit eingefallenem Gesicht und krummem Rük-ken, der aussah, als ob ihm eine tüchtige Mahlzeit guttun würde. Er hatte einen dünnen, sandfarbenen Schnurrbart.
Auf seinen Knien hatte er, wie Mrs. Quonsett sah, einen Aktenkoffer, den er krampfhaft festhielt, obwohl seine Augen geschlossen waren.
Die Stewardessen waren mit ihrer Kopfzählung fertig. Nun tauchte eine dritte Stewardess aus der ersten Klasse vorn auf, und die drei hielten eine eifrige Besprechung ab.
Der Mann neben Mrs. Quonsett hatte seine Augen geöffnet. Immer noch hielt er den Koffer eisern fest. Die alte Dame — von Haus aus eine neugierige Seele — fragte sich, was da wohl drin sein mochte.
Auf seinem Weg zur Zollkontrolle — diesmal durch den Publikumsteil — dachte Harry Standish immer noch an den Mann mit dem Aktenkoffer. Standish hätte den Mann nicht anhalten können, denn außerhalb der Zollabfertigung hatte ein Zollbeamter nicht das Recht, irgend jemand zur Rede zu stellen, es sei denn, daß er annahm, er habe die Zollkontrolle umgangen. Das hatte der Mann am Ausgang aber bestimmt nicht getan.
Natürlich konnte er dem italienischen Zoll die Beschreibung des Mannes telegrafieren und darauf hinweisen, er führe vielleicht Schmuggelware mit sich. Aber Standish wußte nicht so recht, ob er das tun sollte. Es gab nur eine geringe internationale Zusammenarbeit zwischen den Zollverwaltungen, doch große Rivalität. Selbst beim kanadischen Zoll, unmittelbar vor der Tür, war das der Fall. In den Akten waren Fälle enthalten, bei denen der Zoll der Vereinigten Staaten informiert worden war, daß Diamanten nach Kanada geschmuggelt werden würden, aber aus grundsätzlichen Erwägungen wurden die kanadischen Behörden nicht unterrichtet. Statt dessen lauerten amerikanische Agenten den Verdächtigen bei der Ankunft in Kanda auf und beschatteten ihn, nahmen ihn aber erst fest, als er die Grenze der Vereinigten Staaten wieder überschritt. Die Überlegung der Amerikaner war: Der Staat, der derartige Schmuggelware beschlagnahmte, behielt alles für sich, denn Zollbehörden sind abgeneigt, Beute zu teilen.
Nein, beschloß Standish, kein Telegramm nach Italien. Auf alle Fälle würde er den Trans America Airlines seine Bedenken mitteilen und ihnen die Entscheidung überlassen.
Vor sich hatte er Mrs. Livingston gesehen, die vorhin an der Abgangssperre zu Flug Zwei gewesen war. Sie sprach mit einem Gepäckträger und einer Gruppe Reisender. Standish wartete, bis der Gepäckträger und die Passagiere gegangen waren.
»Hallo, Mr. Standish«, grüßte Tanya, »hoffentlich ist es bei Ihnen im Zoll ruhiger als hier.«
»Nicht die Spur«, antwortete er und dachte an Mrs. Mossman, die sicher noch in der Zollkontrolle verhört wurde.
Da Tanya darauf zu warten schien, daß er noch etwas sagen würde, zögerte er. Er fragte sich selbst manchmal, ob er nicht langsam zum Überdetektiv geworden war, seinen Instinkt überspitzt hatte. Aber meistens hatte er sich ja als richtig erwiesen.
»Ich habe bei der Abfertigung von Flug Zwei zugesehen«, sagte Standish, »dabei ist mir etwas aufgefallen.« Er beschrieb den hageren, spindeldürren Mann, der den kleinen Aktenkoffer auf eine so verdächtige Art an sich gedrückt hatte.
»Meinen Sie, daß er etwas schmuggelt?«
Der Inspektor lächelte. »Wenn er aus dem Ausland käme, statt hinzufliegen, würde ich ihn durchsuchen. Das einzige, was ich Ihnen sagen kann. Mrs. Livingston, ist, daß in dem Koffer etwas ist, was er anderen nicht zeigen will.«